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19. September 2014 21:38 Uhr

Diskussion

Ertrag versus Artenvielfalt: Landwirtschaft im Dilemma?

Das Bienensterben ist ein alarmierendes Beispiel: Opfern wir für eine ertragreiche Landwirtschaft die Vielfalt unserer Tierwelt? Oder gibt es einen ökologischen Königsweg? Vier Experten diskutieren.

  1. Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker Foto: Superingo - Fotolia

  2. Das drittwichtigste Nutztier: Ohne Bestäubung durch Bienen würden viele Ernten klein ausfallen. Foto: dpa

Die Landwirte streben auf dem Acker hohe Erträge an, um ordentliche Einkommen zu erzielen. Nur mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln sei das zu erreichen, sagen die Hersteller der Produkte und verweisen auf eine wachsende Weltbevölkerung, die es zu ernähren gelte. Naturschützer halten die Bedrohung zahlreicher Tierarten durch die Mittel dagegen. Ein Beispiel ist das Bienensterben in der Rheinebene. Der ökologische Landbau will diesen Widerspruch auflösen. Wird er diesem Anspruch gerecht? Vier Experten – Kurzporträts am Fuß der Seite – diskutieren.

BZ: Der Industrieverband Agrar (IVA) berichtet von einem Rekordjahr für Pflanzenschutzmittel. Gleichzeitig klagt er über die Regelungswut der EU, die den Pflanzenschutz abzuwürgen drohe. Das ist doch ein Widerspruch, Herr Dechet.
Dechet: Da sehe ich keinen Widerspruch. Die guten Geschäfte 2013, das ist die Vergangenheit, auch aktuell laufen die Geschäfte unserer Mitgliedsfirmen gut. Das zeigt, wie wichtig und nötig der Pflanzenschutz für die Landwirtschaft ist. Aber wir sehen große Probleme für die Zukunft, weil den Landwirten durch die Überregulierung der EU immer weniger wirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen werden.

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"Pflanzenschutz ist eine Verniedlichung von dem, was da passiert." Gerald Wehde
BZ: Braucht man denn überhaupt Pflanzenschutzmittel? Im ökologischen Landbau geht es doch ohne, oder?
Wehde: Pflanzenschutz ist eine Verniedlichung von dem, was da passiert. Nehmen Sie das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Allein von diesem Mittel werden in Deutschland 6000 Tonnen pro Jahr ausgebracht, 40 Prozent der Ackerfläche wird damit besprüht. Es tötet alles auf dem Acker, jedes Kräutchen, das da wächst. Im Ökolandbau setzen wir dagegen auf Vorsorge – wir arbeiten mit Fruchtfolgen, wir sorgen für Vielfalt auf dem Acker. Das hilft nützlichen Insekten, die wiederum Schadinsekten in Schach halten. Es geht nicht um Spritzen oder Nicht-Spritzen. Es ist ein ganz anderes System, das mit der Natur arbeitet. Natürlich sind die Erträge im Ökolandbau in Deutschland etwas geringer als in der konventionellen Landwirtschaft. In Entwicklungsländern sieht das anders aus. Da hat der Ökolandbau höhere Erträge.

Dechet: Dass im Ökolandbau keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, stimmt nicht. Es wird Pflanzenschutz betrieben, mit Schwefel etwa oder Kupfer. Ich muss ganz ehrlich sagen: Als Biologe würde ich Kupfer nicht den Vorzug geben vor chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Kupfer baut sich nicht ab, es reichert sich im Boden an.
Wehde: Vor allem im Obst- und Weinbau setzen Ökolandwirte Kupfer ein, drei bis vier Kilo pro Hektar. Die EU-Ökoverordnung erlaubt mehr. Wir nutzen auch ein Insektengift, das aus der Chrysantheme gewonnen wird. Es gibt allerdings 270 zugelassene chemisch-synthetische Wirkstoffe. Die sind im Ökolandbau allesamt verboten.
God: Im Kampf gegen die Kirschessigfliege, die die Weintrauben befällt, spritzen auch Ökowinzer Insektizide, die bienengefährlich sind. Natürlich gibt es auf einem Acker, der mit Herbizid besprüht worden ist, nicht mehr die Vielfalt an Kräutern und Kleinlebewesen. Man muss aber auch sehen, dass sich die landwirtschaftlichen Erträge verzehnfacht haben, seit es Pflanzenschutzmittel und synthetisch hergestellten Dünger gibt. Und das ist angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und Millionen hungernder Menschen ein wichtiges Argument. Da geht es nicht nur um die Verteilung von Lebensmitteln. Das ist auch ein Problem der Erzeugung.

