Pflegereform 2017

Mehr Geld für die Pflegebedürftigen

Annette Jäger

Von Annette Jäger

Sa, 19. November 2016

Wirtschaft

Mit der Reform wird wichtig, wie selbstständig ein Patient seinen Alltag meistern kann und wo er Hilfe benötigt.

Es sind einschneidende Veränderungen in der gesetzlichen Pflegeversicherung, die zum 1. Januar 2017 umgesetzt werden: Statt Pflegestufen gibt es dann Pflegegrade. Damit verbunden sind neue finanzielle Leistungen bei Pflegebedürftigkeit. Vor allem aber wird der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert. Künftig werden mehr Menschen als bisher Zugang zu Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung haben.

Festgezurrt wurden die Neuerungen im Pflegestärkungsgesetz II, das bereits seit 2016 in Kraft ist. Teile davon werden aber erst ab Januar umgesetzt, so die neuen Pflegegrade.

Pflegebedürftigkeit neu definiert
Wer schon einmal für einen Angehörigen eine Pflegestufe beantragen musste, weiß, dass es dabei bislang vor allem auf die körperlichen Einschränkungen ankommt. In Stufe I, II oder III teilt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) den Versicherten ein, je nachdem wie stark seine Beweglichkeit beeinträchtigt ist. Wie viele Minuten ein Patient für verschiedene Tätigkeiten wie Waschen, Anziehen oder Ähnliches benötigt, ist ausschlaggebend.

Erst vor wenigen Jahren wurde die Pflegestufe 0 eingeführt, sodass auch Menschen, die körperlich noch völlig fit sind, aber geistig oder psychisch beeinträchtigt sind – zum Beispiel durch eine Demenzerkrankung – eine kleine finanzielle Unterstützung durch die Pflegekasse erhalten. Auch in den höheren Pflegestufen erhalten sie bei geistigen Beeinträchtigungen inzwischen einen finanziellen Zuschlag, aber eben nur dann, wenn die geistige Beeinträchtigung so weit fortgeschritten ist, dass sie auch Hilfe bei den Verrichtungen der Grundpflege wie Waschen benötigen.

Der bisher geltende Begriff der Pflegebedürftigkeit wird nun völlig neu definiert. Ab Januar 2017 werden nahezu alle Lebensbereiche des Patienten in die Bewertung der Pflegebedürftigkeit miteinbezogen. Neben der eingeschränkten Mobilität spielen auch geistige und psychische Einschränkungen eine Rolle. Jetzt ist wichtig, wie selbstständig ein Patient seinen Alltag verrichten kann und wo er Hilfe benötigt. Dabei werden sechs Lebensbereiche berücksichtigt:»


körperliche Mobilität
»
geistige und sprachliche Fähigkeiten
»psychische Probleme
»Fähigkeit, sich selbst zu versorgen
»Umgang mit Gesundheitsproblemen
»Fähigkeit, den Tagesablauf zu gestalten,  zum Beispiel soziale Kontakte aufzu-  nehmen

Stellt ein Versicherter einen Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung, muss die Pflegekasse eigentlich innerhalb von 25 Tagen entscheiden. Diese Frist gilt allerdings nicht im Zeitraum vom 1. November 2016 bis 31. Dezember 2017. Das heißt, dass Pflegeversicherte mitunter mehrere Wochen auf eine Entscheidung über ihre Pflegeeinstufung warten werden.
Neue Pflegegrade
Wer schon pflegebedürftig ist, wird in die neuen Pflegegrade überführt. Die Versicherten werden also nicht neu begutachtet.

»Versicherte mit ausschließlich körperlichen Einschränkungen werden automatisch in den nächsthöheren Pflegegrad übergeleitet, z. B. Pflegestufe I wird Pflegegrad 2, Pflegestufe III wird Pflegegrad 4.
»Versicherte mit zusätzlich geistigen Einschränkungen (eingeschränkter Alltagskompetenz) kommen automatisch in den übernächsten Pflegegrad, zum Beispiel Pflegestufe 0 wird Pflegegrad 2, Pflegestufe II wird Pflegegrad 4.

