Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

27. April 2016 06:46 Uhr

Recherche

Sparkassen St. Blasien und Schönau sitzen auf vielen faulen Krediten

Erstmals sind alle 409 deutschen Sparkassen von Journalisten daraufhin untersucht worden, wie viele riskante Kredite sie in den Büchern haben. Vorn: Die Sparkasse St. Blasien; auch die Institute in Schönau-Todtnau und Bonndorf-Stühlingen sind auffällig. Warum?

  1. Wie gefährlich sind die wackligen Darlehen der Sparkassen? Foto: Carlotta Huber

Die Kunden der Sparkassen zahlen ihre Kredite im Schnitt gewissenhafter zurück als die Kunden anderer Banken. Der Anteil sogenannter fauler Kredite lag 2014 bei 1,6 Prozent. Als faul werden in der Bankenwelt in der Regel jene Kredite bezeichnet, bei denen die Schuldner mit der Rückzahlung einer Rate mehr als 90 Tage im Verzug sind.

Mit ihren 1,6 Prozent fauler Kredite stehen die Sparkassen bundesweit gut da. Blickt man auf alle Banken in Deutschland, waren es 2014 laut der Deutschen Bundesbank 2,3 Prozent. Doch ausgerechnet zwischen den zwei reichsten Bundesländern klafft eine Lücke. In Bayern drohen nur 0,7 Prozent der Kredite zu platzen – bundesweit der Spitzenplatz. Anders in Baden-Württemberg.

Ausgerechnet im Südwesten

Hier liegt der durchschnittliche Anteil fauler Kredite mehr als dreimal so hoch, bei 2,3 Prozent. Das ist nicht höher als bei allen Banken im Schnitt, aber innerhalb der Sparkassenwelt ein negativer Spitzenwert – ausgerechnet im Südwesten, der mit seiner hohen Wirtschaftskraft und niedrigen Arbeitslosigkeit ähnlich gut dasteht wie Bayern.

Werbung


Das Recherchezentrum Correctiv.org und die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben die faulen Kredite für alle Sparkassen ausgewertet. Hat eine Bank viele faule Kredite, ist das ein Indiz dafür, dass sie bei der Kreditvergabe ein hohes Risiko eingeht. Unter den zehn Sparkassen mit den bundesweit höchsten Quoten der Non-Performing-Loans (NPL-Quote) liegen drei Sparkassen in Südbaden. Auf Rang sieben bundesweit liegt die Sparkasse Schönau-Todtnau; und mit 7,8 Prozent führt die Sparkasse St. Blasien die Negativtabelle an.

"Man kann aus den Daten nicht zwangsläufig schließen, dass diese Kredite ausfallen"Gerhard Behringer
Deren Vorstandschef Gerhard Behringer sagte am Dienstag der Badischen Zeitung: "Man kann aus den Daten nicht zwangsläufig schließen, dass diese Kredite ausfallen. Wir haben lediglich entsprechende Rückstellungen für die angesprochenen Kredite gebildet, weil wir vorsichtig und weitsichtig agieren. Dies wird uns in den testierten Jahresabschlüssen auch regelmäßig bescheinigt." Wenn das von ihm geführte Institut bundesweit am meisten Vorsorge betreibe, "heißt das im Umkehrschluss, dass unsere Risiken besonders gut abgeschirmt sind." Die Sparkassen hätten den Auftrag, die heimische Wirtschaft mit Krediten zu unterstützen "und sind dabei ein verlässlicher Partner. Wir stehen länger zu unseren Kunden als andere Bankengruppen, wenn der Kunde einmal in Schieflage gerät. Und wenn ein kleineres Institut mal einen größeren Kredit abschirmt, steigen die Rückstellungen natürlich stärker als bei großen Sparkassen", so Behringer.

Stephan Schorn, Sprecher des Baden-Württembergischen Sparkassenverbands sagt: Die Institute im Land seien gut aufgestellt. "Ein Kreditinstitut kann eine ganz niedrige NPL-Quote haben, weil man dort nur die absolut zwingend vorgeschriebenen Wertberichtigungen bildet." Für mehr fehle vielleicht das Kapital.

Damit rückt Schorn jene Länder in den Fokus, deren Sparkassen auffällig niedrige NPL-Quoten haben – wie Bayern. Drücken die Bayern eher mal ein Auge zu, bevor sie einen Kredit als notleidend einstufen? Diesen Vorwurf möchte der bayerische Landesverband auf Anfrage nicht kommentieren.

Spielräume bei der Bewertung

Dabei sind die regionalen Sparkassenverbände die richtigen Ansprechpartner für Fragen nach der Kreditbewertung. Bei ihnen sind die Prüfungsstellen angesiedelt, die die Bilanzen der Sparkassen testieren. Bei der Bewertung von Krediten gibt es nach dem Handelsgesetzbuch Spielräume, die von jedem Unternehmen genutzt werden. Aber diese Bewertungsspielräume sind begrenzt und wirken in beide Richtungen.

