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08. März 2017

Vor der Wahl

Wirtschaft der Niederlande in hervorragender Verfassung

Die Wirtschaft des Landes befindet sich vor der Wahl am 15. März in einer hervorragenden Verfassung / Kritik von rechts.

  1. Frau Antje hat gut lachen – ihr Land prosperiert. Foto: DPA

KÖLN/FREIBURG. Am 15. März wählen 12,6 Millionen Niederländer ihr neues Parlament. Das Land präsentiert sich kurz vor den Wahlen ökonomisch stark wie selten. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit schrumpft, der Außenhandel boomt.

Die Niederlande stehen kurz vor den Wahlen europaweit unter besonderer Beobachtung. Denn mit Geert Wilders und seiner Partei für die Freiheit PVV könnte hier ein rechtspopulistischer Protest-Politiker gewinnen. Wilders wütet immer wieder auch gegen die herrschende Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das kann einen schon wundern. Denn wirtschaftlich präsentiert sich das deutsche Nachbarland – gerade auch im Angesicht der Krise in anderen Eurostaaten – außergewöhnlich stabil. Die Wirtschaft wuchs im Jahr 2016 um 2,1 Prozent, so stark wie seit acht Jahren nicht mehr. Auch in Sachen Konsum, Arbeitslosigkeit und bei den Exporten sieht es gut aus.

Wachstum
Die niederländische Wirtschaft wuchs 2016 um 2,1 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt steigt seit nunmehr elf Quartalen solide und stetig an. Zum Vergleich: In der Eurozone lag das Wachstum im vergangenen Jahr bei 1,7 Prozent, in der Bundesrepublik Deutschland bei 1,9 Prozent. "Die Niederlande schneiden beim Wachstum besser ab als die meisten anderen Eurostaaten", sagt Günter Gülker, Geschäftsführer der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.

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Arbeitslosigkeit und Konsum
Ein sichtbares Zeichen der ökonomischen Stärke: Niederländische Unternehmen konnten im vergangenen Jahr 53 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Damit sank auch die Arbeitslosenquote – und zwar so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. 2016 ging sie von 5,8 auf 5,5 Prozent zurück. Das ist noch weniger als in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit mit 6,1 Prozent im vergangenen Jahr ein 25-Jahres-Tief erreichte. Die gute Lage wirkt sich positiv auf das Kaufverhalten aus: Das Konsumentenvertrauen der Niederländer steht auf dem höchsten Wert seit neun Jahren, die Ausgaben der Verbraucher stiegen zuletzt signifikant an. Insbesondere für Kleidung, Autos und elektronische Geräte gaben die Niederländer mehr aus als in Vorjahren, aber auch die Ausgaben für Restaurantbesuche, Erholung und Kultur nahmen zu. "Der Lebensstandard in den Niederlanden ist im Vergleich nach wie vor sehr hoch, mit Tendenz nach oben", sagt Handelskammerchef Gülker.

Immobilien, Investitionen, Export
Auch auf dem niederländischen Immobilienmarkt und bei Unternehmern gibt es Grund für gute Stimmung: Das Handelsvolumen mit Häusern stieg 2016 gegenüber dem Vorjahr um 20,5 Prozent. Die Investitionen der niederländischen Unternehmen überschritten den Wert der Vorjahre. Und trotz vieler Schwankungen und Unwägbarkeiten auf dem Weltmarkt hielten niederländische Unternehmen ihre Exporte stabil. "Die Niederlande sind eines der innovationsstärksten und konkurrenzfähigsten Länder der Europäischen Union", urteilt Gülker.

Die Niederlande profitieren als traditionelle Handelsnation ganz besonders vom Welthandel. Sollte eine neue Regierung auf Protektionismus setzen und möglicherweise sogar im Sinne eines "Nexit" gar die EU-Mitgliedschaft infrage stellen, könnten hohe Handelshemmnisse den wirtschaftlichen Erfolg des Landes gefährden.

Demografie und Soziales
Bis heute nimmt die Bevölkerung der Niederlande zu. Eine wichtige Rolle dabei spielt der Zuzug, der sich künftig im Nachgang zur Flüchtlingswelle noch verstärken könnte. Nicht jeder Niederländer ist allerdings glücklich über diese Entwicklung, insbesondere Geert Wilders fordert Grenzschließungen. Dabei dürfte die Zuwanderung auf Dauer die Sozialkassen des Landes entlasten, die wie überall in Europa mit der alternden Bevölkerung zu kämpfen haben.

Um gegenzusteuern, kündigte die derzeitige Regierung zuletzt einer Erhöhung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre an. Zugleich dürften die Renten vieler Niederländer im Ruhestand in diesem Jahr sinken, da die großen Rentenfonds des Landes unter dem Dauertief bei den Zinsen leiden.

Der Populist Geert Wilders vermischt die Themen gern, will Grenzen schließen, die Renten wieder erhöhen, das Rentenalter senken und zudem mehr Geld in die Pflege stecken. Kees van Paridon, Ökonom an der Erasmus Universität Rotterdam, widerspricht. Die Sorgen vieler Niederländer vor Altersarmut und Überfremdung seien unbegründet, sagt er, das Einkommen pro Kopf immer noch sehr hoch und die Flüchtlingszahlen vergleichsweise niedrig. Van Paridon glaubt auch nicht, dass Wilders mit seinem wirtschaftskritischen Programm die Wahlen gewinnt: "Trotzdem wird er viele Stimmen bekommen."

Autor: Annika Fröhlich