Neuer Rekord bei Ökostrom

Bernward Janzing und dpa

Von Bernward Janzing & dpa

Di, 03. Juli 2018

Wirtschaft

Wind und Sonne erzeugen immer mehr Strom / Windparks in Norddeutschland müssen häufig gedrosselt werden.

FREIBURG. In Deutschland ist von Januar bis Juni so viel Ökostrom produziert worden, wie noch nie in der ersten Jahreshälfte. Insgesamt 105,5 Milliarden Kilowattstunden Strom kamen nach Angaben der Bundesnetzagentur vom Montag aus Wind, Sonne, Biomasse, Wasserkraft und kleineren Quellen wie Erdwärme.

Erstmals sind damit in den ersten sechs Monaten eines Jahres mehr als 100 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom erzeugt worden. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 9,9 Prozent, während die konventionelle Stromproduktion um 6,5 Prozent sank. Dadurch legte der Ökoanteil an der gesamten Erzeugung von 35,9 auf 39,8 Prozent zu.

Der Anteil könnte sogar noch größer sein. Immer häufiger müssen in Norddeutschland Windkraftanlagen wegen Netzengpässen gedrosselt oder abgeschaltet werden – während zugleich das nahegelegene Atomkraftwerk Brokdorf weiter Strom erzeugt. Das zeigt eine Auswertung des Berliner Analysehauses Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace Energy. Im Jahr 2017 mussten während 4782 Stunden, das sind 55 Prozent des Jahres, erneuerbare Energien in Schleswig-Holstein gedrosselt werden bei gleichzeitigem Betrieb des Akw Brokdorf.

Erhebliche Mengen an Ökostrom gingen auf diese Weise verloren. Laut Zahlen der Bundesnetzagentur wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 5,5 Milliarden Kilowattstunden Strom aus erneuerbaren Quellen nicht erzeugt, weil die Energie nicht abtransportiert werden konnte – mehr als je zuvor. Im Vorjahr waren es 3,7 Milliarden gewesen. Der Anstieg resultierte nicht allein aus dem deutlichen Zubau an Windkraftanlagen, sondern auch aus den guten Windverhältnissen im vergangenen Jahr. 59 Prozent der verlorenen Menge betraf Schleswig-Holstein, 20 Prozent Niedersachsen, der Rest überwiegend die östlichen Bundesländer.

Vor allem die Windkraft an Land musste oft gedrosselt werden, auf sie entfielen 81 Prozent der nicht erzeugten Kilowattstunden. Die Windkraft auf See stand für 15 Prozent der abgeregelten Summe, nachdem sie im Vorjahr in dieser Statistik noch keine Rolle gespielt hatte. Drei Prozent der Abschaltverluste entfielen auf Solar, der Rest auf sonstige Quellen.

Da die Anlagenbetreiber für die nicht erzeugten Mengen entschädigt werden, verteuern die verstopften Netze den Strom. Die Kosten werden nämlich über die Netzentgelte auf die Stromverbraucher umgelegt. 610 Millionen Euro wurden 2017 dafür fällig, nach 373 Millionen im Jahr zuvor.

Die durch das Einspeisemanagement – so die offizielle Bezeichnung – verlorene Menge an Ökostrom entsprach im Jahr 2017 übrigens zufällig jener Menge, die das Atomkraftwerk Brokdorf im gleichen Zeitraum erzeugte. Das bedeutet zwar nicht, dass beim Abschalten des Reaktors keine Windkraftanlagen mehr gedrosselt werden müssten. Aber es müsste seltener geschehen.

Während die Betreiber der Reaktoren gerne betonen, sie könnten die Leistung der Anlagen bedarfsgerecht steuern, findet das in der Praxis jedoch kaum statt: "Die Kernkraftwerke Brokdorf und Emsland weisen eine weitgehende starre Einspeisung ohne flexible Anpassung an die Nachfragesituation auf", bilanziert Energy Brainpool. Dadurch trügen sie zu Transportproblemen bei, weil die im Norden produzierbaren Strommengen oft durch knappe Netzkapazitäten Richtung Süden limitiert sind.

Daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern, denn Brokdorf kann laut Atomgesetz noch bis Ende 2021 laufen, Emsland nochmals ein Jahr länger. Beim Atomausstieg in den Wirren nach Fukushima hatte die Bundesregierung die Reihenfolge der Abschaltung nämlich weitgehend nach dem Alter der Blöcke festgelegt. Die Frage, ob die Kraftwerke in Netzregionen stehen, die gut mit Strom versorgt sind, oder in solchen, in denen Kapazitäten knapper sind (wie südlich der Main-Linie), hatte keine Rolle gespielt.

Einen Ansatz, die Atomkraftwerke früher abzuschalten, gäbe es. Im Atomgesetz ist nicht nur für jeden Reaktor ein Datum der Stilllegung festgelegt, sondern zudem auch eine maximale Strommenge, die erzeugt werden darf. Diese wird in Brokdorf voraussichtlich im Sommer 2020 und im Emsland im Sommer 2021 aufgebraucht sein – jeweils rund anderthalb Jahre vor dem gesetzlich definierten Abschalttermin.

Diese Regel ist aber so lange wirkungslos, wie die Kraftwerksbetreiber die Möglichkeit haben, überzählige Strommengen von bereits abgeschalteten Reaktoren auf noch laufende zu übertragen. Die Nicht-Regierungsorganisation Ausgestrahlt forderte daher, die Übertragung von Kontingenten auf die Meiler Brokdorf und Emsland zu verbieten. Das wäre im Rahmen der Novelle des Atomgesetzes leicht möglich gewesen, die aufgrund einer Vorgabe des Verfassungsgerichtes ohnehin nötig wurde.

Doch der Vorstoß, der auch vom Bundesrat, von den Grünen und Teilen der SPD unterstützt wurde, scheiterte nun an der Union: Vergangene Woche verabschiedete der Bundestag eine Gesetzesnovelle ohne ein solches Übertragungsverbot. Windstrom wird also weiter abgeregelt, auf Kosten der Verbraucher.