Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. November 2011

Unbeabsichtigte Nebenwirkungen

Der CO2-Handel ist ein Goldesel für die Industrie, sagt eine Studie.

BERLIN. Die Eurokrise verdrängt ein mindestens ebenso drängendes Problem: den Klimawandel. Der globale Kohlendioxid (CO2)-Ausstoß steigt so schnell wie nie. Die EU muss feststellen, dass ihre Instrumente nicht nur dem Klima nutzen: Die Unternehmen machen Millionengeschäfte mit den CO2-Zertifikaten.

Von einem Klimagoldesel sprechen die Umweltschützer des BUND und von Germanwatch. Unternehmen wie Thyssen-Krupp würden Millionengeschäfte mit CO2-Verschmutzungsrechten machen, statt den Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid massiv zu reduzieren, kritisieren sie. Eine Studie zeigt, dass der Klimaschutz in Deutschland und der EU Tücken und Nebenwirkungen hat. Neue Zahlen belegen: 2010 haben die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer mehr CO2 ausgestoßen als erwartet. Die globale Erderwärmung ist so nicht aufzuhalten.

Die Studie der britischen Umweltorganisation Sandbag nimmt den EU-weiten Handel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten ins Visier, in den 2012 auch die Abgase von Flugzeugen einbezogen werden sollen. Trotz seiner Bedeutung ist das EU-Emissionshandelssystem, mit dem die Hälfte des EU-weiten CO2-Ausstosses erfasst werden, in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Werbung


Nach der Krise wurde Markt mit Zertifikaten überschwemmt

Unternehmen bekamen in der ersten Phase des Emissionshandels seit 2008 viele kostenlose Verschmutzungsrechte zugeteilt. Da es aber mit der Wirtschafts- und Finanzkrise wenig später einen starken Einbruch gab, wurde der Markt mit zu vielen CO2-Zertifikaten überschwemmt. Das wird zunehmend zum Problem – so ist jetzt der Preis pro ausgestoßener Tonne auf rund zehn Euro gefallen. Zu geringe Kosten erhöhen aber nicht den Druck für Einsparungen beim Klimagas-Ausstoß – und überschüssige Zertifikate können durch den Verkauf an andere Verschmutzer viel Geld bringen. Der Studie zufolge haben die zehn größten deutschen Profiteure bisher 60 Millionen überschüssige CO2-Zertifikate im Wert von geschätzten 800 Millionen Euro angehäuft. So besitze Thyssen-Krupp Zertifikate im Wert von 250 Millionen. Die Firma habe bislang immer mehr Zertifikate besessen als CO2 ausgestoßen wurde – und sei somit durch den Handel nicht belastet worden.

Thyssen-Krupp weist die Vorwürfe zurück

BUND-Chef Hubert Weiger kritisiert: "Der Emissionshandel in seiner jetzigen Form ist eine Gelddruckmaschine für die energieintensive Industrie". Ein Thyssen-Krupp-Sprecher sagt dagegen, die These einer Überversorgung seines Konzerns sei falsch – nur 2009 habe es zu viele Zertifikate gegeben, als wegen der Krise Stahlwerke nur zu 50 Prozent ausgelastet waren. Hinzu kommt, dass der Handel bis 2013 weiter verschärft werden wird. BASF rechnet dann durch die Einbeziehung der Industriestromproduktion in den Emissionshandel mit jährlichen Zusatzkosten von 100 Millionen Euro.

Der Präsident des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, will von einer Schieflage durch den Emissionshandel nichts wissen. Grundsätzlich funktioniere dieser gut. "Er deckelt die Emissionen aus Industrie und Energieerzeugung." Allerdings seien durch zu viele Zertifikate Klagen der Industrie über zu hohe Belastungen durch den CO2-Handel fehl am Platze.

Nach Angaben des US-Energieministeriums gelangten 2010 rund 33 500 Millionen Tonnen CO2 weltweit in die Atmosphäre – ein Rekord. Auch in Deutschland waren die Treibhausgasausstöße 2010 wegen eines strengen Winters und der guten Konjunktur um 4,3 Prozent gestiegen. Mit einem Ausstoß von 960 Millionen Tonnen bleibt Deutschland aber unter dem Kyoto-Zielwert. Vor allem wegen der Schließung von Industriebetrieben in der Ex-DDR sank der Ausstoß seit 1990 um 23,1 Prozent.

Autor: Georg Ismar (dpa)