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07. April 2015 13:53 Uhr

BZ-Serie Altes Handwerk (6)

Freiburger Geigenbauer stellt hochwertige Instrumente her

Eigentlich wollte Benedikt van Gompel Biologielehrer werden. Doch seine Liebe zur Musik führte den Freiburger zum Geigenbau. Neue Violinen zu bauen ist aber die schöne Ausnahme.



Kürschner, Schmiede, Bürstenmacher – viele Berufe, die vor 50 Jahren alltäglich waren, gelten heute als ausgestorben. Oft zu Unrecht, denn das traditionelle Handwerk lebt. Aber die Arbeit hat sich verändert, am Ende überleben nur Betriebe, die für sich eine Nische gefunden haben. In unserer Serie stellen wir Handwerker vor, die das geschafft haben. Heute: der Geigenbauer Benedikt van Gompel aus Freiburg.

Der Deckenhimmel in den zwei Räumen von Benedikt van Gompel hängt voller Geigen. Der Boden, gerade erst von Holzspänen und Leim befreit, liegt dem jungen Geigenbauer nun wieder ordentlich zu Füßen. Viel war zuletzt los und damit nicht immer Zeit aufzuräumen.So auch jetzt: Der 34-jährige van Gompel stellt den Besen beiseite und greift stattdessen zu einem Bratschenbogen, den gleich ein Streicher des Philharmonischen Orchesters Freiburg abholen wird. "Neu bespannt, mit 180 Haaren aus dem Schweif mongolischer Pferde", sagt der Geigenbauer. Jedes Haar Hand verlesen, fein säuberlich parallel angeordnet und unter nahezu gleicher Spannung. Zwei bis drei Mal im Jahr wird diese Prozedur nötig, wenn ein Profimusiker mit dem Bogen umgeht.

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Mehrjährige Ausbildung in England

Dabei ist die Bogenrestauration weder sein Hauptgeschäft noch war sie Teil von van Gompels Ausbildung, die er an der englischen Geigenbauschule in Newark-on-Trent absolviert hat, einer Partnerstadt von Emmendingen, in der Grafschaft Nottinghamshire gelegen. Vier Jahre verbrachte er dort. Eigentlich wollte Benedikt van Gompel Lehrer für Latein und Biologie werden, weshalb er aus der Nähe von Baden-Baden nach Freiburg zog. Doch sein musikalisches Engagement als Cellist im Katholischen Hochschulorchester ließ ihm immer weniger Zeit für das Studium, brachte ihn vielmehr über einen Mitmusiker und Geigenbauer zum alten Handwerk. "Damals hatte ich zum ersten Mal einen Hobel in der Hand und es fühlte sich gut an."

Aus dem guten Gefühl erwuchs der Entschluss, den Geigenbau zu erlernen. 2004 war das. Nach einem ersten Jahr für die im Umgang mit Holz Unbedarften folgte dann die eigentliche, dreijährige Ausbildung. Sie ist mit der an den deutschen Geigenbauzentren im bayerischen Mittenwald und sächsischen Vogtland vergleichbar. Voraussetzung ist an allen Schulen eine Aufnahmeprüfung, wobei auf die musikalische Fähigkeiten der Schüler hierzulande mehr Gewicht gelegt wird. Eine zweijährige Spiel- und Unterrichtspraxis erwarten die deutschen Berufsfachschulen für Geigenbau von ihren Absolventen.

Dafür sei der Unterricht in England freier und mehr auf Eigeninitiative ausgerichtet, meint van Gompel. "Die Schüler kamen aus ganz Europa, aus Frankreich, Polen, Spanien, Norwegen, aber auch aus anderen Teilen der Welt: Ecuador, USA, sogar aus Japan und Südkorea. Die Briten selbst waren in der Minderheit." Jährlich verlassen 14 Geigenbauer die englische Einrichtung.

Sich selbständig machen kann jeder, der die Ausbildung hinter sich hat. Der Meisterzwang besteht seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Benedikt van Gompel führt seit drei Jahren seinen eigenen Betrieb, war davor aber bei einem Freiburger Kollegen angestellt. Die Dichte an Geigenbauern in Freiburg und Südbaden ist relativ hoch, bestätigt der Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher. Der Markt sei gesättigt. Deutschlandweit gibt es 500 von ihnen. Ein Viertel sind Frauen. Dabei dominiert die Reparatur und das Einstellen der Instrumente, der Neubau ist die schöne Ausnahme.

150 Stunden für eine neue Violine

Auch bei van Gompel. "Ich baue zwei bis drei Instrumente im Jahr, im Auftrag oder einfach, wenn ich Zeit dafür finde." 150 Stunden Arbeit stecken in einer neuen Violine. In den Regalen lagern dafür rohe Hölzer unterschiedlicher geographischer Herkunft. Die Fichte, die für die Decke der Instrumente verwendet wird, stammt aus den italienischen Dolomiten, das Ahorn für Zargen und Böden vom Balkan. Aus Afrika kommt das schwarze Ebenholz für das Griffbrett. Alle Hölzer sind ausgesucht und von besonderer Qualität, langsam und gleichmäßig gewachsen, was die feinen Jahresringe belegen. Mit einem fünfstelligen Betrag müssen die Käufer eines neuen Instruments rechnen. Die Situation auf den Finanzmärkten spielt den Geigenbauern dabei in die Hände. Statt das Geld kaum verzinst auf einem Bankkonto zu lagern, investieren viele lieber in hochwertige Instrumente. "Ich konnte bereits diese Erfahrung machen", sagt van Gompel.

In Freiburg gibt es durchaus ein betuchtes Publikum dafür. "Das kulturelle Gefüge in der Stadt stimmt, in vielen Familien sind Geige, Bratsche oder Cello zu Hause", meint van Gompel. Dazu kommen Orchester. Nicht zu vergessen die Musikstudenten der ansässigen Hochschule. "In Freiburg ist die Situation für uns Geigenbauer sehr gut." Was sich durchaus ändern könnte, wenn das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg im kommenden Jahr nicht mehr am Platz sein wird. Wichtig ist ihm sein guter Kontakt zur Musikschule Freiburg, wo ein großer Teil des Streichernachwuchs übt und ausgebildet wird.

Von dort kommt auch frohe Kunde. Die Violine, so teilt der Verband deutscher Musikschulen mit, hat die Blockflöte überholt und rangiert nach dem Klavier und der Gitarre auf Rang drei der beliebtesten Instrumente. Insgesamt musizieren etwa 62 000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene innerhalb der Musikschulen Deutschlands auf der Geige.

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Autor: Reiner Fritz