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28. November 2016

BZ-Interview

Wird der Euro halten?

BZ-INTERVIEW mit dem Ökonomen Markus Brunnermeier zur Eurozone und dem schwierigen deutsch-französischen Verhältnis.

  1. Brunnermeier Foto: Privat

FREIBURG. Wird der Euro halten? Markus Brunnermeier, deutschstämmiger Ökonomieprofessor an der US-Eliteuni Princeton, ist zumindest hoffnungsvoll. Als Grund nennt der Wissenschaftler die Fortschritte in der Eurozone. Mit ihm sprach Bernd Kramer.

BZ: Herr Brunnermeier, wie viele Jahre geben Sie dem Euro noch?
Brunnermeier: 160 Jahre. (lächelt)

BZ: Woher rührt Ihre Zuversicht, warum 160 Jahre?
Brunnermeier: Danach haben wir wahrscheinlich ganz andere Verfahren, um den Gütertausch abzuwickeln. Möglicherweise gibt es Hunderte von elektronischen Kleinwährungen.

BZ: Etliche Ihrer Kollegen geben dem Euro eine deutlich kürzere Lebensdauer.
Brunnermeier: Es gibt Gefahren. Aber die Alternativen, die gerne gezeichnet werden, sind bei Weitem nicht so rosig, wie sie mancher ihrer Befürworter darstellt. Ich möchte da an die Zeit der Europäischen Währungsschlange, die in den 70er Jahren eingeführt wurde, erinnern. Damals bewegten sich die Wechselkurse europäischer Währungen in bestimmten Bandbreiten. Trotzdem war diese Zeit turbulent. Es gab immer wieder Probleme und die Bandbreiten mussten verschoben und angepasst werden. Zudem werden die Kosten eines Auseinanderbrechens der Eurozone oft unterschätzt.

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BZ: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Franzosen und Deutsche ein unterschiedliches Verständnis davon hätten, was gute Wirtschaftspolitik ist. Deutsche schätzten die Einhaltung von Regeln, sprächen gern von Eigenverantwortung und individueller Haftung. Franzosen plädierten dagegen für Flexibilität, Solidarität und gemeinschaftliche Haftung. Kann eine Gemeinschaftswährung Bestand haben, deren wichtigste Länder solch unterschiedliche Vorstellungen haben?
Brunnermeier: Wenn der Euro Bestand haben soll, müssen sich die Vertreter der beiden Länder auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Aus meiner Sicht ist das auch möglich. Die Franzosen sind ja schon ein Stück auf die Deutschen zugegangen. Diese Annäherung begann schon lange vor der Euro-Einführung. Die Geldpolitik der französischen Notenbank orientierte sich bereits vor dem Euro an der Politik der Bundesbank, hohe Inflationsraten wurden nicht mehr toleriert. Ein anderes Beispiel ist die Zustimmung Frankreichs zum Schuldenschnitt in Griechenland. In Frankreich hat man sich lange gegen diesen Schuldenschnitt gewehrt, weil man befürchtete, dass die Anleger dann scharenweise die Anleihen von wirtschaftlich schwächeren Eurostaaten verkaufen, aus Angst, sie selbst könnten von einem weiteren Schuldenschnitt betroffen sein. Wir müssen aber noch einen weiten Weg gehen. Unser Buch versucht diese Unterschiede in den Denkschulen klar aufzuzeigen. Um aufeinander zuzugehen, muss man sich zuerst besser verstehen.

BZ: Haben sich die Deutschen bewegt?
Brunnermeier: Auch die Deutschen sind den Franzosen entgegenkommen. Die berühmte Whatever-it-takes-Rede von EZB-Chef Mario Draghi 2012, er werde alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten, entspricht eher französischem Denken. Man demonstriert gegenüber dem Finanzmarkt Stärke, vermittelt die Botschaft, bis zum Äußersten zu gehen, also unbegrenzt Liquidität in den Markt zu pumpen. Dahinter steht die Überzeugung, mit geringen Mitteln wie zum Beispiel wenigen Worten viel bewirken zu können. Draghi hatte mit einem einzigen Satz die Märkte enorm bewegt. Die hohen Renditen der Staatsanleihen der Krisenländer gingen zurück. Ohne das stille bundesdeutsche Einverständnis hätte das so nicht funktioniert.

