Autoantrieb aus Rheinwasser

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 18. November 2018

Wirtschaft

Der Sonntag Ein Stück Energiewende: Energiedienst weiht seine Power-to-Gas-Anlage in Wyhlen ein.

Nach einer rund dreijährigen Bau- und Planungszeit kann die "Power-to-Gas"-Anlage am Grenzach-Wyhlener Wasserkraftwerk in den nächsten Tagen mit dem Testbetrieb starten. Eingeweiht wurde sie am Donnerstag durch die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

Über steigende Benzinpreise können sich die Verantwortlichen des Laufenburger Versorgers Energiedienst (ED) zukünftig freuen. Wird doch Wasserstoff als Antrieb der Zukunft, den ED zukünftig produziert, damit umso wettbewerbsfähiger. Sechs Millionen Euro hat ED in die äußerlich eher unscheinbare Anlage auf dem Wyhlener Kraftwerksgelände investiert. Vom Land wurde sie mit zusätzlichen 4,5 Millionen Euro unterstützt. 200 Kubikmeter Wasserstoff pro Stunde können hier zukünftig im Regelbetrieb erzeugt werden. Die Leistung der Anlage von einem Megawatt reiche laut ED aus, um etwa 1000 Brennstoffzellenfahrzeuge zu betreiben.

Der Wasserstoff wird per Elektrolyse mit Strom aus dem angrenzenden Kraftwerk aus Wasser gewonnen und kann damit anders als bei der Gewinnung mithilfe von fossilen Energieträgern als weitgehend klimaneutral gelten. Immerhin muss er noch zum Verbraucher transportiert werden. Der Wasserstoff übernimmt indes gleich mehrere unter Umweltaspekten wichtige Rollen, lässt sich doch damit einerseits elektrische Energie speichern, während er andererseits auch direkt als Antrieb für Fahrzeuge nutzbar ist. Schließlich kann die bei der Produktion entstehende Abwärme auch noch wiederverwendet werden. In Grenzach-Wyhlen ist vorgesehen, sie in das nahe gelegene Wärmenetz des mit 650 Wohneinheiten neu entstehenden Baugebiets "Kapellenbach Ost" einzuspeisen.

CO2-neutraler Kraftstoff für den Straßenverkehr

Für Nicole Hoffmeister-Kraut ist die neue Anlage ein "Vorzeigeprojekt" von hoher Bedeutung für das Land. "Baden-Württemberg ist der Automobilstandort Nummer eins und soll das auch bleiben", so die Ministerin. Auch wenn aber Mobilität auf absehbare Zeit voraussichtlich noch nicht ohne den alten Verbrennungsmotor denkbar sei, gelte es technologieoffen zu bleiben und zunächst – hier dürften, wenn auch nicht ausdrücklich erwähnt, auch Dieselmotoren gemeint sein – noch ein Nebeneinander zuzulassen. Während aber viele davon ausgingen, dass die Elektromobilität ein Übergang sein werde, hätte Wasserstoff das Potenzial, in der Energiewelt der Zukunft eine Schlüsselrolle einzunehmen, so Hoffmeister-Kraut. Hier gelte es "den Sprung vom technisch Möglichen zum wirtschaftlich Sinnvollen" zu schaffen.

Guter Dinge zeigte sich diesbezüglich Frithjof Staiß vom Vorstand des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW), das das ED-Projekt wissenschaftlich begleitet. Die Wirtschaftlichkeit sei eine Frage der Zeit. Für ihn ist es dabei besonders wichtig, Tests an der Anlage im laufenden Betrieb und anstatt im Labor- im Industriemaßstab vornehmen zu können. Außer Frage steht für den Professor, dass die Power-to-Gas-Technologie mehr Klimaschutz in den Mobilitätssektor bringe und den Ausstoß von Feinstaub und Stickstoffoxiden insgesamt verringere. Da aber der Weltenergieverbrauch absehbar in den nächsten 20 Jahren um rund ein Viertel ansteigen werde, sei es umso unverzichtbarer, fossile Energieträger und Kernenergie sukzessive durch erneuerbare Energien abzulösen. "Es ist nicht mehr die Frage des Ob, sondern des Wie-Schnell", so Staiß.

Flexibler Energiespeicher

Gut aufgestellt sieht in diesem Sinne auch der scheidende ED-Chef Martin Steiger sein Unternehmen: "Wir setzen mit der Anlage auf emissionsfreie Erzeugung von Wasserstoff, damit in der Industrie und beim Verkehr der CO2-Ausstoß verringert werden kann." Bedeutsam sei auch die Kopplung der einzelnen Sektoren. Während einerseits nämlich der Ausbau der Gewinnung von Energie aus den Erneuerbaren voranschreite, bedeute Energiewende andererseits mehr als nur Stromgewinnung. Auch praktisch hat die neue Anlage, die ab März in den Normalbetrieb gehen soll, Vorteile. So lässt sie sich beispielsweise anders als die meisten Kraftwerke ganz nach Bedarf hoch- oder wieder herunterfahren. Je nachdem, ob gerade ein großer Bedarf mit entsprechenden Preisen besteht, lässt sich die gewonnene Energie deshalb auch wahlweise ins Netz oder in die Anlage einspeisen.