Neuer Beitragssatz
Um die neuen Pflegeversicherungsleistungen zu finanzieren, müssen alle Pflegeversicherten tiefer in die Tasche greifen. Der Beitrag zur gesetzlichen Pflegeversicherung – er wird mit dem Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung erhoben – steigt ab 2017 um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent des Bruttoeinkommens. Versicherte ohne Kinder zahlen 0,25 Prozentpunkte mehr, also 2,8 Prozent. Bei einem Bruttoeinkommen von 3000 Euro sind das 6 Euro mehr im Monat für Versicherte mit Kindern und 7,50 Euro für Versicherte ohne Kinder.

Fazit
Die neue Einteilung in Pflegegrade bringt zunächst niemandem einen Nachteil. Durch die neue Definition des Pflegebegriffs erhalten nun wesentlich mehr Menschen als früher Zugang zu Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung. Vor allem Menschen mit Demenzerkrankungen sind nun bessergestellt.

Es gibt auch einen Wermutstropfen. Experten gehen davon aus, dass es für Menschen, die ausschließlich eine eingeschränkte Mobilität haben, aber geistig völlig fit sind, künftig schwieriger sein wird, in einen höheren Pflegegrad eingestuft zu werden. Vor allem Pflegegrade 4 und 5 zu erreichen und damit auch mehr Leistungen aus der gesetzlichen Pflegekasse zu erhalten, wird für sie voraussichtlich schwieriger werden.

Neuer Pflegegrad 1
Völlig neu ist der Pflegegrad 1. Er trifft auf Pflegeversicherte zu, die nur geringe Einschränkungen insbesondere im körperlichen Bereich haben. Diese Personen benötigen Teilhilfen bei der Selbstversorgung, beim Verlassen der Wohnung und bei der Haushaltsführung. Mit Pflegegrad 1 steht Betroffenen (ebenso wie Versicherten in den Pflegegraden 2 bis 5) ein Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat zu. Dieser Betrag kann beispielsweise eingesetzt werden für die Kurzzeitpflege. Der Zuschuss wird nicht bar an den Versicherten ausgezahlt, sondern es müssen Rechnungen vorgelegt werden, die erstattet werden. Nicht ausgeschöpfte Leistungen können angespart und ins nächste Kalenderjahr übertragen werden. Pflegeversicherte, die sich zu diesem frühen Zeitpunkt entschließen, im Heim zu leben, bekommen einen Zuschuss in Höhe von 125 Euro zu den Heimkosten. Menschen mit Pflegegrad 1 erhalten außerdem 40 Euro im Monat für die Versorgung mit Hilfsmitteln. Wer die Wohnung pflegegerecht umbaut, dem stehen bereits in Pflegegrad 1 maximal 4000 Euro zu.

Mit der Pflegereform wird auch das Leben in ambulant betreuten Wohngruppen – Pflege-WGs genannt – stärker gefördert, denn auch das stellt eine Form der Versorgung außerhalb des Pflegeheimsystems dar. Betroffene erhalten jetzt zu einem sehr frühen Zeitpunkt – nämlich ab Pflegegrad 1 – Zugang zu finanziellen Leistungen für solche Wohngemeinschaften.

Wegen der Reform gibt es auch mehr Pflegegeld für die Pflege durch Angehörige als bisher. Der Gesetzgeber zahlt das Geld dem Patienten aus, er kann frei darüber verfügen. Pflegebedürftige, die zu Hause versorgt werden, können einen ambulanten Pflegedienst in Anspruch nehmen, der notfalls mehrmals täglich nach Hause kommt und bei der Pflege hilft. Auch dafür gibt es Geld vom Staat, sogenannte Pflegesachleistungen. Dieses Geld bekommt der Pflegebedürftige allerdings nicht bar ausgezahlt, sondern der ambulante Pflegedienst rechnet direkt mit der jeweiligen Pflegekasse ab. Auch hier steigen die Zuschüsse zum Teil erheblich an.

Den zweiten Teil der Serie zur Pflegereform – was ändert sich in der Pflege im Heim – lesen Sie am nächsten Samstag an dieser Stelle.