Gerichtsurteil

Anton Schlecker kommt mit Bewährungsstrafe davon

Christian Rath

Von Christian Rath

Di, 28. November 2017

Wirtschaft

Landgericht Stuttgart ermöglicht ehemaligem Drogeriemarkt-König mit ungewöhnlichem Kniff eine Bewährungsstrafe.

STUTTGART. "Wir bestrafen keine falschen unternehmerischen Entscheidungen", betonte der Vorsitzende Richter Roderich Martis zu Beginn der fast dreistündigen Urteilsbegründung im Stuttgarter Landgericht am Montag. Verurteilt wurde der ehemalige Drogeriemarkt-König Anton Schlecker, weil er trotz drohender Zahlungsunfähigkeit Geld an seine Kinder Lars und Meike verschoben hatte. Strafrechtlich nennt sich das Bankrott.

Anton Schlecker war Alleineigentümer der Schlecker-Drogeriekette, die lange Zeit in Deutschland Marktführer war. Seit 2004 gab es aber fast nur noch Verluste. Schlecker verlor sein gesamtes Vermögen. Im Januar 2012 musste er einen Insolvenzantrag stellen, im Juni 2012 machten alle Filialen dicht. Das Landgericht verurteilte ihn wegen strafbaren Bankrotts zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung.

Keine Bewährung gab es für seine Kinder Lars und Meike Schlecker, die wegen Untreue zu knapp drei Jahren Haft verurteilt wurden. Den Kindern gehörte die Logistikfirma LDG, die für Schlecker die Waren in die Filialen lieferte. Die Vatergesellschaft zahlte LDG einen Stundensatz von 28,50 Euro, obwohl nach Ansicht des Gerichts höchstens 18,87 Euro angebracht gewesen wären. Statt in der Krise die Vermögensverschiebung zu beenden, erhöhte Anton Schlecker den Stundensatz für LDG sogar auf 30 Euro.

Vier Weichenstellungen ermöglichten das relativ milde Urteil für ihn. Erstens war der vom Gericht angenommene Gesamtschaden in Höhe von 3,6 Millionen Euro deutlich niedriger als in der Anklage angenommen. Grund: Während die Ankläger zunächst davon ausgingen, dass Schlecker schon Ende 2009 erkannt hatte, dass es mit seiner Firma wohl zu Ende geht, war dies nach Ansicht des Gerichts erst im Februar 2011 der Fall gewesen. Zweitens verneinte das Gericht (anders als die Staatsanwaltschaft) einen "besonders schweren Fall" des Bankrotts. Im Vergleich zu Gläubigerforderungen von rund einer Milliarde Euro seien die rechtswidrig verschobenen 3,6 Millionen Euro doch eher gering, so Richter Martis.

Drittens wurde der Strafrahmen reduziert, weil Schlecker den Schaden mehr als wiedergutgemacht hatte: 2013 zahlte er in einem Vergleich drei Millionen Euro an den Insolvenzverwalter. Kurz vor Prozessende spendierte ihm seine Frau Christa weitere zwei Millionen Euro.

Damit die Freiheitsstrafe bei zwei Jahren bleibt – denn das ist die Obergrenze für eine Strafaussetzung zur Bewährung – griff das Gericht zudem zu einem ungewöhnlichen Kniff. Es ließ nicht alle verbotenen Vermögenstransaktionen Schleckers in die Bildung der Gesamtfreiheitsstrafe einfließen. Viele kleinere Strafen ließ das Gericht als Geldstrafen bestehen. So ergab sich die ungewöhnliche Strafe von zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung plus zusätzlich 360 Tagessätze Geldstrafe (insgesamt 54 000 Euro). Die Geldstrafe hätte einem Jahr Haft entsprochen. Die Richter begründeten den Kniff ausdrücklich damit, dass sie Schlecker das Gefängnis ersparen wollten. Schließlich sei er schon 73 Jahre alt, habe sein ganzes Leben lang hart gearbeitet und auch keine Steuern hinterzogen. Als Bewährungsauflage muss Anton Schlecker 36 000 Euro bezahlen.

Anders als ihr Vater bekamen die Kinder Haftstrafen. Lars Schlecker (geboren 1971) wurde zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, seine Schwester Meike Schlecker (1973) zu zwei Jahren und acht Monaten. Sie hatten kurz vor der Insolvenz des Schlecker-Konzerns von ihrem Unternehmen LDG sieben Millionen Euro auf ihre Privatkonten transferiert. Nach Berechnungen des Gerichts entstand dabei ein Schaden für die Firma und ihre Gläubiger von 6,2 Millionen Euro. "Da ist beim besten Willen keine Bewährung mehr möglich", sagte Richter Martis in bedauerndem Ton. Zwar hatten auch die Geschwister erhebliche finanzielle Wiedergutmachung geleistet, doch angesichts der bei ihnen deutlich höheren Schadenssumme konnte das Gericht die Strafe nicht auf zwei Jahre drücken. Meike und Lars Schlecker hatten 2013 sieben Millionen Euro an den Insolvenzverwalter gezahlt und kurz vor Prozessende noch einmal je eine Million Euro.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Beide Seiten können Revision zum Bundesgerichtshof einlegen. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer vor einer Woche drei Jahre Haft für Anton Schlecker gefordert. Die beiden Schlecker-Kinder können in Karlsruhe noch auf eine mildere Strafe hoffen.