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05. Januar 2012

Negative Begleiterscheinungen

Die Zweifel mehren sich, ob weiteres Wachstum noch sinnvoll ist

Die Finanzkrise und der Klimawandel zeigen: Die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts hat negative Begleiterscheinungen – ökonomischer Stillstand aber auch.

  1. Volle Containerhäfen: Zeichen einer wachsenden Wirtschaft. Foto: DPA

BERLIN. Die Zeit am Jahresanfang ist paradox. Viele Menschen sehnen sich nach etwas Ruhe. Andererseits geht es gleich wieder voll los – auch politisch. So startet jetzt die Rente mit 67. "Mehr arbeiten" lautet das Motto. Und die meisten Politiker wünschen sich mehr Wachstum, obwohl das 2012 eher schwierig wird. Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird die hiesige Ökonomie in der ersten Jahreshälfte 2012 leicht schrumpfen. Für die Beschäftigten sind solche Phasen schwachen oder ausbleibenden Wachstums immer nachteilig. Dann steigt die Arbeitslosigkeit. Das ist einer der Gründe, warum sich die Mehrheit der Politiker, Ökonomen und Bürger dauerndes Wachstum wünscht. Dabei wird oft vergessen, dass Deutschland schon längst in der Zwickmühle steckt. In den alten Industrieländern sinken die Wachstumsraten seit Jahrzehnten. Hielt man nach dem Zweiten Weltkrieg fünf Prozent pro Jahr für normal, sind heute zwei Prozent ein großer Erfolg.

Hinzu kommen wachsende Zweifel, ob weiteres Wachstum wie früher überhaupt sinnvoll ist. Gerade wegen der Finanzkrise werden solche Fragen heute lauter gestellt. Weil der Finanzcrash durch einen schwunghaften Handel mit Schuldtiteln ausgelöst wurde, verordnet die Politik den Banken nun, künftig mehr eigenes Geld als Risikovorsorge in Reserve zu halten. Diese Vorschriften sind aber immer noch recht milde. Müssten die Finanzinstitute so viel Eigenkapital zurücklegen, dass sie unter keinen Umständen zusammenbrechen, würde das ihre Geschäftstätigkeit stark einschränken. Sie vergäben weniger Kredite. Damit litte auch das Wirtschaftswachstum. Zugespitzt lässt sich sagen: Die Menschen haben heute die Wahl zwischen größerer Sicherheit im Finanzsystem und hohem Wachstum. Beides zusammen geht nicht.

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Ein anderes Problem ist der Klimawandel. Gegenwärtig schaffen die Menschen globales Wachstum nur zum Preis der Klimakatastrophe. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, steigt die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre in den kommenden Jahrzehnten um zwei, drei oder mehr Grad. Die Folgen: Mehr Dürren, Nahrungsmittelprobleme, höhere Meeresspiegel und Überschwemmungen.

So ist eine neue öffentliche Debatte über das Wirtschaftswachstum in Gang gekommen. Im Bundestag tagt eine Enquetekommission, die die gegenwärtige ökonomische Logik relativiert. Die Autoren einiger viel diskutierter Bücher sind da schon weiter. Etwa der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel argumentiert, dass Wachstum nicht notwendig sei. Vor dem Beginn der Industrialisierung sei die Menschheit Jahrtausende ohne die sprunghafte Vermehrung des materiellen Wohlstandes auskommen, schreibt Miegel.

Was aber hieße das praktisch? Angenommen, die deutsche Wirtschaft würde auf absehbare Zeit stagnieren. Dann nähme die Summe der notwendigen Lohnarbeit ab. Entweder würden mehr Menschen arbeitslos, alle Beschäftigten müssten auf einen Teil ihrer Arbeitszeit und Bezahlung verzichten, oder die Unternehmen wären bereit, ihre Gewinnerwartung herunterzuschrauben. Die Steuereinnahmen und Sozialabgaben sänken. Damit stünde weniger Geld für öffentliche Aufgaben zur Verfügung.

Diese einfache Überlegung zeigt: Weniger Wachstum kann materiellen Verzicht bedeuten. Das gilt natürlich auch für die Bürger. Die wenigsten Wachstumskritiker sind so radikal und ehrlich wie der Oldenburger Ökonom Niko Paech. Er sagt: Weniger Zuwachs würde auch heißen, dass die Bürger weniger Waren und Dienstleistungen kaufen können. Pullover stricken, Fahrrad reparieren, Kartoffeln anbauen in Eigenarbeit wären angesagt – und Urlaub in Balkonien. Wer will das schon? Es könnte ein schwieriger Übergangsprozess auf die Gesellschaft zukommen.

DIW: 0,6 Prozent Wachstum

Mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 0,6 Prozent in diesem Jahr rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) – nach drei Prozent Plus 2011. Nach einer leichten Rezession in der ersten Jahreshälfte 2012 werde die Dynamik im dritten und vierten Quartal wieder zunehmen. Voraussetzung: Die Krise der Eurozone wird eingedämmt. Gelingt dies, geht das DIW davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland 2012 nur leicht auf etwas über drei Millionen Erwerbslose steigt. 2013 würde sie dann wieder sinken.  

Autor: hko

Autor: Hannes Koch