"Tatsache ist, dass der Ökolandbau knapp die Hälfte der Erträge bringt, die konventioneller Landbau erzielt." Friedrich Dechet
BZ: Das heißt also: Die Dezimierung von Vielfalt auf dem Acker ist der Preis für hohe Erträge.
Dechet: Nein. Das ist zu einfach gedacht. Ich will nicht behaupten, dass Pflanzenschutz keinen Einfluss hat auf die Vielfalt, das, was wir Biodiversität nennen. Tatsache ist aber, dass der Ökolandbau knapp die Hälfte der Erträge bringt, die konventioneller Landbau erzielt. Würden wir in Deutschland nur noch Ökolandbau betreiben, bräuchten wir zusätzlich zu den 17 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche hier weitere sechs Millionen Hektar in anderen Ländern, um die 80 Millionen Deutschen zu ernähren. Wo soll das sein?
Wehde: Wir können flächendeckend Ökolandbau in Deutschland betreiben, wenn wir uns so ernähren, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt. Wir essen aber doppelt so viel Fleisch wie empfohlen. Anders würden vier Millionen Hektar Fläche frei, die wir für Ökolandbau, Naturschutz oder Bioenergie einsetzen könnten. Wir brauchen nicht nur eine Agrarwende, sondern auch eine Ernährungswende. Auch die konventionelle Landwirtschaft wird eine wachsende Weltbevölkerung bei den herrschenden Konsummustern nicht ernähren können. Ganz abgesehen davon, dass die Klimabelastung bei einer fleischlastigen Ernährung wesentlich größer ist als bei einer pflanzlich orientierten Ernährung.
Dechet: Der Ökolandbau braucht, wenn er flächendeckend betrieben würde, mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft. Wenn man hingegen intensive Landwirtschaft treibt, kann man den hohen Ertrag nutzen und gleichzeitig andere Flächen dem Naturschutz zur Verfügung stellen. Dann ist auch die Klimabelastung geringer als im Ökolandbau.

BZ: Die Schweizerische Forschungsanstalt für biologischen Landbau (Fibl) vergleicht seit 35 Jahren konventionelle Landwirtschaft und Ökolandbau. Sie kommt zum Ergebnis, dass im Ökolandbau die Erträge rund 20 Prozent geringer sind als in der konventionellen Landwirtschaft. Zugleich ist der Energieeinsatz nur halb so hoch. Daraus folgt doch, dass die Klimabelastung im Ökolandbau geringer ist, oder?
Dechet: Es gibt Studien, die genau das Gegenteil zeigen.
God: Fibl ist ja keine neutrale Institution.

BZ: Also lässt sich jede Seite die Studien anfertigen, die ins Weltbild passen?
Dechet: Ich denke, das lässt sich aufklären. Ein konventioneller Landwirt fährt viel seltener aufs Feld, denn er hat weniger Arbeitsgänge, also verbraucht er weniger Diesel. Außerdem ist sein Ertrag höher. Also ist die Klimabilanz besser. Denn der Anteil des Pflanzenschutzes an den Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft beträgt nur ein Prozent.
Wehde: Sie lassen außer Acht, dass der konventionell wirtschaftende Bauer mit synthetischem Stickstoff düngt und das freiwerdende Lachgas ein sehr starkes Klimagift ist. Außerdem übersehen Sie, dass wir riesige Mengen Futtermittel importieren, für die große Flächen, beispielsweise in Brasilien oder Argentinien, verbraucht werden. Das müssen Sie der Klimabilanz der deutschen Landwirtschaft zurechnen.
Dechet: Herr Wehde hat den Fruchtwechsel erwähnt, als wichtigen Bestandteil des ökologischen Landbaus. Aus pflanzenbaulicher Sicht ist das sehr vernünftig. Nur: Wenn ein Landwirt damit zu wenig verdient, dann wird er auf den Fruchtwechsel verzichten. Der ökologische Landbau kann aus einer Nische heraus argumentieren. Wenn bundesweit Ökolandbau betrieben würde mit Fruchtwechsel, was wollen Sie dann mit den Produkten anfangen?
Wehde: Da sehe ich überhaupt kein Problem: Weil wir auf synthetischen Stickstoff verzichten, müssen wir den für das Pflanzenwachstum zwingend erforderlichen Stickstoff durch den Anbau entsprechender Pflanzen in den Boden bringen. Dazu bauen Ökolandwirte Erbsen oder Bohnen an, Luzerne oder Kleegras. Das kann man dann wieder verfüttern, womit der Kreislauf auf dem Bauernhof geschlossen ist. Absatzprobleme kann ich nicht sehen.

