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05. November 2013

Europa

Brüssel sagt dem Plastikmüll den Kampf an

Plastik ist praktisch – und gefährlich. Was den Alltag leichter macht, schadet der Umwelt sogar weit draußen auf den Ozeanen. Die Bürger sollen deshalb viel weniger leichte Einkaufstüten nutzen, fordert die EU-Kommission.

BRÜSSEL.

Der Afrikanermarkt ist einer der buntesten in Brüssel. Jeden Sonntag breiten dort Gemüsehändler aus Nordafrika neben italienischen Spezialitätenständen und holländischen Blumenhändlern ihre Waren aus. Die Verkäufer kommen aus aller Herren Länder und sprechen ein vielfältiges Sprachengemisch. Gemeinsam ist ihnen allen der großzügige Umgang mit kleinen, weißen, hauchdünnen Plastiktüten. Bündelweise hängen sie an den Ständen, und der Käufer ist aufgefordert, seine Auswahl an Früchten selbst zu treffen. Nach dem Bezahlen werden all die kleinen Tüten in eine größere gestopft, und man wandert schwer beladen mit Köstlichkeiten und viel Müll nach Hause, wo die Tüten mangels anderer Verwendungsmöglichkeiten im Plastikmüll landen – bestenfalls. Wenn der Markt sonntags am Nachmittag endet, treibt der Wind die Plastiksäckchen bündelweise über den sich leerenden Bahnhofsvorplatz Brüssels.

Dem ökologischen Irrsinn mit Argumenten beikommen zu wollen, scheint aussichtslos. Viele Kunden betrachten Mehrwegtaschen als Brutstätten für Bakterien. Auch die Händler mögen sie nicht, weil sie mit ihrem Tütensystem leichter den Überblick behalten, wer schon bezahlt hat. Nur eine deftige Abgabe oder ein Verbot könnte die Situation in Brüssel verbessern. Doch der zuständige EU-Kommissar Janez Potocnik geht wohl nie auf den Afrikanermarkt. Statt auf Abgaben und Verbote jedenfalls setzt er auf die Kraft des positiven Beispiels.

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Um der Plastikflut Herr zu werden, stellt Potocnik den 28 EU-Staaten lediglich frei, leichte Einkaufstüten zu verbieten. Derzeit sind nationale Verbote nicht möglich. Potocnik hat Beutel von weniger als 0,05 Millimetern Dicke im Blick (in der nebenstehenden Grafik sind dies die "leichten Plastiktüten"). Deren Verbrauch hat in den vergangenen Jahren weltweit stark zugenommen. Der Kommissar geht nur dann gegen die dünnen Tüten vor, wenn sie zum Einkauf genutzt werden. Müllbeutel oder andere Tüten findet der Kommissar weniger problematisch, weil sie immerhin im Abfall landen. Neben dem Verbot der dünnen Tüten stellt Potocnik den Mitgliedsstaaten aber noch zwei Alternativen zur Auswahl. Sie können nationale Reduktionsziele einführen oder eine Abgabe erheben. "Einwegtüten sind Ausdruck unserer Wegwerfgesellschaft", erklärte Potocnik am Montag. "Wir nutzen sie einige wenige Minuten, und sie bleiben der Umwelt hundert Jahre erhalten."

Umweltbundesamt: Plastik

gelangt in die Nahrungskette

Es wird Jahre dauern, bis die Änderung des EU-Gesetzes Wirkung zeigt – wenn überhaupt. Potocnik kündigte vage an: Sollte die gewünschte Müllverringerung auf freiwilligem Wege nicht erreicht werden, müsste es eben verbindliche Vorgaben geben. Der deutsche Umweltverband Nabu begrüßte den Vorschlag aus Brüssel grundsätzlich. Jeder Deutsche verbrauche im Jahr 64 Einwegtüten, jeder Däne nur vier. Das zeige deutlich, dass auch in Deutschland Handlungsbedarf bestehe. Der Nabu plädiert für eine Steuer auf Einwegtüten. Die Ausgaben seien gering, da jeder Verbraucher Zusatzkosten vermeiden könne, wenn er zum Beispiel Mehrwegtaschen verwende.

In der Branche selbst und im Handel lösen die Reformpläne der EU-Kommission keinen Jubel aus. Die Tüte drohe zum Sündenbock zu werden, mahnte Plastics Europe in Brüssel. Der Handelsverband Deutschland (HDE) meint: "Eine Abgabe auf Plastiktüten löst das Problem der Vermüllung der Weltmeere nicht. Hier helfen nur die konsequente Durchsetzung des Deponierungsverbots für Plastiktüten und hohe Recyclingquoten", kommentierte HDE-Geschäftsführer Kai Falk. In Deutschland sei beides bereits gewährleistet. Auch Berlin sieht offenbar wenig Anlass zum Handeln – jedenfalls in Deutschland. Hier stellten Plastiktragetaschen "kein relevantes Umweltproblem dar", erklärte ein EU-Diplomat.

Das Umweltbundesamt berichtete derweil von den Gefahren der dünnen Plastiktüten. Viele von ihnen werden ins Meer gespült und können dort zur Umweltgefahr werden. Tiere wie Schildkröten verschlucken sie aus Versehen oder verwechseln sie mit Nahrung, so die Behörde. "Die Plastikfragmente können den Verdauungstrakt schädigen, die Mägen der Tiere verstopfen, was zum Tod durch Verhungern oder zu inneren Verletzungen führen kann. Von 136 maritimen Arten ist bekannt, dass sie sich regelmäßig in Müllteilen verstricken und strangulieren." Und was im Fisch landet, das kann auf dem Teller des Verbrauchers enden.

Gleich nach der Pressekonferenz des slowenischen Kommissars Potocnik zeigte der EU-Fernsehkanal EBS Bilder von im Meer treibenden Plastikbergen und von Tieren, die das sich zersetzende Material fressen, womit es letztlich auch in die menschliche Nahrungskette gelangt. Würde man diesen ganzen Müll zusammensammeln, so erklärte der Sprecher, dann entstünde im Meer ein völlig neuer Kontinent aus Plastik.

Autor: Daniela Weingärtner und dpa