Pfiffige Landwirte (3)

Teninger Obstbrenner rettet Streuobstwiesen mit Schnaps

Christine Speckner

Von Christine Speckner

Mi, 08. Februar 2017 um 09:59 Uhr

Gastronomie

Gelbmöstler, Schweizer Wasserbirne, Oberösterreichische Weinbirne: Die alten Birnensorten würde kaum jemand kennen, wenn nicht der Teninger Obstbrenner Klaus Jung ein Faible für diese Mostbirnen hätte.

Was sichert die wirtschaftliche Existenz in einer sich verändernden Welt? Erfindungen, die sich im Alltag bewähren. Was für Industriebetriebe gilt, trifft auch auf die Landwirtschaft zu. Die BZ stellt deshalb in einer kleinen Serie Bauern vor, die sich auf Neuland gewagt haben. Dafür erhielten sie den Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovationen. Der dritte und letzte Teil erzählt die Geschichte von Klaus Jung und der Birnoh-Gilde.

Der Obstbrenner und Moster von der Brennerei Brand Jung in Teningen hat den Birnoh im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht. Ein Aperitif – wahlweise auch Digestif – aus alten Birnensorten mit 18 Prozent Alkohol und der vollen Wucht des Geschmacks aus diesen fast in Vergessenheit geratenen Birnensorten. Jung ist Mitglied der Birnoh-Gilde, ein Zusammenschluss von Brennern und Mostern, die das neue Produkt nach demselben Verfahren herstellen.

Produziert wird der Birnoh in vier Regionen im Land. Je nachdem, ob er am Bodensee, auf der Schwäbischen Alb, im Südschwarzwald oder im Schönbuch & Heckengäu produziert wurde, hat er seinen eigenen Geschmack. "Birnoh wurde von der Stahringer Streuobstmosterei am Bodensee entwickelt", erklärt Jung.

Die Idee, das Produkt in Kooperation herzustellen, hat ihn überzeugt. Birnen aus Streuobstbestand werden oft nicht mehr geerntet, weil der Aufwand so groß ist. Ziel der Birnoh-Gilde ist es, solche alten Birnbaumbestände zu erhalten.

Für den Aperitif werden die Birnen gemaischt, vergoren und zu einem hochprozentigen Ur-Destillat gebrannt. Frühestens im folgenden Jahr wird frisch gekelterter Birnensaft mit dem Destillat gemischt. Dann ruht der Birnoh im Eichenfass und wird wieder ein Jahr später in Flaschen abgefüllt. Zur Herstellung haben sich die vier Mitglieder der Gilde vertraglich auf das gemeinsame Herstellungsverfahren verpflichtet, auf gemeinsame Qualitätskriterien und auf gemeinsames Marketing.

Erst nach 15 Jahren bringt ein Obstbaum Ertrag

Auf 25 Hektar bewirtschaftet der Vollerwerbslandwirt Klaus Jung rund um Teningen Streuobstwiesen mit 2000 großen Obstbäumen. Im Umkreis von 50 Kilometern pachtet Jung jedes Jahr fünf bis sechs Privatgrundstücke dazu, weil die Besitzer von Streuobstwiesen in die Jahre kommen und ihre Nachfolger den Aufwand scheuen. Es dauert schließlich 15 Jahre, bis ein großer Obstbaum einen nennenswerten Ertrag bringt.

Außerdem muss er jedes Jahr fachmännisch geschnitten werden. Außerdem ist die Ernte von Mostbirnen mit viel Aufwand verbunden: Zwei- bis dreimal wöchentlich sammelt Jung die Früchte während der Saison auf, nachdem sie vom Baum gefallen sind. Trotz des Aufwands sagt Jung: "Alte Birnensorten sind keine Stiefkinder der Streuobstwiesen."

Bei einer Qualitätsprüfung der Deutschland Landwirtschaftsgesellschaft erhielt Birnoh hundert von hundert möglichen Punkten. "Damit steht das Produkt außer Konkurrenz, in Deutschland gibt es keine vergleichbaren Getränke", sagt Jung. Darüber und über den kürzlich verliehenen Landwirtschaftspreis dürften sich die vier Brennereien und Obstereien freuen. Mit dem Produkt lassen sich alte Birnensorten exklusiv vermarkten. Gleichzeitig steigt der Preis für Streuobstbirnen, sodass auch andere Erzeuger mittelbar profitieren.

Jung will, dass Streuobstwiesen erhalten werden

Derweil setzt Jung weiter auf den Erhalt von Streuobstwiesen. Damit Privatleute nicht auf die Idee kommen, ihre Obstbäume umzusägen, ist er bereit, ihnen mehr als den üblichen Marktpreis zu bezahlen, wenn sie ihre Äpfel und Birnen zum Pressen vorbeibringen.

Mit seinem Sohn Leander hat er vor drei Jahren die Firma Jung Fruchtsäfte in Teningen gegründet. Über einen Online-Shop werden Fruchtsäfte vertrieben – und der Birnoh. Außerdem sind Jungs Produkte im regionalen Einzelhandel und der Gastronomie vertreten. Die Preise lägen über dem Durchschnitt. Aber für Qualität, sagt Jung, seien seine Stammkunden bereit, mehr zu bezahlen.

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Der Landwirtschaftspreis für Unternehmerische Innovationen wird seit 1997 vergeben, zunächst in Südbaden, seit 2000 in ganz Baden-Württemberg. Träger sind die drei Landjugendverbände in Baden-Württemberg, die Landfrauenverbände und die beiden Bauernverbände. Finanziell gefördert wird er von der ZG Raiffeisen und dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband.