Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Januar 2013 00:01 Uhr

Gesundheitswesen

Viele Kliniken finden keine Haftpflichtversicherung

Deutschen Kliniken fällt es zunehmend schwer, eine Haftpflichtversicherung zu finden, die im Falle eines Behandlungsfehlers die Schadensregulierung übernimmt. Das trifft in erster Linie die 453 Kliniken, die eine Geburtshilfestation haben. Das könnte dazu führen, dass Gebärende sich auf weite Wege einstellen müssen.

  1. Glückliche Geburt – aber was, wenn der Arzt einen Fehler macht? Die größten finanziellen Risiken für die Kliniken lauern im Kreißsaal. Foto: dpa

350 Millionen Euro mussten die deutschen Krankenhäuser zuletzt pro Jahr aufwenden, um sich gegen eventuelle Schadenersatzansprüche in Fällen ärztlicher Kunstfehler zu versichern. Damit aber kamen die Assekuranzen zuletzt nicht mehr über die Runden. Mit der Westfälischen Provinzial und der Zürich, dem bis dahin größten Krankenhausversicherer, haben zwei große Versicherer alle rund 200 Verträge mit Krankenhäusern zum Jahreswechsel gekündigt. Zuvor hatte die Sparkassenversicherung Württemberg das Geschäft mit den Krankenhäusern aufgegeben. Nun gibt es nur noch vier wichtige Anbieter. Diese erhöhten ihre Beiträge stark. 200 Millionen Euro mehr verlangen die Versicherungen in diesem Jahr – ein Zuwachs von durchschnittlich fast 60 Prozent. Für einige Krankenhäuser kam es noch dicker. "Zum Teil wurden die Beiträge um weit mehr als 100 Prozent angehoben", sagt Franz-Michael Petry, Geschäftsführer der Ecclesia GmbH, Deutschlands größtem Versicherungsmakler im Krankenhausbereich.

Mehrbelastungen in zum Teil sechsstelliger Höhe

Werbung

Seit einigen Monaten machen die Träger der 2400 Krankenhäuser in Deutschland die Erfahrungen, die vor ihnen bereits die freiberuflichen Hebammen gemacht hatten. Weil im Gesundheitssektor die Schadenssummen seit einigen Jahren hochschnellen, folgen mit Verzögerung nun die Beiträge für die Versicherung. Die Krankenhäuser bleiben auf den Mehrbelastungen in zum Teil sechsstelliger Höhe sitzen.

Hinter der Entwicklung steht keineswegs eine wachsende Zahl medizinischer Kunstfehler. Verantwortlich ist der Anstieg der Schadenssummen, die bezahlt werden. Sie sind im Zeitraum 2000 bis 2003 um sechs Prozent pro Jahr gestiegen. Der betrachtete Zeitraum liegt deshalb so weit zurück, weil die Schadensfälle erst mit durchschnittlich sieben Jahren Verzögerung fällig werden. Das bedeutet, dass in dem System möglicherweise beträchtliche Risiken schlummern, die erst in den kommenden Jahren fällig werden. Das hat vor allem die Zürich-Versicherung zum Ausstieg bewogen.

Das Problem trifft auch viele Hebammen

Das finanziell größte Risiko steckt in Schadensfällen bei Geburt. Wegen des medizinischen Fortschritts überleben heute mehr Kinder selbst schwierigste Geburten, aber das Risiko einer Schädigung ist erhöht. Zudem haben Kinder, die aufgrund von Komplikation bei der Geburt mit einer Schädigung oder Behinderung zur Welt kommen, heute eine Lebenserwartung, die der von gesunden Kindern nahe kommt. Aber: "Bei einer häuslichen Pflege fallen schon einmal 20.000 Euro im Monat an", erklärt Petry. "Geht man von einer Zahlungsdauer von 60 Jahren aus, dann werden daraus mehr als 14 Millionen Euro."

"Krankenhausversicherung ist ein hochkompliziertes Geschäft, das muss man können." Sylvia Knittel
Aufgrund des scharfen Wettbewerbs sind die Versicherungen dazu übergegangen, dass sich ihre Geschäftsbereiche selbst tragen müssen und es keine Quersubventionierung mehr gibt. Entsprechend wurden die Kriterien für die Risikobewertung der einzelnen Segmente verschärft. Die Sparkassenversicherung Württemberg zum Beispiel stand nach eigenen Angaben vor der Alternative, aufgrund der Neubewertung die Prämien stark anzuheben oder das Geschäft aufzugeben. "Die Krankenhausversicherung ist ein hochkompliziertes Geschäft, das muss man können", sagt Sylvia Knittel von der Sparkassenversicherung Württemberg. "Wenn man den Aufwand bei der Risikoanalyse nicht betreiben kann, dann sollte man es lassen." Die Sparkassenversicherung lässt es.

