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09. Februar 2016 09:55 Uhr

Altersteilzeit

Südbadens IG-Metall-Chef Spieß tritt nicht mehr an

Der Chef der IG Metall in den Regionen Freiburg und Lörrach, Hermann Spieß, tritt nicht für eine weitere Amtszeit an. Er wirbt für einen flexiblen Übergang in die Rente – und fängt selbst damit an.

  1. Hermann Spieß Foto: Elisabeth Steffe

"Mit der Wahl meines Nachfolgers am 15. März endet meine Zeit als Geschäftsführer hier", sagte der 60-Jährige der Badischen Zeitung. Spieß prägte seit Mitte der 80er-Jahre die Arbeit der IG Metall in der Region. Bis er 2019 in Rente geht, will er junge Führungskräfte der Gewerkschaft außerhalb der Region beraten.

Hermann Spieß hat zahlreiche Kollegen erlebt, die viel gegeben haben für den Beruf, aber als die Rente kam, waren sie einfach weg. "Die sind untergetaucht und waren nie mehr gesehen. Ich finde das schrecklich", sagt der Noch-Geschäftsführer der IG Metall Lörrach und Freiburg.

Keine Vollbremsung am Ende des Erwerbslebens

Spieß geht einen für einen Chef ungewöhnlichen Weg. Er ist in Altersteilzeit. Er wolle am Ende eines erfüllenden und anstrengenden Erwerbslebens keine Vollbremsung hinlegen, und er wolle eine Debatte anstoßen. Wie könne "dieser unheimlich große Einschnitt" im Leben weniger unheimlich gestaltet werden?

Mit 14 Jahren, 1970, begann er eine Lehre zum Werkzeugmacher in Breisach. Weil er so jung anfing, und weil die SPD-Sozialministerin Andrea Nahles jüngst die Forderung seiner Gewerkschaft nach der Rente für besonders langjährig Versicherte umsetzte, kann Spieß im Sommer 2019 mit 63,5 Jahren abschlagsfrei in den Ruhestand gehen.

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"Dann bin ich ein Nahles-Renter." Er hätte bis dahin voll weiterschaffen können, um dann abrupt aufzuhören, aber er will das nicht. Seit Ende 2014 läuft seine Altersteilzeit, viereinhalb Jahre. "Ich addiere alle Arbeitstage, die ich mit einer Hundertprozentstelle gearbeitet hätte, teile sie durch zwei. Das ist mein Kontingent an Arbeitstagen. Es gibt Phasen, in denen ich viel arbeite, in anderen trete ich kürzer."
"Seit einem Jahr bin ich in einer Rückzugsphase, habe Zuständigkeiten und Posten an Kollegen abgetreten."
Warum er seine Entscheidung erst jetzt öffentlich macht? Er habe nicht als ein Chef gelten wollen, dessen Tage gezählt sind. Auch habe er nicht gewusst, ob sein Modell funktioniert. "Am Anfang war ich euphorisch. Dann merkte ich, wie schwer es ist, nicht nur auf dem Papier weniger zu arbeiten. Der Job des Geschäftsführers ist keiner, bei dem man um acht ins Büro geht und um fünf nach Hause. Es fiel mir schwer, mit dem Loslassen zu beginnen." Es sei auch nicht immer einfach für ihn gewesen zuzulassen, dass die jüngeren Kollegen die Dinge anders regelten. Mit der Zeit sei ihm das besser gelungen. "Seit einem Jahr bin ich in einer Rückzugsphase, habe Zuständigkeiten und Posten an Kollegen abgetreten."

In Spieß’ Branche können sich die Mitarbeiter Altersteilzeit leisten. Der Arbeitgeber stockt das Einkommen auf 82 bis 89 Prozent des früheren Nettolohns auf. Ohne die Zuzahlung wäre Altersteilzeit finanziell ein tiefer Einschnitt.

Reiten ist ein Familienhobby

Wenn die Arbeit weniger wird, will Spieß wieder öfter aufs Pferd. "In meinem Leben für die IG Metall bin ich als Privatmann oft zu kurz gekommen", sagt er. Reiten ist bei den Spieß’ Familienhobby. Die beiden erwachsenen Töchter hätten ihm mit um die 50 gesagt, reiten sei nichts für alte Männer. Seitdem reite er. "Ich bin keiner, der abends ruhig auf der Couch sitzt", sagt er.

Mitte März wird sein Nachfolger gewählt. Beste Chancen auf den Posten hat Marco Sprengler. Dann ist für Spieß Schluss in der Region. Er arbeitet dann, so verspricht er sich und seiner Familie, im Schnitt zwei Tage die Woche. Er wird vorwiegend in anderen Gegenden Baden-Württembergs als Mentor für junge Funktionäre unterwegs sein, die Geschäftsführer werden.

Coaches wie Spieß sind noch Einzelfälle in der IG Metall

Er selbst hätte so jemanden gern an seiner Seite gewusst, als er 1987 selbst Chef wurde. "Damals bekam ich einen magischen Blumenstrauß. Hält man den in der Hand, kann man alles – Millionenbeträge verwalten, Personal führen, Öffentlichkeitsarbeit, mit Arbeitgebern verhandeln. Das Einzige, was man nicht mehr kann, ist nachts ruhig schlafen." Er ist sich sicher: Viele junge Geschäftsführer auf der Gegenseite, bei den Arbeitgebern, seien auch unsicher.

Coaches wie Spieß sind heute in der IG Metall noch Einzelfälle, aber weil nun viele Geschäftsführer gleichzeitig zu Nahles-Rentnern werden, hofft er, dass sein Beispiel Schule macht. Spieß sagt, er habe versucht, in Betrieben und Belegschaften für die flexible Altersteilzeit zu werben. "Das hat bisher kaum gefruchtet", sagt er enttäuscht. Fast alle, die in Altersteilzeit gingen, wählten das Blockmodell: Bei einer vierjährigen Altersteilzeit wird erst zwei Jahre voll gearbeitet, dann zwei Jahre gar nicht.

Auch als Rentner noch Mentor

Warum? "In den Unternehmen fehlt Einsicht. Es ist doch besser, einen erfahrenen Produktentwickler mit 60 zum Coach der Abteilung zu machen, ihn zwar nur noch vier statt acht Stunden am Tag im Betrieb zu haben, dafür aber mehrere Jahre länger." Und die meisten Beschäftigten wollten schnell "raus aus dem Job und frei sein. Das heißt ja, sie fühlten sich vorher unfrei. Das sollten wir ändern." Spieß will auch als Rentner noch Mentor sein – als Ehrenamtlicher, wie fast alle anderen bei der IG Metall. "Ich mache weiter, bis man sagt, der Alte nervt."

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Autor: bür