Abschluss mit Signalwirkung

René Zipperlen Klaus Riexinger

Von René Zipperlen Klaus Riexinger

So, 11. Februar 2018

Wirtschaft

Der Sonntag IG Metall und Arbeitgeber einigen sich auf mehr Flexibilität – zu beider Nutzen.

Die schrillen Töne, die Tarifauseinandersetzungen häufig begleiten, haben auch dieses Mal wieder überdeckt, wie gut die Tarifautonomie im Land funktioniert. IG Metall und Arbeitgeber haben sich in dieser Woche auf ein innovatives Arbeitszeitmodell geeinigt, das von allen Seiten gelobt wird.

"Das Ergebnis ist ein Triumph der Tarifautonomie, vor allem, weil es weder ideologisch motiviert war noch einseitig ausgefallen ist", sagt denn auch der in Freiburg lehrende Volkswirtschaftler und Arbeitsmarktexperte Alexander Spermann. "Das setzt ein politisches Signal. Jetzt muss der Gesetzgeber liefern und im Arbeitszeitgesetz Räume für Experimente öffnen." Beide Tarifparteien haben Modelle gefunden, wie Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit zeitweilig reduzieren können – und Arbeitgeber ebenfalls flexibler agieren können, weil sie nun mehr Personal auch länger arbeiten lassen können. "Ich bin sehr froh, dass wir diesen Systemwechsel hinbekommen haben", sagt der Geschäftsführer der Freiburger IG Metall, Marco Sprengler, der in Stuttgart mitverhandelt hat.

Eine größere Signalwirkung als von der Lohnerhöhung um 4,3 Prozent geht davon aus, dass Arbeitnehmer nun ihre Arbeitszeit auf 28 Wochenstunden reduzieren können. Zumindest zwei Jahre lang, danach muss ein neuer Antrag gestellt werden. Bis Oktober müssen Anträge eingehen, bis Jahresende haben Unternehmen und Betriebsrat dann Zeit, innerbetriebliche Lösungen zu finden. Eine davon kann dann Mehrarbeit heißen. Ebenfalls gewährleistet ist die Rückkehr in die Vollzeit – die letzte Koalition war daran gescheitert.

Die Grundlage für den Kompromiss wurde durch eine Mitgliederbefragung der IG Metall gelegt, sagt der Geschäftsführer von Südwestmetall, Stephan Wilcken. In der Umfrage nannten die Mitglieder zu etwa je einem Drittel als Prioritäten für die Tarifrunde: mehr Geld, verkürzte Arbeitszeit, längere Arbeitszeit. Genau dies spiegelt sich im Tarifergebnis wider. Alles in allem spricht Wilcken von einem vernünftigen und tragfähigen Kompromiss mit der IG Metall.

Flexibilisierung war für Betriebe schon immer ein Anliegen. So war es für sie hinnehmbar, auch Arbeitnehmern größere Gestaltungsfreiheit ihrer Arbeitszeit zuzugestehen. Dass diese Freiheiten nicht zu einer Belastung des Unternehmens werden, dafür sollen ein Überforderungsschutz, ein Widerspruchsrecht und das Recht auf Mehrarbeit sorgen, betont Wilcken. Maximal zehn Prozent einer Belegschaft können zur gleichen Zeit die Arbeitszeit auf 28 Stunden reduzieren. Eine höhere Quote ist nur möglich, wenn auch mehr Arbeitnehmer Mehrarbeit beantragen. Sollten sich dazu nicht genügend Mitarbeiter finden, hat das Unternehmen das Recht auf Widerspruch. Zwar sieht der Tarifvertrag vor, dass in einem solchen Fall der Betriebsrat eingeschaltet werden muss. Das letzte Wort, so Wilcken, habe aber der Arbeitgeber.

Viele Anfragen aus dem Ausland

In der Praxis geht Wilcken aber davon aus, dass die 28-Stunden-Woche nicht die ganz große Rolle spielen wird: Studien zeigen, dass 90 Prozent des Einkommens von Arbeitnehmern fest verplant sind – für Miete, Kredite, Lebenshaltung und Auto. Schon aus diesem Grund können es sich nicht viele erlauben, weniger zu arbeiten.

Allerdings können Arbeitnehmer auch auf den neuen 27,5-Prozent-Aufschlag auf das Urlaubsgeld verzichten – für sechs Tage Freizeit. Wer Schicht arbeitet, Kinder hat oder Angehörige pflegt, bekommt noch zwei Tage obendrauf. Für Arbeitsmarktexperte Spermann ist die "Lohnumwandlung in Freizeit ein innovatives Modell, auf das andere Branchen schauen werden. Zunächst muss aber die Praxis zeigen, wie groß die Nachfrage ist", gibt auch er zu bedenken. Derzeit liegt die Teilzeitquote in den IG-Metall-Betrieben bei unter sieben Prozent. IG-Metall-Mann Sprengler sagt, er bekomme täglich viele hundert Nachrichten, denn "international gibt es eine sehr hohe Nachfrage nach unserem Modell".

Der Sensorenhersteller Sick AG in Waldkirch, einer der größten Arbeitgeber in Südbaden, begrüßt grundsätzlich die Flexibilisierung. Die Sick AG bietet ihren Mitarbeitern aber schon längst vielfältigste betriebliche Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren – und in Vollzeit zurückzukehren. Das Unternehmen sähe es gerne, wenn die Veränderungsmöglichkeiten der Arbeitszeiten in beide Richtungen noch erweitert würden. "Eine flexible Reaktion auf schwankende Kundennachfrage und Marktsituation ist für uns eine zwingende Notwendigkeit", teilt die Sick AG mit.