"Die Landwirtschaft nutzt knapp die Hälfte der Fläche des Landes. Also hat sie eine hohe Verantwortung für die Umwelt." Gerald Wehde
God: Ich halte es auch für sinnvoll, mehr Eiweißpflanzen im Land anzubauen, anstatt sie aus Übersee zu importieren. Und wir dürfen nicht vergessen: Wenn wir weg wollen vom Erdöl, benötigen wir Ackerflächen für Energiepflanzen, Rohstoffe und Textilien. Wenn wir uns stärker an einer Kreislaufwirtschaft orientieren mit Biorohstoffen, dann diskutieren wir mit Nachdruck über Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft.
Wehde: Unbestritten unterliegen die Landwirte betriebswirtschaftlichen Zwängen. Aber man darf nicht alles nur unter diesen Aspekten sehen. Die Landwirtschaft trägt nur 0,8 Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei, dem Maß für die Wirtschaftsleistung. Das ist wenig. Die Landwirtschaft nutzt knapp die Hälfte der Fläche des Landes. Also hat sie eine hohe Verantwortung für die Umwelt. Das muss man berücksichtigen. Man muss die Fläche nachhaltig nutzen.

BZ: Wie sieht es denn mit den Kosten aus? Die Industrie preist die Vorzüge des Pflanzenschutzes, in der Bevölkerung ist er negativ konnotiert. Trägt die EU mit ihren stärkeren Beschränkungen nicht Sorge um die Natur und unsere Gesundheit?
Dechet: Die EU hat das Bewertungsverfahren für Wirkstoffe geändert. Sie ist weggegangen von der Risikobewertung zu einer gefahrenbasierten Bewertung.

BZ: Worin liegt der Unterschied? Gefahren gibt es immer.
Dechet: Stimmt, Gefahren gibt es. Beim Autofahren besteht die Gefahr, dass bei einem Unfall Menschen verletzt oder gar getötet werden. Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ist aber klein. Deswegen nutzen wir Autos, wir nehmen eine Risikobewertung vor. Wenn man aber, wie es die EU jetzt bei Pflanzenschutzmitteln tut, nur die Gefahren in den Blick nimmt und die möglicherweise geringe Eintrittswahrscheinlichkeit ausblendet, müsste das Autofahren verboten werden.

BZ: Was passiert denn mit Pflanzenschutzmitteln, die den EU-Test nicht bestehen?
Dechet: Die Mittel verschwinden in einem schleichenden Prozess vom Markt. Wirkstoffe werden zeitlich befristet zugelassen, in der Regel für zehn Jahre. Wenn die Zulassung wegen der neuen Regeln nicht verlängert wird, müssen alle Mittel, die sie enthalten, vom Markt genommen werden. Das ganze Ausmaß werden die Landwirte erst in fünf bis sieben Jahren zu spüren bekommen.
Wehde: Warum soll die EU nicht das Recht haben, da, wo es um unsere Gesundheit geht, vorsichtig zu sein?
Dechet: Warum werden dann Autos nicht verboten?

