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24. Januar 2014 11:34 Uhr

Solarenergie

ISE-Chef will deutsch-französische Solarfabrik bauen

Wird das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE bald zentraler Bestandteil eines neuen deutsch-französischen Mega-Industrieprojektes? Die Anzeichen dafür häufen sich.

  1. Das größte Solarforschungsinstitut Europas: das Fraunhofer ISE Foto: Promo

  2. Eicke Weber, Leiter Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme Foto: Ingo Schneider

Frankreichs Staatschef Hollande hatte kürzlich angekündigt, ein deutsch-französisches Unternehmen im Energiebereich im Stil des Airbus schaffen zu wollen. ISE-Forscher arbeiten bereits mit Kollegen aus Frankreich, der Schweiz und der Industrie an Konzepten für eine neuartige Solarmodulfabrik, die der Konkurrenz aus Fernost langfristig standhalten kann.

Lang gehegter Traum

Für Eicke R. Weber, den Chef des ISE, wäre es die Verwirklichung eines lang gehegten Traums. Immer wieder hatte der Naturwissenschaftler gefordert, eine von mehreren europäischen Staaten geförderte Solarfabrik zu bauen. Die Solartechnik ist für den Physiker entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Europas. Mit ihr könne der Umbau der Energiewirtschaft hin zu erneuerbaren Energien gelingen. Zudem biete sie hochqualifizierte und einkömmliche Arbeitsplätze auch bei den Zulieferbetrieben. Aus diesen Gründen "sollten wir uns bemühen, in einer Schlüsseltechnologie wie der Solarenergie die Forschung, Entwicklung und Produktion in Europa zu halten", hatte Weber bereits 2012 gesagt.

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Ohne enge Zusammenarbeit auf europäischer Ebene und staatliche Förderung ist dieses Ziel nach Einschätzung des ISE-Chefs nicht zu erreichen. Die noch übriggebliebenen Solarunternehmen seien auf Dauer zu klein, um mit der Konkurrenz aus Fernost mitzuhalten. Die Wettbewerber aus China hätten einen zusätzlichen Vorteil. Der mächtige chinesische Staat gewähre ihnen den Zugang zu günstigem Kapital.

Bündnis gegen Konkurrenz aus Fernost

Webers Vorschlag: ein staatlich gefördertes Solarunternehmen im Stil von Airbus. Der europäische Flugzeugbauer gründet auf einer engen politischen Zusammenarbeit verschiedener Staaten. Subventionen in Milliardenhöhe, die vor allem in den Anfangsjahren gezahlt wurden, schoben die Produktion an. Maßgeblich am Airbus-Start beteiligt war der CSU-Politiker Franz Josef Strauß. Er hatte sich stets für eine Flugzeugproduktion in Europa starkgemacht. Heute ist Airbus neben dem US-Unternehmen Boeing der erfolgreichste Jetanbieter weltweit. Tausende von Ingenieuren und Facharbeitern entwickeln und produzieren in Europa Teile für die Flugzeuge. Airbus gilt mittlerweile als das Paradebeispiel für staatliche Industriepolitik und als Beweis dafür, dass auch Deutsche und Franzosen zusammen große Projekte stemmen können.

Rückendeckung aus der Politik

Aus der Politik hatte Weber für seine Pläne bereits Rückendeckung erhalten. Der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier hatte 2012 gesagt: "Es ist absolut unverzichtbar, einen großen europäischen Akteur in der Solarindustrie zu haben." Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier will die deutsch-französischen Beziehungen wieder verbessern. Was käme da besser gelegen, als ein Gemeinschaftsunternehmen, das sich an einem Erfolgsmodell orientiert? In Frankreich stand die politische Elite staatlich geförderten Hochtechnologie-Projekten schon immer sehr aufgeschlossen gegenüber.

Deshalb verwundert es nicht, dass Frankreichs Staatschef Hollande die Idee eines grenzüberschreitenden Energietechnikunternehmens à la Airbus in seiner Regierungserklärung erwähnt hat. Unbestätigten Meldungen zufolge sollen beim deutsch-französischen Ministerrat am 19. Februar entsprechende Vorschläge diskutiert werden. In Berlin äußerte man sich nicht dazu. Eine Anfrage der BZ blieb am Donnerstag unbeantwortet.



Das ISE ist indes zurückhaltend. Das Institut wisse derzeit nicht, ob das Solarfabrik-Konsortium Gegenstand des Ministerrats sei, sagte Pressesprecherin Karin Schneider. Zur Kerngruppe des Konsortiums gehören das ISE, das Institut National de l’Énergie Solaire (Nationales Solarforschungsinstitut Frankreich) und Centre Suisse d’Électronique et de Microtechnique (Forschungsinstitut für Elektronik und Mikroelektronik, Schweiz) und Industriefirmen. Der Forschungsverbund sei auch nicht auf staatliche Initiative hin entstanden.

Allerdings habe das "xGWp"-Konsortium klar das Ziel, das Konzept für eine Multi-Gigawatt-Solarmodul-Fabrik zu erarbeiten. Mit neuen Fertigungstechniken könnten Solarmodule in extrem großer Menge produziert werden. Dies führe zu deutlich niedrigeren Produktionskosten. "Das Projekt soll dazu beitragen, die europäische Photovoltaik-Industrie zu einem Zeitpunkt wieder konkurrenzfähig zu machen, zu dem die weltweite Nachfrage wieder an Dynamik gewinnt.

Für 2014 wird mit einem Weltmarkt von 45 Gigawatt (zusätzliche Solarleistung) gerechnet, für 2020 werden 100 oder mehr Gigawatt vorausgesehen", schreibt das ISE. Das Institut wertet die extrem produktive, neue Solarfabrik als Leuchtturmprojekt. Es soll zeigen, "dass mit geeigneten Ansätzen in Europa entwickelte Technologien auch hier produziert werden können."

Technologieförderung nicht immer erfolgreich

Eine mögliche staatliche Förderung eines solchen Vorhabens ist jedoch umstritten. Kritiker verweisen auf die Risiken. Verwendet der Staat Steuergeld, um eine bestimmte Technik voranzutreiben, habe er nicht immer eine glückliche Hand an den Tag gelegt. Dem Erfolgsprojekt Airbus stehe beispielsweise die Concorde gegenüber. Der mit viel öffentlichen Mitteln gepäppelte französisch-britische Überschallflieger erwies sich als kommerzieller Flop. Eine besondere Förderung der Solartechnik ist in den Augen der Kritiker auch ungerecht. Andere Wirtschaftszweige wie zum Beispiel die industrielle Messtechnik gelten ebenfalls als Schlüsseltechnologien für die europäische Wirtschaft.

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Autor: Bernd Kramer