IAA in Frankfurt

Deutsche Autobauer haben bei der E-Mobilität noch viel zu tun

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Mi, 13. September 2017

Wirtschaft

Für die deutschen Autobauer bedeutet die Verkehrswende noch eine Menge Arbeit – das zeigt sich während eines Rundgangs auf der IAA.

Vor der Frankfurter Festhalle und dem Eingang zum Messegelände staut sich der Verkehr. Shuttlebusse auf dem Weg zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) kommen nur im Schneckentempo voran. Drinnen in den Hallen sieht es ähnlich aus. Dort stauen sich allerdings nicht die Autos, sondern die Autojournalisten. 10 000 aus aller Welt seien gekommen, sagt der Verband der Automobilindustrie (VDA), der Veranstalter der 67. IAA in Frankfurt. Der Andrang ist groß auch in Zeiten, in denen die Autobauer wegen der Abgasaffäre in der Kritik stehen, in denen über die Restlaufzeit des Verbrennungsmotors gestritten und über das Auto der Zukunft debattiert wird.

Am Dienstagmorgen eröffnet BMW den Reigen von fast 100 sogenannter Pressekonferenzen innerhalb von zwei Tagen. Dort ist viel Eigenlob zu hören. Meist sind sie begleitet von teuren Präsentationen. Bei BMW aber gibt es zunächst keine Musik auf der Bühne, keine Videoshow, nur zwei Stühle: BMW-Chef Harald Krüger nimmt Platz und ein Politikjournalist. Der sagt, er habe keine Ahnung von Autos, sei ein SUV-Skeptiker und fahre ein 24 Jahre altes Auto. Genau wegen dieser Eigenschaften habe ihn BMW engagiert. Er soll fragen, was ihn interessiert. Harald Krüger räumt ein, dass die Zeit für die Branche nicht einfach sei. "Aber BMW hat nicht manipuliert, wir haben die besten Diesel der Welt." Die seien unverzichtbar, auch, um die CO2-Grenzwerte einzuhalten. Und was ist mit dem Kartellvorwurf gegen die deutschen Autobauer? "Das hat uns überrascht, aber wir nehmen das ernst", sagt Krüger. Ob er von Frau Merkel enttäuscht sei? "Frau Merkel steht zum Diesel. Wir haben ein gemeinsames Interesse: nachhaltige Mobilität." Dann kommt Krüger zu seinem Lieblingsthema: Elektromobilität.

Jetzt gibt es doch noch eine Show bei BMW mit lautem Gewummer der Bässe. Neun Hybrid- und E-Autos der Münchner, die schon auf dem Markt sind, rollen auf die Bühne. Und BMW zeigt das Elektro-Coupe i-Vision, das bald in Serie gehen soll und 600 Kilometer weit mit einer Batterieladung komme. Bis zum Jahr 2025 werde es zwölf voll elektrische Modelle geben, verspricht Krüger. "Dafür stehe ich."

Da will Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht nachstehen. Er erscheint ohne Krawatte, mit Freizeitsakko und in Jeans. Tausende Journalisten schauen auf den Manager in der für viele Millionen auf Hightech getrimmten Festhalle. Das sei schon ein wenig wie ein Wohnzimmer für Mercedes, sagt Zetsche. Das Flaggschiff fährt vor, die S-Klasse, dann die Smart-Flotte und schließlich ein Mercedes AMG, 350 Stundenkilometer schnell. "Vertrauen ist verloren gegangen. Es liegt an uns, dass wir Teil der Lösung sind", räumt der Daimler-Chef selbstkritisch ein. Das heißt auch bei Mercedes: E-Autos und Digitalisierung. "Bis 2020 wollen wir das gesamte Portfolio elektrifizieren." Für jedes Modell soll es eine E-Variante geben. Smart-Modelle sollen ab 2020 ausschließlich elektrisch unterwegs sein.

