Pfiffige Landwirte (3)

Joachim Dorer aus dem Mäderstal will mit einem mobilen Melkstand Schwarzwaldlandschaften erhalten

Christine Speckner

Von Christine Speckner

Sa, 04. Februar 2017

Wirtschaft

BZ-SERIE (TEIL 1): Joachim Dorer hat einen mobilen Melkstand entwickelt und hilft so, die Schwarzwaldlandschaft zu erhalten.

FURTWANGEN/FREIBURG. Was sichert die wirtschaftliche Existenz in einer sich verändernden Welt? Erfindungen, die sich im Alltag bewähren. Was für Industriebetriebe gilt, trifft auch auf die Landwirtschaft zu. Die BZ stellt deshalb in einer kleinen Serie Bauern vor, die sich auf Neuland gewagt haben. Dafür erhielten sie den Landwirtschaftspreis für unternehmerische Innovationen. Teil eins erzählt die Geschichte von Joachim Dorer und seinem mobilen Melkstand.

Wenn die Kuh nicht zum Melker kommt, kommt der Melker zur Kuh – die Idee hatte Joachim Dorer schon lange. Vergangenes Jahr hat er sie umgesetzt: Für seine 45 Milchkühe ließ er nach eigenen Plänen einen mobilen Melkstand bauen. Das rollende Gefährt misst knapp 10 Meter und wurde nun mit dem Landwirtschaftspreis ausgezeichnet. Das Besondere: Der Melkstand wird an einen Traktor angehängt und komplett von diesem aus betrieben. So ist er weder an den Hof noch an Strom- oder Wasseranschlüsse gebunden. Die Kühe werden mit einer Hebebühne auf knapp einen Meter gehoben, das Euter auf Brusthöhe, sodass der Melker rückenschonend arbeitet.

Wer den Vollerwerbslandwirt an einem Wintertag im beschaulichen Mäderstal bei Furtwangen besucht, sieht, wie steil die Weiden des Bernhardenhofs sind. "Drei Viertel meiner Betriebsfläche sind Steillagen", sagt Dorer, der mit seiner Familie von der Milchviehhaltung lebt. Im Sommerhalbjahr hängt er seinen mobilen Melkstand an den Traktor und fährt zur Herde, die bis zu zweieinhalb Kilometer vom Hof entfernt weidet. Sobald eine Koppel abgeweidet ist, ziehen die Kühe weiter. Morgens und abends fährt er zum Melken hinterher.

"Kühe sind sehr lernfähig", sagt Dorer. Wenn sie ihn sehen, kommen sie von allein und stellen sich in Reih und Glied im Stand auf. Fünf bis acht Tiere haben pro Melkgang Platz. Auch das Hochfahren der Hebebühne nehmen die Tiere gelassen. Angetrieben wird die Melkanlage über den Schlepper, der auch Druckluft für einen Wasserbehälter erzeugt, mit dem sich kleinere Reinigungsarbeiten ausführen lassen. Sind die Melkgeschirre angelegt, fließt die Milch in einen Tank, in dem sie vorgekühlt wird. Bei Regen klappt Dorer ein Vordach herunter, sodass er keine nassen Füße bekommt.

Nach einer Stunde Melken fährt er zum Hof zurück, dort wird die Milch in einen größeren Tank gepumpt. Anschließend koppelt er den Weidemelkstand zur Reinigung an die Spülanlage. Es sieht einfach aus. Doch bevor die Idee umgesetzt werden konnte, brauchte es eine genaue Planung. Ein Jahr lang hat der 41-jährige Forstwirt und Landwirtschaftsmeister getüftelt, bis er den Melkstand nach seinen Vorstellungen in Auftrag geben konnte. Als Modell dienten die Legos seiner vier Kinder. "Die habe ich mir einfach geborgt", erzählt Dorer.

Der enorme Vorteil seiner Erfindung sei die Zeitersparnis. Während der Landwirt bisher im Sommerhalbjahr die Tiere jeden Abend von der Weide eine Stunde zum Melken in den Stall treiben musste und morgens wieder zurück, geht es jetzt flotter voran. Einen großen Nutzen hat der mobile Melkstand auch für die Offenhaltung von Flächen in steilen Schwarzwaldtälern und anderen entlegenen Gebieten. Weideflächen, die wegen ihrer Entfernung zum Hof bisher oft aufgegeben wurden und aufgrund ihres Reliefs nicht maschinell bewirtschaftet werden konnten, könnten rentabel als Ganztagesweide genutzt werden. Ein mobiler Melkstand ist eine Landschaftspflegemaschine, ist Dorer überzeugt. Er selbst hält mit dem Melkstand 85 Hektar Grünland offen. Auch größere Herden bis 70 Tiere könnten mit dem mobilen Stand gemolken werden.

Mobile Melkstände gibt es schon lange auf dem Markt. Sie eignen sich aber eher als Ersatz für die Melkanlage beim Um- oder Neubau eines Stalls. "Denn sie sind größer und benötigen Strom und Wasser", erklärt Dorer. Findige Landwirte entwickeln deshalb passende Lösungen für die Bewirtschaftung ihrer Weiden. Vier weitere Kollegen im Hochschwarzwald haben ebenfalls Melkstände entwickelt, weiß Dorer.

Ob sein Melkstand auch auf den steilen Weiden anderer Landwirte eingesetzt werden könnte? Als Lohnmelker sozusagen? Denkbar wäre das, sagt Dorer. Er sei jedoch mit dem Melken seiner eigenen Herde ausgelastet.