Stromkabel aus Norwegen soll Deutschland retten

Teresa Dapp

Von Teresa Dapp

Mo, 09. Oktober 2017

Wirtschaft

Zwischen Deutschland und Norwegen läuft der Ausbau eines riesigen Stromkabels nach Plan. Das 623 Kilometer lange und zwei Milliarden Euro teure Kabel soll helfen, den Mangel an Stromspeichern zu lösen.

WILSTER. Norwegens riesige Wasserkraftwerke sollen einspringen, wenn in Deutschland die Windräder still und die Sonnenkollektoren im Schatten stehen. Experten loben das Kabel Nordlink als Modell – auch für deutsche Stromautobahnen, die weniger zügig vorankommen.

Tonstad und Wilster sind nicht gerade internationale Metropolen, aber unter Fans der Energiewende genießen das norwegische Dorf und das Städtchen in Schleswig-Holstein eine gewisse Bekanntheit. Von Tonstad nach Wilster führt das erste Kabel, das Norwegens Stromnetz mit dem deutschen verbindet. Zum beiderseitigen Gewinn, so ist das jedenfalls gedacht. Am Freitag wurde in Wilster Richtfest gefeiert für die Konverterstation auf der deutschen Seite. Dort wird der Gleichstrom aus dem Seekabel in Wechselstrom umgewandelt, der ins deutsche Stromnetz eingespeist wird.

Das 623 Kilometer lange, Tausende Tonnen schwere und rund zwei Milliarden Euro teure Kabel soll helfen, eines der größten Ökostrom-Probleme überhaupt zu lösen: Den Mangel an Stromspeichern. Strom aus Wind und Sonne ist je nach Wetter mal im Übermaß verfügbar, mal knapp. Dunkelflaute nennen Kenner den schlimmsten Fall: Wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Nordlink soll dann Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken nach Deutschland bringen, wenn hier die Windräder stillstehen und die Solaranlagen keinen Strom liefern. Mehr als 3,6 Millionen deutsche Haushalte lassen sich rechnerisch über diese Trasse mit erneuerbaren Energien aus Norwegen versorgen, wenn sie 2018 wie geplant in Betrieb gehen. Umgekehrt soll deutscher Windstrom in Norwegen den Bedarf an Strom aus Wasserkraftwerken senken, wenn hierzulande der Wind kräftig weht. Die Norweger sollen dann ihr Wasser in den Speicherseen lassen.

Die Netzbetreiber Tennet auf deutscher und Statnett auf norwegischer Seite versprechen dadurch günstigere Strompreise. Denn bisher müssen Windräder in Norddeutschland abgeschaltet werden, wenn sie zu viel Strom produzieren – dafür fallen Entschädigungen an, die auf die Strompreise umgelegt werden.

"Diese neue Stromautobahn ist ein gutes Beispiel für die Vorzüge einer engen europäischen Vernetzung", sagt der Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende, Patrick Graichen. Durch den Austausch wirke die Leitung "ähnlich wie ein riesiger Stromspeicher – seine Leistung ist in etwa so groß wie die eines Atomkraftwerks."

Graichen sieht in Nordlink auch einen Ausblick darauf, was die Stromtrassen Südlink und Südostlink innerhalb Deutschlands einmal bringen sollen: "Der Strom kann freier fließen und der Strommarkt insgesamt funktioniert besser." Windstrom aus dem Norden komme im Süden an, wo nach dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke im Jahr 2022 ein größerer Bedarf entstehe.

Nur: So rund wie bei der Nordlink-Verbindung, durch die wie geplant ab 2020 Strom fließen dürfte, läuft es bei den innerdeutschen Megatrassen nicht. Um deren Verlauf gibt es reichlich Ärger, Bürgerinitiativen wollen bestimmte Regionen kabelfrei halten. Und das, obwohl auf Wunsch Bayerns schon der allergrößte Teil unterirdisch verlegt werden soll, was länger dauert und teurer ist. Der Netzausbau ist neben den Stromspeichern der zweite Pferdefuß der Energiewende.

Aktuell gibt es unter anderem Streit zwischen Bauern und der Energiewirtschaft: Der Bauernverband fordert – mit der CSU im Rücken – jährliche Pachtzahlungen für Landwirte, auf deren Grundstücken Höchstspannungs-Leitungen verlegt werden. Die Unternehmen halten das für "völlig unangemessen", es gebe schon Entschädigungen. Im Fall von Nordlink ist das kein Problem: Nur 107 Kilometer verlaufen an Land, 516 Kilometer als Seekabel – da beschwert sich niemand.

"Klar mag niemand Stromnetze, kaum jemand findet eine Leitung in der Nähe seines Hauses toll" – Schleswig-Holsteins Energiewende-Minister Robert Habeck hat Verständnis für die Proteste. Es einfach zu lassen könne aber nicht die Antwort sein. Im Bundesvergleich sei sein Land so weit vorn, weil man die Sorgen ernst nehme: "Wir haben einen intensiven Dialog mit Bürgern und Verbänden geführt und Lösungen gefunden." So wollen es auch die Übertragungsnetz-Betreiber halten und planen für die deutschen Nord-Süd-Trassen viele Konferenzen, auf denen Bürger, Kommunen und Verbände Bedenken äußern können. Südlink und Südostlink müssen unter anderem Rücksicht auf Moore und Feldhamster nehmen. Eine Leitung quer durch die Nordsee hat es da leichter.