Giftig

Chemie im Grundwasser gefährdet Trinkwasser-Versorgung

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Mi, 09. August 2017

Wirtschaft

Arzneiüberbleibsel, Pestizide und Nitrat stellen nach Einschätzung von Verbänden Gefahren für die Wasserversorgung dar.

MÜNCHEN. Der Wasserwirtschaftsverband BDEW und der Bio-Mineralwasserverband fordern mehr Ökolandbau, um die Wasserreserven zu schützen. Zudem gebe es mehr belastende Medikamentenrückstände. Allerdings warnt der BDEW vor Panikmache. Das Trinkwasser sei gereinigt und unbedenklich.

Nicht nur die Luft deutscher Städte ist schmutziger als sie sein sollte. Auch im Wasser schwimmt manches, was nicht hineingehört. "An das Märchen vom Wasser als bestuntersuchten Lebensmittel glaube ich nicht", sagt Manfred Mödinger, Ingenieur für Getränketechnik und Brauwesen. Er hat für den Verband Bio-Mineralwasser das Schwarzbuch Wasser erstellt. In dem Verband sind Mineralwasserproduzenten zusammengeschlossen, die nach eigenen Angaben schärfere Grenzwerte bei mikrobiologischen und chemischen Kriterien einhalten und einen kurzen Weg zum Handel haben.

Fachlich angreifbar sind Mödingers Befunde kaum. Sie speisen sich aus öffentlich zugänglichen Daten von Wasserwirtschaft, Bundesumweltamt oder der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser. 36 Prozent deutscher Grundwässer sind nach der Studie in chemisch schlechtem Zustand. 28 Prozent aller Grundwassermessstellen liegen über dem gesetzlichen Grenzwert für Nitrat. In gut 19 Prozent von ihnen sind Pestizide nachweisbar. Kein untersuchtes deutsches Fließgewässer ist noch frei von Medikamentenrückständen.

Öffentlich bekannt ist nur das Nitratproblem. "Pflanzenschutzmittel werden wenige erfasst, und über Arzneimittelrückstände müssen von Gesetzes wegen überhaupt nicht untersucht werden", kritisiert Mödinger. Bei Pestiziden komme erschwerend hinzu, dass wenn überhaupt nur die Stoffe selbst, nicht aber ihre Abbauprodukte analysiert werden. Diese Metabolite seien oft wasserlöslicher als das Ausgangspestizid. Medikamentenreste seien für Trinkwassergewinnung aus Uferfiltrat – gängig an großen deutschen Flüssen – ein kommendes Problem. Nachweisbar sind sie bereits in so gut wie jedem Fließgewässer.

Wie gefährlich sie oder Hunderte per Umwandlung entstandene Metabolite sind, wisse mangels Forschung niemand genau, sagt der Experte. Auch das Bundesumweltamt beklagt fehlendes Wissen über toxikologische Wirkungen solcher Gewässerbelastung. Rund fünf Prozent der bundesweiten Grundwasser-Messstellen haben zuletzt Pestizide über dem Grenzwert von 0,1 Mikrogramm je Liter registriert. Das klingt nach wenig. Mödinger warnt vor trügerischer Sicherheit. Teils vor Jahrzehnten auf Feldern ausgebrachte Stoffe würden derzeit noch in tonigen Erdschichten zurückgehalten. "Aber wenn die Filterkapazität einmal erschöpft ist, kann alles schlagartig in die Tiefe durchbrechen", warnt der Wasser-Experte. Er kennt jüngste Fälle, wo Mineralquellen mit Pestiziden aus den 70er-Jahren verseucht wurden. Es gebe eine Reihe von "kommenden Stoffen", unter ihnen als Bienenkiller bekannte Neonicotinoide.

Aber für Pestizide gebe es wenigstens noch Grenzwerte für Trinkwasser. Für Medikamentenrückstände gebe es diese aber nicht. Dabei stufe das Umweltbundesamt 1200 gebräuchliche Humanarzneien als umweltrelevant ein. Als wassergefährdend würden auch Röntgenkontrastmittel gelten.

Um eine weitere Schadstoffbelastung im Erdreich zu stoppen, sei agrochemiefreier Ökolandbau das Gebot der Stunde fordert der Bio-Mineralwasserverband. Dem stimmt die Wasserwirtschaft zu.