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22. Juli 2011

Aus der Nische zum Trendprodukt

Elektrisch betriebene Zweiräder sind der Schlager der Saison / Autozulieferer entdecken die Branche als lukrativen Markt.

MÜNCHEN. Der Fahrradmarkt steht vor einem radikalen Umbruch. Zweiräder mit Elektroantrieb sind die Verkaufsschlager der Saison. Autozulieferer steigen in die Produktion ein, weil es gute Gewinnmargen gibt.

Es klingt wie das Ende der Dinosaurier. "Das mechanische Fahrrad wird verdrängt", sagt Hannes Neupert bestimmt. Übernehmen werden die Regentschaft seiner Überzeugung nach elektrifizierte Drahtesel. Der Prophet ist Vorsitzender des Vereins Extra Energy und gilt hier zu Lande als Elektrofahrrad-Papst.

Angesichts jährlicher Wachstumsraten von 50 Prozent wirkt seine Vorhersage realistisch, dass 2014 in Deutschland über eine Million E-Bikes und Pedelecs verkauft werden. Im Vorjahr waren es laut Zweiradindustrieverband (ZIV) 200 000 Stück. Für 2011 rechnet die Branche mit 300 000 bis 340 000 Verkäufen.

Wenn das Prepaid-Rad komme, sei ein zusätzlicher Schub drin, sagt Neupert. Darunter versteht er Elektrofahrräder mit einer Mietbatterie. Das würde den Verkaufspreis drastisch senken und verstärkt jugendliche Kundschaft anlocken. Über 42 Prozent der deutschen Käufer von Elektrofahrrädern sind heute über 65 Jahre alt, sagt Adrianus Roest. Er ist Deutschland-Manager von Europas zweitgrößtem Fahrradhändler Biretco. Nur 8,4 Prozent der Kunden seien jünger als 40 Jahre.

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Das hat vor allem mit dem Preis zu tun. 2000 Euro kostet ein E-Bike oder Pedelec im Schnitt, vor allem wegen der teuren Batterien. Für elektrische Mountainbikes muss man gar rund 7000 Euro berappen. Neuperts Prepaid-Bike würde 300 Euro Einstiegspreis kosten plus monatlich 35 Euro Batteriemiete. Das könnte das Eis bei einer wenig betuchten Kundschaft brechen.

"Das mechanische Fahrrad wird verdrängt"

Hannes Neupert von Extra Energy
Aber auch so ist das Elektrogefährt auf zwei Rädern ein Trendsetter und Vorreiter der Elektromobilität weit vor den viel gepriesenen Elektroautos. Das haben erste Automobilzulieferer erkannt. Im Geschäft mit der Kfz-Branche werden ihre Renditen immer mehr gedrückt, bei Elektroantrieben für Fahrräder seien satte Gewinne möglich, sagt Neupert. So sieht er den Stuttgarter Bosch-Konzern auf dem Weg zu Marktführerschaft in diesem Bereich noch vor Panasonic aus Japan. "Mit dem E-Bike wandert Wertschöpfung von Japan nach Europa", ist sich der Fahrrad-Papst sicher. Die Batterien blieben allerdings eine asiatische Domäne.

Das wirtschaftliche Potential der elektrischen Zweiräder weist weit über Deutschland hinaus. "Das Fahrrad ist weltweit das Verkehrsmittel Nummer eins", betont Roest. Auch hier zu Lande gebe es mit 73 Millionen doppelt so viele Fahrräder wie Autos. Aber erst zwölf Prozent aller Fahrten gingen aktuell auf ihr Konto. Das ist zwar eine Steigerung von zwei Prozentpunkten seit 2008, aber noch liege viel Potential brach.

So würden in den Niederlanden rund 30 Prozent aller Fahrten mit Fahrrädern vorgenommen, sagt Roest. Dahin könne Deutschland auch kommen. In den Niederlanden geht auch bereits gut die Hälfte aller Fahrradumsätze auf das Konto von E-Bikes. In Deutschland sind es bei stark steigender Tendenz zwölf Prozent.

Als umweltfreundliches Statussymbol taugliche E-Bikes gewinnen auch im Berufsverkehr bei Besserverdienenden an Bedeutung, sagen die Experten. "Wer kurze Strecken mit dem Fahrrad fährt, kann auch viel Geld sparen", sagt Roest mit Blick auf steigende Spritpreise. Seine Branche hat es ausschließlich den Elektrofahrrädern zu verdanken, dass sie wächst.

Um rund zwei Prozent auf 1,84 Milliarden Euro hat der Umsatz der Fahrradhändler bei vier Millionen verkauften Drahteseln hier zu Lande 2010 zugenommen. Dem Boom bei E-Bikes steht ein Niedergang mechanischer Fahrräder gegenüber. Nimmt man Fahrradtourismus dazu, der mit E-Bikes an Reichweite und Bedeutung gewinnt, sind Drahtesel in Deutschland schon heute für 13,5 Milliarden Euro Umsatz verantwortlich.

ELEKTROFAHRRÄDER

Elektrofahrräder sind in Deutschland in Rekordzeit vom Nischen- zum Boomprodukt geworden. Es gibt Pedal Electric Cycles (Pedelecs), deren Elektromotor nur arbeitet, wenn man in die Pedale tritt und bei einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern abschaltet. Außerdem kann man E-Bikes kaufen. Deren Elektromotor erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 45Kilometer pro Stunde , selbst wenn man nicht mehr in die Fahrradpedale tritt.  

Autor: tmh

Autor: Thomas Magenheim-Hörmann