BZ: Seit den 90er Jahren haben sich die Neonicotinoide, eine neue Klasse von Pflanzenschutzmitteln, verbreitet. Sie werden aber mit dem Bienensterben in Verbindung gebracht, weshalb die EU ihre Verwendung derzeit eingeschränkt hat. Was ist denn aus Ihrer Sicht so toll an den Neonicotinoiden?
Dechet: Mit den Neonicotinoiden hat die Industrie das getan, was man immer von ihr gefordert hat. Sie hat Wirkstoffe auf Basis eines natürlichen Stoffes, des Nikotins, entwickelt. Nikotin ist ein hochwirksames Nervengift. Die Branche hat es geschafft, die giftige Wirkung auf Menschen und Säugetiere aus dem Wirkstoff zu entfernen. Neonicotinoide wirken sehr präzise. Außerdem wirken sie systemisch, sie verteilen sich in der Pflanze.

"Neonicotinoide sind extrem giftig. Millionstel Gramm des Wirkstoffs genügen, um Bienen zu töten." Christoph Koch
BZ: Die Imker sind dagegen keine großen Fans der Neonicotinoide, Herr Koch?
Koch: Die sind halt extrem giftig. Millionstel Gramm des Wirkstoffs genügen, um Bienen zu töten. Das Problem für uns ist, dass Saatgut, das mit Neonicotinoiden gebeizt – also ummantelt – wurde, als unschädlich für Bienen galt. Denn es steckt ja 15 Zentimeter tief im Boden drin, da kommen die Bienen eigentlich nicht hin. Bei der Bewertung des Risikos wurde übersehen, dass das gebeizte Saatgut ausgesät werden muss. Dabei verteilt sich der Wirkstoff in der Umgebung – und macht unsere Bienen kaputt. Das sagen wir Imker, seit es Neonicotinoide gibt. Die ersten Berichte von Imkern über Vergiftungen sind 1994 aufgetaucht, sie sind aber schlichtweg untergegangen. Deswegen war 2008 die Überraschung groß, als in der Rheinebene auf 4000 Hektar gebeiztes Saatgut gegen den Maiswurzelbohrer ausgebracht wurde, und das große Bienensterben einsetzte. Immerhin haben wir hier in der Region die höchste Bienendichte in Deutschland.

BZ: Die Beiz- und Säverfahren wurden als Folge daraus stark verbessert.
Koch: Die Aussaat ist ja nur ein Kritikpunkt. Die Neonicotinoide machen die Pflanze von der Wurzel bis zur Blüte giftig. Im Pollen oder Nektar hat der Wirkstoff nicht die Dosierung, dass er hochgradig giftig ist für die Bienen. Aber das Gift ist da. Es reichert sich auch im Boden an, so dass die Folgekulturen, die gar nicht behandelt worden sind, ebenfalls für Bienen giftig sind. Selbst ganz normaler Bodenstaub, der vom Acker geweht wird, kann für Bienen ein Problem werden. Da kommen wir wieder zur Risikobewertung: Macht es den Bienen was oder nicht? Da sind wir noch nicht am Ende der Diskussionen. Die Efsa, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, hat jedenfalls beschlossen, erst einmal einen Schnitt zu machen.

Dechet: Wir haben 2008 einen Unfall gehabt. Nach meinem Empfinden ist da eine Unsachlichkeit in die Diskussion gekommen, die rationale Entscheidungen, aufgrund von Fakten, die in Studien erhoben wurden, unmöglich gemacht hat.

BZ: Das unterstellen Sie auch der Efsa?

Dechet: Wir erheben den Vorwurf, dass bei der Efsa-Entscheidung nicht alle Studien gewertet wurden, sondern vorwiegend die belastenden. Deswegen haben die Firmen Bayer und Syngenta Klage eingereicht.

Koch: Ich finde ja, dass es bessere Lösungen gibt als die Neonicotinoide.

Dechet: Welche?

Koch: Beim Maiswurzelbohrer ist es klar: Durch die baden-württembergische Strategie mit Fruchtwechsel – zwei Jahre Mais, dann wird etwas anderes gepflanzt – gehen die Fallzahlen weltweit erstmalig zurück.

BZ: Was würde der Verzicht auf Neonicotinoide für die Bauern bedeuten?

