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29. August 2011 18:15 Uhr
Interview mit Nobelpreisträger
Reinhard Selten: "Chinas Markt ist total überhitzt"
Reinhard Selten ist Deutschlands einziger Wirtschaftsnobelpreisträger. Er glaubt, dass der chinesische Immobilienmarkt kurz vor dem Kollaps steht. Warum? Das erklärt der 80-Jährige im BZ-Interview.
BZ: Herr Professor Selten, ist der Euro noch zu retten?
Selten: Ja. Wir haben keine Eurokrise, sondern eine Schuldenkrise einiger Staaten, die Mitglied der Eurozone sind. Ich erwarte, dass die Politik Regeln setzt, um den Euro am Leben zu halten. Die Hilfszahlungen an die überschuldeten Staaten müssen strikt begrenzt und ihre Sparprogramme strenger kontrolliert werden.
BZ: Sparen löst also das Problem?
Selten: Die Staaten müssen die Ursachen ihres Schuldenproblems aus eigener Kraft überwinden. Das bedeutet zwangsläufig harte Einschnitte. Man kann nicht grenzenlos Hilfsgelder verteilen, sonst läuft alles aus dem Ruder. Einige Länder wollen Schuldenbremsen in ihrer Verfassung verankern. Wenn diese Schuldenbremsen von einer starken Justiz durchgesetzt werden, wäre das sehr hilfreich.
BZ: Die Kritik an Ihrer Zunft hat sich nach der Finanzkrise 2007/2008 verschärft. Halten sie diese Kritik für gerechtfertigt?
Selten: Manche Kritik schon. Die lange vorherrschende Meinung in der Finanztheorie klang zwar schön, aber sie ist nicht richtig. Die Dominanz dieser Theorie hat dazu geführt, dass wesentliche Risiken übersehen wurden. Bei dieser Theorie geht es um die Arbitrage …
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BZ: Wie lässt sich das einfach erklären?
BZ: Die Finanzkrise brach aus, weil keiner mehr die Risiken kannte?
Selten: Die Leute, die diese Papiere gestalten und anderen anbieten, sind Experten. Die Leute, die sie kaufen, sind es nicht. Von den deutschen Bankern, die die Papiere gekauft haben, nahm man an, dass sie Experten sind.
BZ: Sie wurden übers Ohr gehauen?
Selten: Sie ahnten wahrscheinlich, dass der Markt irgendwann zusammenbrechen muss, aber sie haben trotzdem weitergemacht. Am Ende jeden Jahres wird geschaut, wie viel ein Fonds oder ein Investmentbanker im Verhältnis zur Konkurrenz verdient hat. Ein vorsichtiger Fondsmanager steht am Ende der Liste und wird rausgeworfen. Er hat zwar die Risiken für die Anleger minimiert, aber er hat wenig Gewinn gemacht. Das wird ihm übel genommen, auch von den Leuten, die die Fondsanteile gekauft haben. Die Fondsmanager werden zum Risiko gezwungen. Und sie denken sich: Wenn es schiefgeht, verlieren sie vielleicht ihren Job; aber dann geht es ja anderen auch so und deshalb kann man dem Einzelnen das nicht so übel nehmen.
BZ: Warum hat so gut wie kein Ökonom in der Zeit vor der Krise davor gewarnt, dass da etwas gehörig schief läuft?
BZ: Und was besorgt sie heute?
Selten: Die hohen Preise für Grundstücke und Häuser in China. Dort gibt es viele Menschen, die Appartements nur als Wertanlage kaufen und nicht, um darin zu wohnen oder sie zu vermieten. Das kann nicht gut gehen. Chinas Markt ist total überhitzt. Ich bin der Meinung, dass er bald zusammenbrechen wird. Es lässt sich nicht voraussagen, wann das passiert, möglicherweise noch in diesem Jahr, vielleicht auch später.
BZ: Die Wirtschaftswissenschaft geht nach wie vor mehrheitlich davon aus, dass die Menschen rationale Entscheidungen treffen. Wenn man sich ansieht, was gerade an der Börse los ist, lässt sich da noch von Vernunft sprechen?
Selten: Einerseits ist es falsch, wenn behauptet wird, Menschen handeln irrational. Ich war aber immer der Meinung, dass Menschen nicht vollständig rational entscheiden – anders als es die klassische Wirtschaftstheorie behauptet. Deren Idealbild vom reinen Homo oeconomicus hat nie gestimmt. Der Homo oeconomicus verfügt über unbegrenzte Rechenkapazitäten, um zu analysieren, in welcher Lage er sich befindet. Nur dann kann er erkennen, was die beste Entscheidung für ihn ist. Der Mensch verfügt aber nicht über grenzenlose Rechenkapazitäten. Er trifft seine Entscheidungen auf eine komplexere Weise als es die neoklassische Theorie sagt. Er entscheidet eingeschränkt rational. Es ging mir nicht so sehr darum, das Bild vom Homo oeconomicus zu zerstören, sondern darum, die Theorie des wirtschaftlichen Verhaltens weiterzuentwickeln.
BZ: Haben die Ökonomen die Politiker auf Basis falscher Annahmen jahrzehntelang falsch beraten, sodass etwas Falsches entschieden wurde?
Selten: Das glaube ich nicht. Denn die Politiker hören sich zwar an, was ihre Berater sagen, machen dann aber häufig das, was sie selbst für richtig halten.
Reinhard Selten wurde 1930 in Breslau geboren. Der Volkswirt und Mathematiker erhielt 1994 als erster und bis heute einziger Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie für seine Forschungen auf dem Gebiet der Spieltheorie – gemeinsam mit John Charles Harsanyi und mit dem Amerikaner John F. Nash, dessen Lebensgeschichte der Hollywoodfilm "A Beautiful Mind" erzählt. Selten machte an der Universität Bonn, wo er auch nach seiner Emeritierung arbeitet, viele Experimente. Er erforschte mit Hilfe von Spielen, wie Menschen Entscheidungen treffen. Selten spricht Esperanto, die am weitesten verbreitete internationale Plansprache, die eine Verständigung über die Sprachgrenzen ermöglicht. Er hat einige seiner ökonomischen Werke in Esperanto veröffentlicht.
- Nobelpreisträger in Lindau: Selbstkritik am Bodensee
Autor: Ronny Gert Bürckholdt


