Trumps Schatten liegt über Davos

Hannes Koch

Von Hannes Koch

Sa, 20. Januar 2018

Wirtschaft

Zum Treffen der Freunde des Freihandels kommt in diesem Jahr ein mächtiger Freihandelsskeptiker: der US-Präsident.

In der Zentrale des Weltwirtschaftsforums (WEF) am Ufer des Genfer Sees versuchen sie, den Ball flach zu halten. Mit Blick auf die Gästeliste sei ein Trump-Effekt jedenfalls nicht zu beobachten, meint ein Sprecher. Schon vor der Ankündigung des US-Präsidenten, nächste Woche nach Davos zu reisen, hätten sich 60 Staats- und Regierungschefs angemeldet – Rekord. Am Ende werden wohl um die 70 Toppolitiker nach Davos kommen.

Trotz aller Beschwichtigungen wird die Anwesenheit Donald Trumps einiges ändern beim 48. Stelldichein der globalen Wirtschafts- und Politikelite in den Schweizer Alpen, das von nächstem Dienstag bis Freitag dauert. Zum einen gilt es, einen Haufen organisatorischer Probleme zu lösen – beispielsweise zusätzlich Hunderte Sicherheitsleute, Diplomaten und Assistenten in Trumps Gefolge im ohnehin überfüllten Davos unterzubringen. Zudem warten die Forumsteilnehmer gespannt darauf, was Trump verkünden könnte (siehe Text unten).

Das jährlich stattfindende Forum ist der wohl größte Kongress seiner Art. "Gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt", lautet das Motto der diesjährigen Veranstaltung. Das ist auch ein Reflex auf den Schock, den die Wahl des Freihandelskritikers Trump an die Spitze der weltgrößten Volkswirtschaft bei den Befürwortern der Globalisierung ausgelöst hat, die in Davos klar in der Überzahl sind. Und ein Ausdruck der Hoffnung, dass sich der US-Präsident an die eingespielten Regeln der internationalen Zusammenarbeit halten möge. Ob Trump dieser Hoffnung in seiner Rede am Freitag entspricht, steht in den Sternen.

WEF-Präsident Klaus Schwab neigt dazu, allein den Besuch Trumps als Zeichen der Konzilianz zu werten. Durch Gespräche vermutet er, eine "gemeinsame Basis" mit Trump zu finden. Schwab lässt erkennen, dass er nicht alles falsch findet, was Trump sagt. Die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte habe tatsächlich dazu geführt, dass zahlreiche Industriearbeiter beispielsweise in den USA ihre Jobs verloren haben, so Schwab. Aber dennoch dürfe man die "positiven Effekte der Globalisierung" nicht übersehen, mahnt der WEF-Chef. Das dürfte auch eine Anspielung darauf sein, dass die USA unter Trumps Führung aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen wollen, das alle Staaten der Welt unterstützen – bis auf die Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch die EU wird mit zahlreichen Spitzenpolitikern vertreten sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in Davos am Mittwoch sprechen; ein Treffen mit Trump soll es nicht geben. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Italiens Ministerpräsident Paolo Gentiloni kommt, die britische Premierministerin Theresa May und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker kommen. Aus Amerika reisen unter anderem die Staats- und Regierungschefs von Argentinien, Brasilien und Kanada an. Zehn ihrer Kollegen aus Afrika und neun aus dem Nahen und Mittleren Osten kommen in die Berge des Kantons Graubünden. Ein Drittel der mehr als 3000 Teilnehmer des Forums im Skiort kommen aus Entwicklungs- und Schwellenländern.

Zu den großen Themen der Veranstaltung gehört die Digitalisierung. Dabei geht es darum, wie sich Unternehmen und Arbeitsplätze verändern, wo neue entstehen und wo andere wegfallen. In einigen der insgesamt mehr als 400 geplanten Vorträgen, Seminaren und Podiumsdiskussionen werden die Teilnehmer über neue Formen der sozialen Sicherung diskutieren. Die Vertreter von Facebook, Google und anderen Internetkonzernen aus den USA müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie zu viel Macht angehäuft haben.

Charme bezieht das WEF daraus, dass im Kongresszentrum von Davos Hunderte Vorstandsvorsitzende, Spitzenmanager, Politiker und Wissenschaftler gleichzeitig anwesend und ansprechbar sind. Manchmal herrscht die Atmosphäre eines kollektiven Bildungsurlaubs der Weltelite. Ein bisschen Kultur gibt es auch. Schauspielerin Cate Blanchett erhält den Preis des Forums für ihr Engagement für Flüchtlinge, der Sänger Elton John für seins im Kampf gegen Aids.