So kann eine kapitalschwache Sparkasse ein Stück weit Abschreibungen auf heute wacklige Kredite auf spätere Jahre verschieben. Umgekehrt kann eine Sparkasse in einem Jahr, in dem ihre Geschäfte richtig gut laufen, mehr faule Kredite ausweisen und so den steuerpflichtigen Jahresgewinn drücken.

Hans-Peter Burghof, der an der Uni Hohenheim den Lehrstuhl für Bankwirtschaft leitet, sagt: "Wer viel abschreibt, muss den Aufsichtsgremien nicht zu viel Gewinn vor die Nase halten." Am Jahresende entscheiden die Städte und Gemeinden als Träger der Sparkassen darüber, wie viel vom Gewinn an die Kommune fließt. Je weniger Gewinn eine Sparkasse macht, desto weniger muss sie abgeben. "Die NPL-Quote ist eine wichtige Information", sagt Burghof. Für ihn sei aber der Kontext wichtig.

Man sollte nicht nur die NPL-Quote anschauen. Mit seinen Mitarbeitern hat er die gesammelten Daten überprüft, bevor wir sie interpretiert haben. Burghof: "Eine gute Bank tut sich leichter, einen Kredit als riskant einzustufen als eine Bank, die schon Probleme hat. Problematisch wird aber eine hohe NPL-Quote, wenn die Sparkasse gleichzeitig eine geringe Ertragskraft hat."

Damit kämpft die Sparkasse Schönau-Todtnau. Sie hat riskante Unternehmenskredite von sieben Prozent in ihren Büchern, und jeder neunte Privatkredit droht zu platzen. Aber die kleine Sparkasse ist nicht nur großes Risiko mit ihren Krediten eingegangen, zur gleichen Zeit (also im Jahr 2014) machte sie kaum Gewinn – unterm Strich 708 050 Euro bei einer Bilanzsumme von 329 Millionen Euro. So gering war der Überschuss, dass die Träger der Sparkasse davon nichts bekamen. Dazu kommt, dass Schönau-Todtnau für schlechte Zeiten weniger gerüstet scheint als andere Sparkassen.

Die Gesamtkapitalquote betrug 11,0 Prozent. Die Quote liegt gerade drei Prozentpunkte über der durch Basel III geforderten Mindestquote von acht Prozent – ein Tiefstwert unter den Sparkassen. 2014 lag die Gesamtkapitalquote bei durchschnittlich 16,6 Prozent. Die Sparkasse Schönau-Todtnau erklärte der BZ, sie habe "aus Vorsichtsgründen in der Vergangenheit höhere Risikovorsorge getroffen. In diesem Anteil befinden sich auch Kredite, bei denen mit den Kunden Rückzahlungsvereinbarungen getroffen wurden. Die Sparkasse gibt vielleicht mehr als andere Institute ihren Kunden die Chance, den Kredit verträglich zurückzuführen, ohne sofort Zwangsmaßnahmen umzusetzen."

Einen überdurchschnittlichen Anteil notleidender Kredite hatte 2014 auch die Sparkasse Bonndorf-Stühlingen in den Büchern, vor allem bei Firmenkrediten. Allerdings saß sie mit einer Gesamtkapitalquote von 20 Prozent auf einem dicken Risikopuffer. Die von Correctiv getroffene Interpretation der Daten zu den notleidenden Krediten wies Vorstandschef Theo Binninger "in aller Form als falsch zurück". Er verwies auf eine Eigenkapitalquote Ende 2015 von 25 Prozent; die Sparkasse Bonndorf-Stühlingen sei "bärenstark".

Sparkassenverbandspräsident Georg Fahrenschon sagte der FAZ: "Sparkassen sollten noch mehr Kredite vergeben. Denn etwa mit Bau- und Unternehmensfinanzierungen ist ordentliches und ertragreiches Geschäft zu machen, und es passt auch besser zu den Sparkassen." Allerdings ist das nicht ungefährlich, falls die Konjunktur in Deutschland kippt. Dann könnten Unternehmensinsolvenzen zunehmen und Kreditausfälle steigen.

Seit Anfang 2015 haben sieben Sparkassen fusioniert. Die Daten in unserer Auswertung zeigen, dass selten eine mit relativ vielen faulen Krediten beladene Sparkasse mit einer anderen stärkeren Sparkasse zusammenging. Vielmehr scheinen auch die aktuell diskutierten Fusionen eher eine Vorsorge zu sein als aus der Not heraus, viele faule Kredite verkraften zu müssen.
Das gesamte Datenmaterial zu jeder Sparkasse – auch andere Angaben wie Zinssätze – finden Sie im Internet unter www.correctiv.org. Die Daten wurden vom gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv.org und der FAZ erfasst. Correctiv.org finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die Redaktion gibt ihre Recherchen kostenlos an andere Medien ab, ist unabhängig und nicht-gewinnorientiert.

Autor: Jonathan Sachse, Hanno Mußler, Simon Wörpel und Matthias Bolsinger, Ronny Gert Bürckholdt