Energie

Die Kohle wird zum Auslaufmodell

Christian Mihatsch

Von Christian Mihatsch

Mo, 10. April 2017 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Von 2020 an wollen die Energiekonzerne in der EU nicht mehr in den Neubau von Kohlekraftwerken investieren. Mit dieser gemeinsamen Erklärung ist das Ende der Kohleverstromung in weiten Teilen Europas absehbar.

Will die Menschheit die ehrgeizigen Klimaschutzziele des Pariser Abkommens erfüllen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Um die Erderwärmung im Jahresmittel im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen, dürften laut Wissenschaftlern von Ende Mai 2021 an keine klimaschädigenden Gase mehr ausgestoßen werden – vorausgesetzt, bis dahin bleiben die Emissionen auf dem heutigen Niveau. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, bleibt der Menschheit dann bis Ende Mai 2036 Zeit.

Nur wenige Staaten setzen noch auf Kohle – zum Beispiel die Türkei

Dies scheinen nun auch Europas Stromkonzerne verstanden zu haben. In der vergangenen Woche haben sie überraschend den Einstieg in den Kohleausstieg bekanntgegeben. Eurelectric, der Verband der europäischen Stromerzeuger, hat beschlossen, "ab 2020 nicht mehr in den Neubau von Kohlekraftwerken zu investieren". De facto bedeutet dies, dass nach 2020 kein neues Kohlekraftwerk mehr ans Netz geht – mit zwei Ausnahmen: Die Eurelectric-Mitglieder aus Polen und Griechenland haben sich die Selbstverpflichtung nicht zu eigen gemacht. Eurelectric vertritt 3500 Stromkonzerne.

In der EU (ohne Polen und Griechenland) sind gemäß der Umweltorganisation Coalswarm sechs Kohlekraftwerke im Bau: eins in Deutschland (das Kraftwerk Datteln 4 des Stromkonzerns Uniper), vier in Tschechien und eins in Bulgarien. Drei weitere sind demnach in Planung: eins in Schottland und zwei in Deutschland. Hierzulande handelt es sich um das geplante Braunkohlekraftwerk von RWE in Niederaussem (BoAplus genannt) und um ein Kraftwerk des Chemiekonzerns Dow in Stade. Das Kraftwerk in Schottland wird vom US-Energiekonzern Summit Power entwickelt und soll zur Demonstration der umstrittenen CCS-Technologie dienen. Dabei wird das Kohlendioxid (CO2) nicht in die Luft geblasen, sondern abgeschieden und unter der Erde etwa in ehemaligen Erdgasfeldern verpresst. Da diese drei Kraftwerke kaum vor dem Jahr 2020 am Netz sein dürften, sind sie direkt von der Eurelectric-Ankündigung betroffen.

Die Badische Zeitung hat die drei betroffenen Firmen gefragt, ob sich nun ihre Planung ändert. RWE und Dow haben diese Frage bislang nicht beantwortet. Summit Power hat mitgeteilt, dass in ihrem Kraftwerk die Kohle erst in Gas umgewandelt wird und dann das Gas verbrannt wird. "Die Ankündigung ist daher nicht relevant für unser Projekt", sagte ein Sprecher.

Nicht betroffen von der Ankündigung des Verbands sind derweil zehn Kraftwerke in Polen (davon fünf im Bau) und zwei in Griechenland (eins im Bau). Nicht betroffen sind auch viele Kraftwerke auf dem Balkan. Montenegro will eines, Serbien acht und Bosnien-Herzegowina elf Kohlekraftwerke errichten. Dort sind vier bereits im Bau. In der Ukraine sind derweil vier Kraftwerke in Planung. Für die Türkei verzeichnet Coalswarm 80 Kraftwerke in der Planungs- oder Bauphase.

Damit stehen diese Länder im Gegensatz zu einem globalen Trend: Vergangenes Jahr wurde weltweit mit dem Bau von Kohlekraftwerken mit einer Kapazität von 65 Gigawatt begonnen. Das sind zwei Drittel weniger als noch im Jahr 2015. Gleichzeitig gingen Kraftwerke mit einer Kapazität von 64 Gigawatt vom Netz, wie eine Studie von Coalswarm zeigt. Indien geht mittlerweile davon aus, keine zusätzlichen Kraftwerke mehr zu benötigen. In China wird die Arbeit an halbfertigen Meilern gestoppt und in den USA wird laut Branchenkennern auch US-Präsident Donald Trump den Niedergang der Kohle nicht stoppen können. Die Nachrichtenagentur Reuters hat 32 Stromkonzerne gefragt, ob sich durch Trumps kohlefreundliche Politik etwas an ihren Investitionsplänen geändert hat. Diese Frage hat nur ein Konzern bejaht: Man prüfe, ob man einige alte Meiler länger laufen lässt. Von Neubau war nicht die Rede.

In den USA stehen viele Werke vor der Abschaltung

Derzeit ist in den USA ein einziges neues Kohlekraftwerk im Bau, zwei sind in Planung. Dafür stehen viele Kraftwerke vor der Abschaltung: Mehr als die Hälfte aller US-Kraftwerke wurde vor 1980 errichtet, einige stammen aus den 1940er-Jahren.

Mit dem Verzicht auf den Neubau von Kohlekraftwerken von 2020 an hat Eurelectric zwar den Einstieg in den Kohleausstieg bekanntgegeben. Wann dieser tatsächlich kommt, bleibt aber unklar. Eurelectric schreibt: "Unsere Mitglieder setzen sich für eine CO2-neutrale Stromversorgung im Jahr 2050 ein." Fürs Klima wäre das zu spät. Das Forschungsinstitut Climate Analytics hat ausgerechnet, was der Pariser Klimapakt für Kohlestrom in der EU bedeutet: Von 315 Kraftwerken müsse ein Viertel bis 2020, weitere zwei Viertel bis 2025 und das letzte Viertel bis 2030 vom Netz. Dies gilt auch für die Kraftwerke in Polen und Griechenland.