BZ: Sie sprechen von einem gemeinsamen Weg von Franzosen und Deutschen. Wie könnte dieser aussehen?
Brunnermeier: Ich will Ihnen ein Beispiel dafür nennen, wie es nicht laufen sollte. Die Deutschen haben die No-Bailout-Klausel des Maastrichter Vertrages zur Währungsunion sehr ernst genommen. Für die Deutschen war klar, dass im Falle von finanziellen Schwierigkeiten eines Eurolandes kein anderes mit finanziellen Mitteln zur Hilfe eilt. In Deutschland wurde die Klausel als tragende Säule der Währungsunion betrachtet. In Frankreich hat daran aber niemand geglaubt. Solche gegensätzlichen Auffassungen sollten ausdiskutiert werden und nicht einfach übertüncht werden. Am Ende bedarf es eines gemeinsamen Grundverständnisses in den Eliten beider Länder.

BZ: In Europa sind Parteien auf dem Vormarsch, die EU-feindlich sind. Wie wird die EU wieder populärer?
Brunnermeier: Wir hatten es in der ersten Phase der Eurokrise vorwiegend mit einer Finanzkrise zu tun. Wie so häufig bei Finanzkrisen wandelte sich diese in eine politische Krise. Interventionen haben zwar die Zinssätze gesenkt und die Lage ist stabiler als im Sommer 2012. Zudem wurden viele institutionelle Verbesserungen implementiert, aber die Krise ist keineswegs ausgestanden. Die EU hat jetzt mehr ein politisches Problem. Die EU muss jetzt zeigen, dass sie handlungsfähig ist und dass sie großen Nutzen für ihre Bürger stiftet.

BZ: In Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich sind die Arbeitslosenraten weiterhin hoch.
Brunnermeier: Es gibt auch sehr positive Beispiele in der Eurozone: Irland hat sich erholt und wächst wieder kräftig. Auch in Spanien ist das Wachstum zurückgekehrt, die Arbeitslosenrate verringert sich. Vor dem Beginn der Krise gab es eine Scheinblüte, getrieben von zu billigem Geld. Das hat unter anderem den Bausektor beflügelt. Dort fanden viele einen Job, auch ohne hohe berufliche Qualifikation. Viele dieser Leute stehen noch heute ohne Arbeit da. Wir sind zwar in der Eurozone noch nicht dort, wo wir sein sollten, aber es gibt durchaus große Fortschritte in den Ländern, die zu Reformen bereit waren.

BZ: Brauchen wir Eurobonds? Staatsanleihen, die die Länder der Eurozone gemeinsam ausgeben und für die sie gemeinsam haften? Das brächte schwächeren Euroländern einen Zinsvorteil und könnte, so die Befürworter, das System stabiler machen.
Brunnermeier: Nein, ich plädiere stattdessen für die Euro-Safe-Bonds (ESBies). Sie haben die Vorteile eines Eurobonds, bringen jedoch keine gemeinschaftliche Haftung mit sich. Bei den ESBies kaufen mehrere miteinander konkurrierende private Institutionen einen Großteil der Schulden der Euro-Staaten, sagen wir langfristig bis zu rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Um diesen Ankauf zu finanzieren, geben diese Institutionen selbst zwei Arten von standardisierten Anleihen aus – die ESBies (70 Prozent) mit einer geringen Verzinsung und eine nachrangige Junioranleihe (30 Prozent) mit einer deutlich höheren Verzinsung. Kommt es in einem Euroland zu einem Zahlungsausfall, bluten zuerst einmal die privaten Halter der nachrangigen Junioranleihe. Da die Junioranleihe die vorrangigen ESBies beschützt, wäre bei solch einer Konstruktion das Ausfallrisiko der ESBies extrem gering, ohne dass ein Staat für einen anderen haftet.

