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18. Juli 2013 00:00 Uhr

Nachwachsende Rohstoffe

Mode aus Milch? Bund fördert Bioökonomie mit Milliarden

Der Bund fördert die Entwicklung von Produkten, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Darunter zum Beispiel auch Textilfasern aus Milchprotein für die Modeindustrie.

  1. Kleid aus Textilfasern aus Milchprotein Foto: dpa

  2. Die Modedesignerin und Biochemikerin Anke Domaske mit einem Milchglas und aus Milchfasern versponnenes Garn Foto: dpa

Deutsche Firmen sollen nach dem Willen der Bundesregierung verstärkt nachwachsende Rohstoffe verwenden. Darauf zielt eine Initiative zur Förderung der Bioökonomie, die das Kabinett am Mittwoch beschloss. Der Bund lässt sich die Förderung 2,4 Milliarden Euro kosten. Es gehe darum, so Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU), die Abhängigkeit von Öl zu verringern: "Wir müssen nutzen, was die Natur uns bietet."

Mode aus Milch?Was zunächst seltsam klingt, hat die Biologin Anke Domaske aus Hannover möglich gemacht. Sie entwickelte ein Verfahren, bei dem aus Milchprotein Textilfasern entstehen. Und aus diesen Fasern ist zu einem gut Teil das schöne rote Sommerkleid gemacht, das am Mittwoch auf einer Pressekonferenz von Aigner und Johanna Wanka, der Bundesministerin für Forschung und Entwicklung, zu sehen war.

Die beiden Ministerinnen stellten das Konzept vor, mit dem die Bundesregierung der sogenannten Bioökonomie zum Durchbruch verhelfen will – also einer Form des Wirtschaftens, die nutzt, was die Natur den Menschen bietet. Domaskes Firma "qmilk" nutzt Teile der Milch, die wie zum Beispiel das Filtrat der Käseherstellung, nicht verzehrt werden dürfen. Dadurch spart "qmilk", was kostbar ist, bei der Baumwollerzeugung aber in rauen Mengen gebraucht wird: Wasser. Ein Kilo Fasern aus Milch benötigt dagegen nur zwei Liter Flüssigkeit.

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Das rote Kleid ist nur ein Beispiel für Produkte der Bioökonomie. Eine bayerische Firma entwickelt aus Bakterien einen künstlichen Spinnenseidenfaden, der für Polizisten oder Feuerwehrleute verheißungsvoll ist. Denn das Material ist sehr leicht und zwei- bis dreimal stärker als Nylon, sodass sich daraus schusssichere Westen oder Schutzanzüge fertigen lassen.

Neben dem roten Kleid stellten Aigner und Wanka auch eine Motorabdeckung vor, die Daimler-Benz in die Fahrzeuge der A-Klasse einbaut. Die Abdeckung besteht zu 70 Prozent aus pflanzlichen Rohstoffen, genauer: aus Biopolymeren, die aus den Samen des Rizinusbaums gewonnen werden. Ein Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen, das wunderbar in die Sommerzeit passt, ist das Speiseeis aus Lupinenprotein, das einige Supermärkte schon verkaufen. Das Eis enthält weder Laktose noch Gluten, so dass es sich für Allergiker und Personen eignet, die sich vegan ernähren.

"Wir müssen weg vom Öl", meint Aigner – also von der endlichen Ressource, die heute in unzähligen Alltagsprodukten steckt. Deshalb fördere die Regierung die Bioökonomie, die mit neuen Erfindungen Jobs schaffe und zum Klimaschutz beitrage. "Weg vom Öl" darf aus Aigners Sicht aber nicht dazu führen, dass Monokulturen entstehen oder sich wie bei Biokraftstoffen ein Konflikt zwischen Teller und Tank, zwischen Nahrung und wirtschaftlicher Nutzung entwickelt. Bei der Förderung der Bioökonomie gelte der Grundsatz: "Nahrung und Lebensmittelproduktion müssen immer Vorrang haben."

Der Bundesverband der Pflanzenzüchter begrüßte die Initiative der Bundesregierung. Neue Verfahren und Entwicklungen aus der Forschung müssten auf den Märkten ankommen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz mahnte, dass es mehr langlebige Produkte und weniger Wegwerfware geben müsse. An der Ressourcenvergeudung ändere sich nichts, wenn Produkte aus Biorohstoffen stammten, aber auch nur für kurze Zeit genutzt würden, wie es heute oft der Fall sei.

Autor: Bernhard Walker