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04. April 2013

Öl und Gas

Experten uneins: Wie lange reichen die globalen Reserven?

Halten die globalen Öl- und Gasreserven noch für eine Weile oder gehen sie schon bald zur Neige?.

BERLIN. Hat die Welt noch genug fossilen Treibstoff für 20 oder mehr Jahre? Besonders die Dauer des Öl- und Gas-Booms in den USA schätzen Wissenschaftler unterschiedlich ein.

Wie lange halten die Energievorräte noch, die unsere Gesellschaft in Bewegung versetzen? Hunderte Millionen Fahrzeuge weltweit brauchen Benzin, Tausende Kraftwerke verfeuern Erdgas oder Kohle. Darüber, wie lange wir angesichts des weltweit steigenden Verbrauchs noch aus dem Vollen schöpfen können, ist ein neuer Disput entflammt.

Auf der einen Seite steht die Internationale Energieagentur (IEA), getragen von den westlichen Industriestaaten. Die Experten sind optimistisch, dass der wachsende Weltbedarf an Öl und Gas mindestens bis 2035 durch eine steigende Produktion gestillt werden kann. Die Gegenposition übernimmt die Energy Watch Group (EWG), in der unter anderem die Ludwig-Bölkow-Stiftung mit ökologisch inspirierten Wissenschaftlern kooperiert. Die EWG-These: Die Öl- und Gasförderung ist auf oder nahe ihrem Höhepunkt angekommen. Bald wird weniger fossile Energie zur Verfügung stehen als jetzt.

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Folgerichtig kommen beide Seiten zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen, was die Dringlichkeit des Ausbaus der erneuerbaren Energien betrifft. Die EWG möchte die Energierevolution beschleunigen, die IEA ist zurückhaltender. Die EWG-Wissenschaftler um Werner Zittel aus Ottobrunn sagen, dass die weltweite Erdölförderung bereits 2012 ihren Höhepunkt erreicht hat. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie um das Jahr 2030 um etwa 40 Prozent gegenüber dem Jahr 2012 zurückgehen wird", heißt es in dem Bericht "Fossile und nukleare Brennstoffe – die künftige Versorgungssituation".

Neue Vorkommen dank neuer Technik

Diese Thesen würden auch angesichts des neuen Ölbooms in den USA gelten. Dort können Bohrfirmen mit modernen Techniken inzwischen Lagerstätten ausbeuten, die bisher als unergiebig galten. Die EWG warnt: "Die Förderung von ,tight oil‘ – Öl in dichtem Gestein – wird vermutlich nicht länger als zehn Jahre auf hohem Niveau erfolgen und sich damit als eine deutlich überschätzte Blase zeigen." Zittel und seine Kollegen begründen ihre Einschätzung mit Erfahrungen bei der Ausbeutung kürzlich erschlossener Ressourcen unter anderem in den USA. Diese würden sich entgegen den Annahmen der Ölkonzerne bald erschöpfen.

Währenddessen beschreibt die Internationale Energieagentur einen weltweit steigenden Bedarf an Erdöl, dem aber auch eine zunehmende Produktion gegenübersteht. Sowohl die Nachfrage als auch das Angebot könnten bis 2035 um rund ein Viertel wachsen. Dieses Szenario halten die Experten der IEA allerdings nicht für das beste. Sie warnen vor der zunehmenden Belastung der Erdatmosphäre mit klimaschädlichen Abgasen. Hinzu kommt eine These der IEA, die für besonderes Aufsehen gesorgt hat: "Ab ungefähr 2020 werden die Vereinigten Staaten voraussichtlich zum weltweit größten Ölproduzenten und überholen damit Saudi-Arabien." Allerdings weiß die Energieagentur, dass die USA selbst unter diesen Voraussetzungen weiterhin große Mengen Öl importieren müssten – falls ihr Verbrauch unter anderem im Autoverkehr nicht stark sinkt. Die Behauptung, die USA werden von Ölimporten unabhängig, trifft auch nach den Zahlen der IEA nicht zu. Freilich dürfte das Ausmaß der amerikanischen Abhängigkeit von Energieimporten abnehmen – ein Befund, den die EWG nicht teilt.

Ebenfalls widersprüchlich sind die Ergebnisse der beiden Wissenschaftlergruppen beim Erdgas. Die EWG sieht die weltweite Gasproduktion von etwa 2020 an fallen, in den USA bereits von 2015 an – trotz des dortigen Booms der Förderung von Erdgas aus Schiefergestein mittels Fracking. Im World Energy Outlook 2012 der IEA liest sich das ganz anders. Sowohl weltweit als auch in den USA steige die Produktion gemäß der Nachfrage. Die USA könnten sich bald sogar unabhängig von Gasimporten machen.

Warum kommen Energieexperten unterschiedlicher Institutionen zu derart divergierenden Einschätzungen? "Die Verlässlichkeit der Daten ist mitunter fraglich", sagt Manuel Frondel, Energieexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Angaben werden zurückgehalten, irreführende Schätzungen veröffentlicht. Mitunter interpretieren auch Forscher die Daten in die eine oder andere Richtung, indem sie ihnen genehme Annahmen treffen.

Energie aus fossilen Quellen wird teurer

Grundsätzlich steht die These der EWG über ein bald erreichtes Fördermaximum auf wackeligen Beinen. Der Grund: Noch nicht entdeckte Vorkommen können nicht eingerechnet werden. Durch Entdeckungen und neue Verfahren sind die verfügbaren Mengen bisher immer gestiegen. Jüngstes Beispiel: Schiefergas.

Die Wissenschaftler sind sich aber in einem Punkt einig. Fossile Energie wird teurer, getrieben durch den zunehmenden Bedarf in Schwellenländern. Für die erneuerbaren Energien ergibt sich daraus möglicherweise ein Kostenvorteil, denn der teure Produktionsschritt der Ausbeutung unterirdischer Lagerstätten fällt bei Wind- und Sonnenenergie weg.

Autor: Hannes Koch