God: Er bedeutet im Einzellfall, dass keine wirkungsvollen Stoffe da sind, um bestimmte Schädlinge wie Erdraupen und Drahtwürmer zu bekämpfen. Und auch nicht den Maiswurzelbohrer, wenn der mal seine Liebe zu anderen Pflanzen entdecken sollte. Noch einmal zur 2008er Katastrophe bei den Bienen: Die kam zustande, weil die Behörden mehrfach versagt haben. Aber die Behörden machen Fehler nicht zweimal – und sie haben danach hohe Standards bei der Sätechnik und dem Beizverfahren eingeführt. Trotzdem haben sie seither keine wirksamen Beizmittel mehr für den Mais zugelassen – etwa gegen Erdraupen. Mir ist ein Landwirt bekannt, bei dem sie dieses Jahr einen Schaden von 10.000 Euro angerichtet haben.

BZ: Wie haben es die Bauern denn gemacht, bevor es die Neonicotinoide gab? Und was sind die Alternativen zu ihnen?
Dechet: Die Alternativen werden ja im Moment praktiziert – nämlich die Rückkehr zu längst überholten Spritzmitteln, den Pyrethroiden. Gegen die gibt es schon viele Resistenzen, was bedeutet, dass der Bauer die Dosis erhöhen muss.

Wehde: Gegen jedes Pflanzenschutzmittel gibt es irgendwann Resistenzen. Das zeigt ja die Sackgasse dieses Weges. Wir müssen auf Vielfalt auf dem Acker setzen statt auf giftige Pestizide.

BZ: Nun hat es die Ökobewegung nicht geschafft, die Mehrzahl der Landwirte von ihrem Weg zu überzeugen – was ja auch an ökonomische Zwängen liegt.
Wehde: Es werden in der EU jährlich 55 Milliarden Euro an Agrarsubventionen ausgeschüttet. Es gäbe über Ordnungsrecht und Agarreformen die Möglichkeit, mehr in Richtung Öko zu gehen. Doch der Einfluss der Chemie- und Agrarlobby am Chemiestandort Deutschland ist groß – da ziehen wir regelmäßig den Kürzeren.
Die vier Interviewpartner

Hubert God (54): Der Agarökonom aus Herbolzheim ist Referatsleiter beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV) und berät Mitglieder zu Umwelt und Strukturfragen.

Friedrich Dechet (56):
Der Biologe ist Experte für Umweltthemen und Pflanzenschutz beim Industrieverband Agrar. Dessen Mitglieder sind unter anderem Bayer Crop Science und Syngenta.

Christoph Koch (56): Der selbstständige Imkermeister aus Oppenau sitzt im Vorstand des Deutschen Berufsimkerbundes und ist dessen Landesgeschäftsführer Baden-Württemberg.

Gerald Wehde (52): Der Agrar-Ingenieur aus Frankfurt leitet die Bereiche Agrarpolitik und Kommunikation beim Bioland-Verband.

Glossar

Pflanzenschutzmittel: Sie dienen dem Schutz der Pflanzen vor Schadorganismen. Zu ihnen werden Insektizide, Fungizide und Herbizide gerechnet.

Insektizide: Sie werden genutzt, um Insekten zu vertreiben oder abzutöten. Verbreitet sind dafür Wirkstoffe aus der Klasse der Neonicotinoide. Ein natürliches Insektizid ist der Stoff Pyrethrum, der aus Chrysanthemen gewonnen wird. Von ihm abgeleitet sind die synthetisch erzeugten Pyretroide, die ebenfalls in großem Maßstab auf dem Acker eingesetzt werden.

Herbizide: Das sind Unkrautbekämpfungsmittel. Es gibt spezifische oder solche, die gegen sehr viele Pflanzen wirken. Sehr häufig eingesetzt wird Glyphosat, das etwa unter dem Namen Roundup erhältlich ist – es wirkt gegen sehr viele Unkräuter.

Fungizide: Das sind Mittel, die Pilze oder ihre Sporen abtöten.

Saatgutbeizen: Bei der Beizung wird Saatgut mit Pflanzenschutzmittel behandelt, um die Saat und die daraus wachsende Pflanze vor Schädlingen zu schützen. Viele Beizen sollen auch Vogelfraß verhindern.

Efsa: Die "European Food Safety Authority" ist in der EU zuständig für Risikobewertung im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit. Die unabhängige wissenschaftliche Behörde berät die EU-Institutionen und spricht Empfehlungen aus.

Autor: Katharina Meyer und Jörg Buteweg