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13. Dezember 2014

"Jeder Abbau ist ein Eingriff in die Natur"

BZ-INTERVIEW mit dem Freiburger Goldschmied Christian Streit, der fair gehandeltes Gold verarbeitet / Die Nachfrage ist noch bescheiden.

  1. Christian Streit Foto: Michael Bamberger

Geht es um Lebensmittel, machen sich immer mehr Menschen Gedanken über die Herkunft der Produkte. Beim Schmuck sieht dies noch anders aus. Petra Kistler fragte Christian Streit, Goldschmied und Schmuckdesigner, nach dem Spagat zwischen Luxus und Nachhaltigkeit.

BZ: Herr Streit, als Goldschmied, der Schmuck herstellt, wissen Sie, woher das Edelmetall stammt, das sie verarbeiten.
Streit: Natürlich. Es stammt aus der Scheideanstalt Dr. Burger in Keltern. Das Unternehmen ist zertifiziertes Mitglied des Responsible Jewellery Council. Die Mitglieder dieser Organisation haben sich auf ethische, soziale und umweltfreundliche Verfahrenstechniken unter Berücksichtigung der Menschenrechte verpflichtet. Dies wird auch regelmäßig durch externe Prüfer kontrolliert.
BZ: Gibt es richtig saubere Edelmetalle?
Streit: Es gibt Silber und Gold aus einem streng zertifizierten Handel: Das Label "Ecofair" verbindet zwei Kriterien, die wir an die Herkunft der von uns verarbeiteten Materialien stellen: ökologische Gewinnung und fairer Handel. Das Silber wird aus 500 Jahre alten Abraumhalden in Bolivien gewonnen, das Gold wird aus Flüssen in Argentinien gewaschen und mechanisch getrennt. Auf den Einsatz von Chemikalien wie Zyanid und Quecksilber wird grundsätzlich verzichtet. Der Abbau findet in Kooperativen statt, nach der Ausbeute werden die Minen rückgebaut und renaturiert. Zudem werden die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO eingehalten, der höhere Preis kommt der Kooperative und den Arbeitern zugute. Wir finden das Thema Recycling aber noch wichtiger als Fairtrade. Alle Edelmetalle, die wir wieder in den Produktionskreislauf einfügen, helfen, die Neugewinnung zu vermindern. Jeder Abbau ist ein Eingriff in die Natur.

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BZ: Um wie viel höher ist der Preis für faires und ökologisches Gold?
Streit:
Er liegt 20 bis 30 Prozent über dem Weltmarktpreis, weil der Ertrag geringer ist. Beim wiederaufbereiteten Gold gibt es keinen Aufschlag. Bei der komplett in Deutschland hergestellten Linie "Materia Prima" verzichten wir auf Edelsteine und setzen stattdessen auf handbemaltes Porzellan. Damit wollen wir helfen, ein altes Handwerk zu erhalten.
BZ: Wie ökosensibel sind die Kunden beim Schmuck?
Streit: Bei Eheringen ist die Nachhaltigkeit inzwischen ein großes Thema. Ansonsten setzt es sich erst langsam durch. 2005 veranstalteten wir mit Peter Weiß (CDU-Bundestagsabgeordneter, Anmerkung der Redaktion) in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin eine Ausstellung zum Thema "Luxus und Nachhaltigkeit. Ein Gegensatz?" Das Interesse war groß, der Nachhall aber gering. Seit sich die großen Schmuckhäuser wie Tiffany oder Cartier des Themas Nachhaltigkeit angenommen haben, ist eine Bewegung zu verspüren.
BZ: Was reizt einen Goldschmied an dem Material Gold?
Streit: Es hat eine warme Farbe, ist gut zu verarbeiten und nicht zu weich. In der Alchemie galt Gold als die höchste Entwicklungsstufe. Das schwingt in unserer Kultur einfach mit.
BZ: Wäre es angesichts der ganzen Umweltprobleme nicht einfacher, komplett auf den Luxus Gold zu verzichten?
Streit: Klar, von einem Stück Gold kann man nicht abbeißen. Die Herstellung von Schmuck gehört aber zu den ältesten Kulturtechniken des Menschen. Es ist schade, dass Gold und Silber nur noch mit Luxus assoziiert werden. Wer keine emotionale Beziehung dazu hat, sollte sich das Geld sparen. Für andere ist Schmuck eine sehr persönliche Ausdrucksform.

Christian Streit (50) ist Goldschmied und Schmuckdesigner in Freiburg.

Autor: pk