10 Jahre nach der Finanzkrise

Hellwig: "Immer noch viele faule Kredite"

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Di, 10. April 2018 um 20:30 Uhr

Wirtschaft

Vor zehn Jahren befand sich die Welt mitten in der Finanzkrise. Inzwischen hat sich im Bankensektor zwar viel getan – aber nicht genug, kritisiert der Volkswirt Martin Hellwig im BZ-Interview.

FRANKFURT. Vor zehn Jahren befand sich die Welt mitten in der Finanzkrise. Inzwischen hat sich viel getan, doch trotz verschärfter Regulierung und höherer Kapitalquoten ist im Bankensektor noch längst nicht alles in Ordnung. Die Kosten der Krise sind gigantisch. Über die Lage zehn Jahre danach sprach Rolf Obertreis mit dem Finanzwissenschaftler Martin Hellwig.

BZ: Ende Februar haben Schleswig-Holstein und Hamburg die HSH Nordbank für eine Milliarde Euro verkauft. Ein gutes Geschäft?
Hellwig: Ob das jetzt ein gutes Geschäft ist, kann ich nicht sagen, da ich den Vertrag nicht kenne. Insgesamt haben die beiden Länder seit 2004 für die Bank 17 Milliarden Euro aufgewandt. Wenn sie jetzt eine Milliarde bekommen, sind die Kosten immer noch sehr hoch.

BZ: Wie viel hat die Finanzkrise den deutschen Steuerzahler gekostet?
Hellwig: Wenn ich alles zusammenzähle, komme ich auf 70 bis 80 Milliarden Euro. Das ist mehr als in jedem anderen Land, das nicht selbst im Zentrum der Krise stand.

BZ: Warum geht es deutschen Instituten immer noch nicht gut?
Hellwig: Es gab und gibt zu viel Kapazität im Bankensektor. Das geht auf die 90er-Jahre zurück. Damals intensivierte sich der Wettbewerb, und die Margen gingen deutlich zurück. Etliche Banken fingen an zu zocken, zum Beispiel durch den Kauf toxischer Wertpapiere in den USA.

BZ: Rechnen Sie mit weiteren Belastungen für die öffentlichen Haushalte?
Hellwig: Ich sehe drei große Probleme. Zum einen stecken immer noch milliardenschwere Altlasten in den Büchern. Zum anderen sind Banken nach wie vor unprofitabel; bei den niedrigen Zinsen verdienen sie keine Margen. Zum dritten wird ein Zinsanstieg, wenn er denn kommt, viele Schwierigkeiten schaffen, zum Beispiel für Banken, die heute zu sehr niedrigen Zinsen Immobilienkredite mit zehn- bis 20-jähriger Zinsbindung vergeben.

BZ: Ende 2017 haben sich Aufseher über das neue, weltweit gültige Banken-Regelwerk Basel III geeinigt. Ist die Finanzwelt heute sicher?
Hellwig: Sicherer vielleicht, aber nicht sicher. Wenn Sie nach einem Unfall bei Tempo 150 das Tempolimit für Chemikalientransporte auf 140 Stundenkilometer senken, ist das etwas sicherer, aber bei Weitem nicht sicher.

BZ: Wie meinen Sie das?
Hellwig: Die hohe Verschuldung der Banken war ein maßgeblicher Faktor in der Krise. Bei hoher Verschuldung braucht es nicht viel und man ist insolvent. 2007 lag die Verschuldung der großen Banken bei 96 bis 98 Prozent der Bilanzsumme, die eigenen Mittel bei zwei bis vier Prozent. Heute liegt die Verschuldung bei 93 bis 96 Prozent. Das ist immer noch unverantwortlich hoch.

BZ: Welche Eigenkapitalquoten wären angemessen?
Hellwig: 20 bis 30 Prozent. Dann wären Verluste nicht unmittelbar existenzbedrohend und Ansteckungseffekte im System wären deutlich schwächer.

BZ: Banken behaupten, die Regulierung sei zu kompliziert und zu teuer. Das hindere sie bei der Vergabe von Krediten.
Hellwig: Zu kompliziert – das mag sein, aber dazu haben sie selbst beigetragen. Zu teuer – das gilt für die Banken, nicht aber für die Gesellschaft insgesamt. Verschuldung erscheint den Banken als billig, weil sie die Kosten nur teilweise tragen. Die Milliarden der Steuerzahler gehören auch zu den Kosten der hohen Verschuldung. Aber die Banken tun so, als ob es die Krise nicht gegeben hätte.

BZ: Die US-Banken scheffeln wieder Milliarden-Gewinne. Wird wieder gezockt?
Hellwig: Vielleicht. Aber in den USA wurde auch viel stärker aufgeräumt als hier. Viele Banken wurden geschlossen oder übernommen. Das erleichtert es den anderen, Geld zu verdienen.

BZ: In Europa war das anders?
Hellwig: Ja. Es sind relativ wenige Banken aus dem Markt ausgeschieden. Und in den Büchern stecken immer noch viele faule Kredite, im Euroraum an die 800 Milliarden. Vor allem Unternehmenskredite in Italien. Aber auch die Schiffskredite deutscher Banken sind ein Problem.

BZ: Wie steht es generell um die deutschen Geldinstitute?
Hellwig: Wirklich rentabel ist nur das Geschäft vor Ort, mit Einlagenkunden und Unternehmen. Das liegt fest in der Hand von Sparkassen und Volksbanken. Diese Basis fehlt den Großbanken und Landesbanken. Das Hin und Her der Deutschen Bank in diesem Bereich, früher mit der Bank 24 und dann mit der Postbank, ist ein Indiz dafür, wie schwer man sich da tut.

BZ: Wo könnte eine neue Finanzkrise entstehen?
Hellwig: Der kommende Zinsanstieg birgt erhebliche Gefahren. Wichtig ist, dass die Notenbanken dabei behutsam vorgehen.
Martin Hellwig:

Der 69-Jährige war von 1987 bis 1996 Professor für Nationalökonomie an der Uni Basel, von 1996 bis 2004 Professor für Wirtschaftstheorie an der Uni Mannheim und von 2004 bis 2017 Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Von 1998 bis 2004 hatte er den Vorsitz der unabhängigen Monopolkommission in Deutschland inne. Der gebürtige Düsseldorfer ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums und gilt als scharfer Banken- Kritiker.