In der Konsequenz heißt dies, dass ein Krankenhaus mit Geburtshilfe ein höheres Risiko hat und deshalb deutlich höhere Beiträge als Krankenhäuser ohne Geburtshilfe zahlt. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfeabteilung sinkt. Seit 1991 hat sie sich nahezu halbiert. Es ist eine Frage der Zeit, bis weitere Geburtshilfestationen schließen.

Risikoanalysen kosten bis zu 10.000 Euro

Damit Krankenhäuser überhaupt noch einen Versicherer finden, müssen sie ihre Risikostruktur offenlegen und darlegen, wie ihr Sicherheitsmanagement aussieht. Vereinzelt haben Versicherer entsprechende Gutachten verlangt, ehe sie neue Verträge abgeschlossen haben. Solche Risikoanalysen kosten bis zu 10.000 Euro. Immerhin in einem Punkt ist Petry zufrieden: "Wir haben für all diese Häuser eine Versicherung gefunden."

Was nicht heißt, dass alle Kliniken Versicherungsschutz genießen. Lothar Kratz räumt ein, dass es in Nordrhein-Westfalen inzwischen "einige wenige Häuser" gibt, die keine Versicherung mehr im Rücken haben. Das dürfte in anderen Bundesländern nicht anders sein. Annette Baumer von der Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg sind bislang für den Südwesten keine solchen Fälle bekannt.

Für Patienten stellt sich die Frage, was die neuen, erweiterten Patientenrechte, die in wenigen Wochen in Kraft treten sollen, wert sind, wenn eventuelle Ansprüche nicht mehr garantiert gedeckt sind. Nach Ansicht Petrys müssten Häuser, die keinen Versicherungsschutz haben, dies ihren Patienten mitteilen – zumal, wenn es sich um eine GmbH handelt und damit keine unbegrenzte Haftung gewährleistet ist. Eine Versicherungspflicht gibt es nicht, die Deutsche Krankenhausgesellschaft empfiehlt nur den Abschluss einer Police. Die Universitätskliniken etwa hatten über Jahrzehnte keine Haftpflichtversicherung, weil für sie das Land bürgte. Nach wie vor sind die beiden Universitätskliniken in München (Rechts der Isar) und Frankfurt ohne Versicherung.

Weitere Kostensteigerung durch Ausweitung der Patientenrechte?

Mit der Ausweitung der Patientenrechte erwarten Kliniken und Versicherungen mehr Klagen gegen die Ärzte – und damit eine weitere Kostensteigerung. "Man hat die Rechte der Geschädigten verbessert, ohne zu erklären, wer das bezahlen soll", sagt Franz-Michael Petry. Nun sind verschiedene Modelle im Gespräch, zum Beispiel die Deckelung der Entschädigungsleistungen – was die Absicht des beschlossenen Patientenrechts konterkariert. In der Diskussion ist auch das Modell Schweden. In dem skandinavischen Land sind die gesetzlichen Sozialversicherungen generell von der Haftpflicht befreit. Angedacht ist auch ein spezieller Fonds zur Absicherung der Geburtsrisiken. Würde der Staat 200 Euro pro geborenem Kind einzahlen, wären die Risiken abgedeckt und die Kliniken befreit. Auch die Krankenkassen sind gefordert. Schließlich sind oft sie es, die die Erstattung von Behandlungs- und Pflegekosten bei den Versicherungen einfordern. Die Versicherungen holen sich das Geld von den Krankenhäusern zurück, was die Behandlungskosten treibt und zu höheren Krankenkassenbeiträgen führt.

Die jetzige Situation, mahnt nicht nur Franz-Michael Petry, ist für alle unbefriedigend. Weil die Mehrkosten für die höheren Versicherungsbeiträge kurzfristig nicht abgerechnet werden können, bleibt nur der Weg, zu sparen. Und zwar beim Personal. Das erhöht das Fehlerrisiko.

Mehr zum Thema:

Autor: Franz Schmider