BZ: Was wären die weiteren Vorteile?
Brunnermeier: Wegen ihres geringen Ausfallrisikos wären die ESBies eine geeignete Anlageform für Banken. Damit wäre zumindest jener Teufelskreis durchbrochen, der der Eurozone nach wie vor zu schaffen macht. Zur Zeit halten Banken in den Krisenstaaten viele Anleihen ihrer Heimatländer. Wird einer der Staaten zahlungsunfähig, sind auch dessen Banken bedroht. Bricht ein Institut zusammen, bringt das auch Finanzinstitute in anderen Ländern in die Bredouille.

BZ: Zinsen reflektieren das Risiko einer Geldanlage und sie disziplinieren. Wer als Land wenig Zinsen zahlen will, muss seine Zahlungsfähigkeit beweisen. Wären die ESBies nicht ein Anreiz, Reformen einzustellen und noch viel mehr Schulden zu machen?
Brunnermeier: Nein. Nach wie vor müssten Länder ihre Schulden direkt am Markt finanzieren. Jeder Staat muss immer noch 100 Prozent seiner Staatspapiere auf dem Markt platzieren. Nur die ESBies-Emittenten kreieren zusätzliche Nachfrage für einen Teil dieser Staatspapiere. Die disziplinierende Funktion des Finanzmarkts bliebe so erhalten.

BZ: Die hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse werden kritisiert. Muss Deutschland mehr investieren?
Brunnermeier: Leistungsbilanzüberschuss ist nicht gleich Leistungsbilanzüberschuss. Vor der Krise gab es massive Überschüsse gegenüber einigen Euroländern, heute resultiert der Überschuss Deutschlands aus dem Handel mit den Schwellenländern. Das hat sich verändert. Höhere Staatsausgaben in Deutschland würden die Nachfrage zwar beflügeln, aber die positiven Effekte in den Krisenländern wären eher gering, da nur ein sehr kleiner Teil der zusätzlichen Ausgaben dort ankomme würde. Die zusätzlichen Staatsausgaben würden ja nicht komplett in den Kauf von italienischen oder spanischen Gütern gesteckt. Stattdessen gäbe es wohl mehr Inflation in Deutschland, da die Wirtschaft derzeit schon sehr gut ausgelastet ist. Höhere Staatsausgaben in Deutschland sind also nicht der beste Weg, um den Krisenländern zu helfen. Günstigere Zinsen bewegen mehr, weil sie direkt und zu 100 Prozent den Ländern zugutekommen.

BZ: Ist die Niedrigzinspolitik der EZB ein Verbrechen an den Sparern?
Brunnermeier: Zinsen kann man nur verteilen, wenn sie auch erwirtschaftet werden. Anders gesagt: Wächst eine Wirtschaft schwach, gibt es auch keine hohen Zinsen. Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone legt bekanntlich nicht sonderlich zu. Würden die Zinsen jetzt stark steigen, käme es zwangsläufig zu einem Schuldenschnitt in den Krisenländern. Davon hätte der deutsche Sparer auch nichts. Das ist die traurige Situation.

ZUR PERSON: Markus Brunnermeier

Der gebürtige Bayer (Jahrgang 1969) gehört zu den renommiertesten Ökonomen weltweit. An der US-Eliteuni Princeton beschäftigt er sich vor allem mit Folgen und Ursachen von Finanzmarktkrisen. Der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke holte Brunnermeier 1999 in sein Forscherteam. Sein neuestes Buch, das er mit Harold James und Jean-Pierre Landau geschrieben hat, heißt "The Euro and the Battle of Ideas" (Princeton University Press). Es soll bald auch auf Deutsch beim C.H. Beck-Verlag erscheinen. Das Interview fand im Rahmen einer Veranstaltung des Freiburger Walter Eucken Instituts statt.

Ein BZ-Interview mit Brunnermeier zum Nutzen und den Gefahren der Spekulation finden Sie unter http://mehr.bz/blasen
 

Autor: bkr

Autor: bkr