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11. Oktober 2017

Interview

Professor fordert 500 Milliarden Euro für Klimaschutz

Der Ulmer Professor Franz Josef Radermacher ist enttäuscht, wie wenig Klimawandel und Armut in der Wirtschaft als Probleme ernstgenommen werden. Am Mittwoch spricht er beim Mittelstandskongress in Freiburg.

  1. Franz Josef Radermacher Foto: Uni Ulm

FREIBURG. Franz Josef Radermacher will Konzerne und reiche Privatleute überzeugen, 500 Milliarden Euro pro Jahr gegen den Klimawandel zu investieren – ein sehr dickes Brett. Am Mittwoch spricht er beim Freiburger Mittelstandskongress. Mit Radermacher unterhielt sich Hannes Koch.

BZ: 120 Milliarden Euro soll Deutschland in einen Fonds investieren, um die Wirtschaft Afrikas zu modernisieren und die Armut zu verringern. Das forderten Sie vor einem Jahr von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Wie weit sind Sie damit gekommen?
Radermacher: Das Vorhaben des Marshallplans mit Afrika hat Fahrt aufgenommen. Minister Müller arbeitet daran. Beim G-20-Gipfel in Hamburg wurde darüber gesprochen. Wir haben einen Beitrag geleistet, dass aus dem Bundeshaushalt eine Milliarde Euro zusätzlich unter anderem nach Afrika fließt. Aber es dauert sehr lange, selbst solche relativ kleinen Summen im politischen Prozess zu bewegen. Deshalb sehe ich kurz- und mittelfristig die einzige Chance darin, dass Unternehmen und reiche Privatleute die nötigen Mittel aufbringen.

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BZ: Wie versuchen Sie, die Vermögenden zu überzeugen?
Radermacher: Wir raten der wirtschaftlichen Elite, ihr eigenes Interesse am Klimaschutz und die Entwicklung Afrikas miteinander zu verbinden. Unternehmen wie die Deutsche Bank, die Allianz-Versicherung oder der Softwarekonzern SAP wollen ihren Ausstoß von Klimagasen ja ohnehin verringern und sich klimaneutral stellen – sowohl im eigenen Haus etwa bei Heizung und Fuhrpark als auch bei ihren Geschäften. Eine Möglichkeit besteht darin, jede selbst verursachte Tonne Kohlendioxid (CO2) zu neutralisieren, indem man Geld als Ausgleich zahlt.

BZ: Wie kommen die Euro nach Afrika?
Radermacher: Ich persönlich überweise bestimmte Beträge an eine Organisation, die Aufforstung von Wald finanziert. Mit meinem Geld werden, einfach gesagt, Bäume in Entwicklungsländern gepflanzt. Die entziehen der Atmosphäre CO2. Ich kann ausrechnen, wie viel ich geben muss, um meinen individuellen CO2-Ausstoß rechnerisch zu kompensieren. Die Deutsche Bank könnte ähnlich verfahren, indem sie beispielsweise ein zusätzliches Solarkraftwerk in Afrika finanziert, das fossile Energieproduktion ersetzt.

BZ: Haben die Konzerne und die Reichen wirklich ein aufgeklärtes Eigeninteresse an diesem Geschäftsmodell, das heute nicht unbedingt monetäre Rendite verspricht?
Radermacher: Sie sollten es haben. Denn ihnen gehören die Firmen, die durch den Klimawandel später an Wert verlieren. Sie haben die Möglichkeit, diese Katastrophe zu verhindern. Das müsste eigentlich eine starke Motivation sein.

BZ: Ob es zu den Verwüstungen, die Sie prognostizieren, kommt, wird erst die Zukunft zeigen. Bis dahin, denken sich viele Angehörige der Elite, machen wir einfach so weiter wie bisher und freuen uns über die Gewinne.
Radermacher: Leider stimmt das in vielen Fällen. Das liegt aber auch daran, dass es bis heute keine große Marketingkampagne für unseren Ansatz gibt. Selbst viele Umweltschützer versagen ihre Unterstützung und verteufeln ihn als Ablasshandel oder Freikauf.

BZ: Wie viel Geld fließt denn nun in die Richtung, die Ihre globale Marshallplan-Initiative vorschlägt?
Radermacher: Ich schätze, bisher zwei oder drei Milliarden Euro. Es müssten aber 500 Milliarden pro Jahr sein. Viele Leute verstehen nicht, was wirklich auf uns zukommt.

BZ: Mit ihrem historischen Marshallplan förderten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Europas. Ist der begriffliche Bezug darauf nicht etwas zu bombastisch angesichts der bescheidenen Fortschritte?
Radermacher: Wir benutzen das Wort aus zwei Gründen. Zum einen verstehen die Menschen intuitiv sofort, um was es geht. Außerdem transportiert der Begriff "Marshallplan" eine positive Erinnerung. Um wahrgenommen zu werden, muss man manchmal Ausdrücke verwenden, die eigentlich nicht richtig passen.

BZ: Sie klingen enttäuscht angesichts der Probleme, Fortschritte zu erzielen.
Radermacher: Ich bin schockiert über die Unfähigkeit vieler einflussreicher Menschen, sich mit wirklich ernsten Problemen zu beschäftigen. Aber ich suche immer Möglichkeiten voranzukommen.
BZ: Haben Sie Zugang zu superreichen Personen wie Bill Gates von Microsoft oder Jeff Bezos von Amazon, die schnell mal ein paar Milliarden erübrigen könnten?
Radermacher: Nein, ich nicht. Über Minister Müller existieren jedoch Kontakte zur Gates-Stiftung. In Richtung des Marshallplans hat das bisher aber noch nichts gebracht.

BZ: Sie haben Probleme, an die dicken Fische heranzukommen, die Sie für die Umsetzung Ihres Vorhabens aber eigentlich bräuchten?
Radermacher: Dafür fühle ich mich nicht zuständig. Ich bin ja kein Investor, sondern betrachte mich als Denker, der Anstöße gibt. Andere Leute müssen diese Überlegungen umsetzen. So wie beim Klimabündnis Vorarlberg, das ich vor fast 30 Jahren mitinitiiert habe. Dort sind jetzt 90 Firmen aktiv.

Franz-Josef Radermacher (67) hat
die Globale-Marshallplan-Initiative mit
initiiert. Sie setzt sich seit 2002 für ein umfassendes, weltweites Programm für Entwicklungsländer ein. Radermacher ist Mitglied der Wissenschaftler-Vereinigung Club of Rome. An der Uni Ulm arbeitet er als Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz. Radermacher spricht am heutigen Mittwoch beim Freiburger Mittelstandskongress. Mehr Infos unter http://www.fr-mk.de

Autor: hko