Flucht nach Europa

Club of Rome will mit Milliardeninvestitionen die Ursachen bekämpfen

Hannes Koch

Von Hannes Koch

Mo, 14. November 2016

Wirtschaft

Club of Rome will mit Milliardeninvestitionen die Ursachen für die Flucht nach Europa bekämpfen.

BERLIN. 120 Milliarden Euro für ein Entwicklungsprogramm zugunsten Afrikas wünscht sich der Club of Rome. Das soll Flüchtlinge zum Bleiben bewegen. Entwicklungsminister Müller will bald eigene Eckpunkte präsentieren. Die Kanzlerin ist skeptisch.

Nahezu täglich starten Boote mit Flüchtlingen von den Stränden Nordafrikas in Richtung Europa. Um diese Fluchtbewegung langfristig zu reduzieren, schlägt das Zukunftsforscher-Gremium Club of Rome einen "Marshall-Plan mit Afrika" vor. Aus Deutschland sollen in den kommenden 14 Jahren bis zu 120 Milliarden Euro in einen Fonds fließen, der Entwicklungsvorhaben auf dem südlichen Kontinent finanziert. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will Eckpunkte seines Plans in Kürze veröffentlichen.

Der Club of Rome will mit seinem Konzept dem Vorbild des historischen Marshall-Plans folgen. Zwischen 1948 und 1953 investierten die USA nach heutigem Wert über 100 Milliarden Euro in die kriegsgeschädigten Staaten Westeuropas – ein Viertel in Großbritannien, 20 Prozent in Frankreich, zehn Prozent in Deutschland. Jenem Kapital wird eine große Wirkung für den Wiederaufbau der jungen Bundesrepublik zugeschrieben.

Die aktuelle Ausgabe präsentierten Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Vizevorsitzender des Club of Rome und Franz Josef Rademacher, der die Honoratioren-Vereinigung Senat der Wirtschaft leitet. Zentraler Punkt ist ein internationaler Fonds zur Entwicklung Afrikas. Alleine aus Deutschland sollen damit bis 2030 bis zu 120 Milliarden Euro aufgebracht werden, zur Hälfte durch die Ausgabe von staatlich abgesicherten Wertpapieren, die Kapitalanleger kaufen. Das Geld würde in die Entwicklung Afrikas investiert und soll Rendite bringen. Die zweiten 50 Prozent sollen staatliche Mittel darstellen, was auf eine zusätzliche Staatsverschuldung von 60 Milliarden Euro hinausliefe.

Arbeitsplätze für junge Leute

Rademacher erläuterte, dass Deutschland derzeit rechnerisch jeden Einwohner Afrikas mit zwei Euro pro Jahr unterstütze. "Die Betreuung eines minderjährigen Flüchtlings in Deutschland kostet dagegen etwa 60 000 Euro pro Jahr", sagte Rademacher. Dies sei ein Missverhältnis. Die Wissenschaftler plädieren dafür, große Summen beispielsweise in erneuerbare Energien, Forstwirtschaft und Sozialsysteme zu investieren, um Arbeitsplätze und Lebensperspektiven zu schaffen. Die junge Generation habe dann keinen Anlass mehr auszuwandern.

Als Reaktion auf die Flüchtlingsbewegung stellt die Bundesregierung schon jetzt deutlich mehr Geld für die arabischen Staaten und Entwicklungsländer in Afrika zur Verfügung. So finanziert Müllers Ministerium Arbeitsplätze für Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens. Dort werden mit deutscher Unterstützung beispielsweise Schulen errichtet, Wohnungen gebaut und Müll gesammelt. Auch diese Projekte sollen Flüchtlinge dazu bewegen, in ihrer Region zu bleiben. Bei der Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten geht es unter anderem um die Sicherung von Grenzen, Maßnahmen gegen Schlepper und Unterstützung der örtlichen Sicherheitskräfte.

Der Haushalt des Entwicklungsministeriums steigt im kommenden Jahr um über eine Milliarde auf rund 8,5 Milliarden Euro – ein Zuwachs von 15 Prozent gegenüber 2016. "Mit diesem Haushalt 2017 setzt der Bundestag das Signal, dass die internationalen Krisen ohne Entwicklungspolitik nicht zu lösen sind", sagte Müller. Von den Dimensionen eines modernen Marshall-Plans sind diese Summen aber weit entfernt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst das afrikanische Land Niger besuchte, wünschte sich Präsident Mahamadou Issoufou deutlich mehr Geld aus dem Norden. Merkel reagierte distanziert. "Was nicht reicht, ist zu sagen, wir machen mal einen Marshall-Plan für Afrika", so die Kanzlerin.