Aber nicht jeder stellt an diesem Morgen die Zukunft der Mobilität derart in den Vordergrund. VW verfällt in herkömmliche IAA-Muster und lässt erst einmal einen 200 PS starken Polo GTI auf die Bühne rollen. Autofahren soll schließlich Spaß machen. Dann wird der neue SUV T-Roc hereingefahren. Die Worte "Umwelt" oder "Klima" kommen bei VW ebenso wenig wie bei den Präsentationen anderer Hersteller vor. Dabei hatte Konzernchef Matthias Müller am Vorabend noch versprochen, dass bis zum Jahr 2025 die VW-Konzernmarken 80 neue E-Auto-Modelle zu den Kunden bringen. Auch soll es für jedes der weltweit 300 Modelle eine E-Variante geben. "Wir haben verstanden", sagt Müller.

Aber die E-Gegenwart? Sieht überschaubar aus. Auch das, was VW am Dienstag unter lautem Bassgewummer auffahren lässt, ist Zukunftsmusik. Drei zugegeben pfiffige Modelle, darunter der Buzz in Anlehnung an den VW-Bus. 600 Kilometer Reichweite sollen die E-Autos schaffen – wenn sie denn mal zu kaufen sind.

"Die Welt spricht über Roboter-Taxis", sagt Audi-Chef Rupert Stadler ein paar Minuten später. Wirklich? Dieselskandal, Manipulationen, mögliche Fahrverbote, ein mutmaßliches Autokartell? Und die Welt spricht über Roboter-Taxis? Der wegen seiner Verstrickung in die Dieselaffäre umstrittene Autoboss verliert nur ein paar Worte, und verwendet sie darauf, zu sagen, Audi wolle seinen Kunden Zeit schenken, indem sie im autonom fahrenden Auto lesen, arbeiten oder entspannen könnten, satt selbst fahren zu müssen. Und das in Zukunft bei Fortbewegung mit Strom. "Ab 2025 ist jeder 3. ausgelieferte Audi ein E-Auto", verspricht Stadler.

Davon kann Michael Lohscheller am Stand von Opel nur träumen. Ihm hört auch Carlos Tavares zu, der Chef des Mutterkonzerns PSA. Der hat Zeit, weil Peugeot selbst auf die IAA verzichtet (siehe Hintergrund). Lohscheller, der erste Mann bei Opel, präsentiert zwei neue Modelle, einen SUV und einen schnellen Insignia. Beide schauen schön aus, weisen aber nicht unbedingt in die Zukunft. Immerhin kündigt Lohscheller den ersten Plug-in-Hybrid der Rüsselsheimer an, also ein Auto mit einem Verbrennungs- und einem E-Motor, der über einen Stecker wie ein reines E-Auto geladen wird. Die Konkurrenten haben solche Autos längst. Noch am Tag zuvor hatte Opel den Ampera-e gelobt. 750 Kilometer habe der mit einer Batterieladung geschafft. Auf der IAA findet das Auto aber kaum Erwähnung. Der Grund: Es ist unklar, wann es hierzulande zu kaufen sein wird.

Später am Tag zeigt PSA-Chef Tavares, dass Opel derzeit viel größere Probleme hat als dieses – als er der neuen deutschen Tochter eine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit attestiert. Opel habe hier "enorme Defizite", sagt er. PSA hatte Opel im August übernommen, seitdem sorgen sich viele Opelaner um ihre Jobs.

Tavares hat den 2014 am Rande der Pleite stehenden PSA-Konzern wieder in die Gewinnzone gefahren – Opel schreibt rote Zahlen. Tavares sagt: "Wenn ich mir die Qualität der Leute bei Opel anschaue, dann befinde ich mich vier Jahre zurück bei PSA: Ich sehe Leute, die es gut machen wollen, man muss ihnen die Freiheit geben, den Raum zum Atmen."

Wirklich sauber auf dieser IAA geht es nur auf dem Gelände außerhalb der Hallen zu. Den Shuttleservice übernehmen E-Autos und Hybridfahrzeuge. Das hat mit der Realität draußen auf den Straßen der Republik genauso wenig zu tun wie mit der Show der Branche in der Halle.