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13. November 2015

Bürgerwindrad am Kohlerkopf?

Wittnauer Bürger sind mit Fesa-Vorstand Josef Pesch auf Informationstour bei den Windrädern an der Holzschlägermatte.

  1. Wissenswertes über Windkraft: Wittnauer Bürger mit Josef Pesch Foto: Steckmeister

WITTNAU. Sie drehen sich in Freiamt wie in Freiburg – Windenergieanlagen. Was allerdings in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern seit Jahren selbstverständlich zum Landschaftsbild gehört, stößt im Schwarzwald nicht ungeteilt auf Gegenliebe. Zu einer Informationsfahrt auf die Holzschlägermatte, wo zwei im Jahr 2003 in Betrieb gegangene Windkraftanlagen stehen, brachen jüngst rund 20 Wittnauer Bürger auf, um sich von Fesa-Vorstand Josef Pesch, dessen Büro die Gemeinde in Sachen Energiewende berät, Wissenswertes vermitteln zu lassen.

Der Samstag ist sonnig und nahezu windstill. Knapp zwei Dutzend Menschen, Wittnauer Bürger, darunter Mitglieder des Gemeinderats, die SPD-Kreisvorsitzende Birte Könnecke aus dem Nachbarort Sölden und Josef Pesch legen die Köpfe in den Nacken und gucken auf die sich in 98 Metern Höhe langsam drehenden Riesenflügel. Die Leistung des mehr als 1000 Tonnen schweren Bauwerkes liegt bei 1,6 Megawatt. Im Moment aber erzeugt der Propeller gerade einmal so viel Energie, dass diese ausreicht, um die Gondel in den Wind zu drehen. An ihr sitzen die drei mehr als 30 Meter langen Flügel und in ihr der 40 Tonnen schwere Generator.

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"Ein einziges Windrad würde Wittnau zum Stromexporteur machen", sagt Josef Pesch. Heutige Anlagen seien größer und wesentlich effizienter. Bei nur achteinhalb Stundenkilometern Windgeschwindigkeit erbrächten sie bereits ihre Nennleistung. Diese liegt bei modernen Großanlagen bei bis zu 7,5 Megawatt. Damit eigneten sie sich durchaus auch für windärmere Gegenden als die Küstenregionen, so Pesch zu dem Vorurteil, im Schwarzwald wehe zu wenig Wind.

Ab 40 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit dreht die Anlage die Flügel sukzessive in die Waagerechte, um weniger Windwiderstand zu bieten. Ab 80 Stundenkilometern werde in der Regel abgeschaltet, das heißt die Flügel stehen komplett waagerecht, so dass Sturmböen bis zu 160 Kilometern abgefangen werden können, sagt der Fachmann zur Technik. "Bei Sturm geht die Gefahr nicht von den Windrädern aus, sondern von den Bäumen drum herum", betont Pesch.

Viel Gegenwind erfahren die Windräder von Seiten der Landschafts- und Naturschützer sowie von Tourismusverbänden. Der Naturschutz bangt beispielsweise um Rotmilan und Auerhahn. "Rund 40 000 Vögel sterben jährlich durch Winkraftanlagen", räumt Pesch ein. Allerdings würden Freileitungen, Gebäuden oder dem Kraftfahrzeugverkehr pro Jahr etliche Millionen Vögel zum Opfer fallen. "Und wenn über dem Stuttgarter Flughafen ein Raubvogel fliegt, wird der vom Flughafenjäger abgeschossen – auch wenn es ein Rotmilan ist", sagt Pesch, der sich für die Windenergieanlagen "keine Sonder-, sondern lediglich eine Gleichbehandlung" wünscht.

Eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes vermag er in den Anlagen nicht zu erkennen. Was die Geräuschbildung angehe, entstehe diese nur bei stärkerem Wind und werde dann vom Windgeräusch selbst überlagert. Beim windstillen Vororttermin hört man bloß die Autos und Motorräder auf dem Weg zum Schauinsland vorbei brausen.

Als "unverantwortliche Panikmache" bezeichnet Josef Pesch Aussagen von Touristikern, die Fremdenverkehrseinbußen von 20 Prozent prognostizieren, sollten sich auf den Schwarzwaldhöhen zunehmend Windräder drehen. "Wir alle sind auf den Energiewechsel angewiesen", betont er. Auf die alten Technologien, wie Atomkraft und Braunkohle, setzten hingegen weiterhin die großen Stromkonzerne, die "die Windenergie verpennt" hätten. "Die können nur auf der alten Schiene, denn erneuerbare Energien bringen nicht "diese Renditen", so Pesch.

Insgesamt liege der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland derzeit bei etwa 33 Prozent, diese aber gehörten zu rund 90 Prozent zu Projektgruppen mit Bürgerbeteiligung, erläutert Pesch, warum – seiner Ansicht nach – die großen Energieversorger bei der Windkraft mauern. Für abwegig hält er die Diskussion zu Offshore-Parks. Die Energiewende basiere auf dezentraler Versorgung ohne ellenlange Überlandleitungen. Und was die Speichermöglichkeiten angehe, deren Fehlen oft bemängelt werde, sieht Pesch ebenfalls räumlich nahe Lösungen. "Die Speicher für billigen Nachtatomstrom sind noch da", sagt Pesch mit Blick auch auf die Schweizer Nachbarn.

Nach so viel Information interessiert die Wittnauer vor allem, ob und wo ein Windrad für die Gemeinde möglich wäre und was es kosten würde. "Der Kohlerkopf ist ein interessanter Standort für ein Bürgerwindrad", ist Pesch überzeugt. Rund 4,5 Millionen Euro kosteten Anlage und Aufbau. Eine Million Eigenkapital seien zu schaffen. Gut 20 Jahre könne eine solche Anlage laufen, amortisiert hätte sich in acht bis zwölf Jahren. Dann würde man sie, im Gegensatz zum Atomkraftwerk, einfach rückstandlos abbauen. Bis auf die Flügel – die sind aus einer Kunststoff-Glasfaser-Mischung und müssen verbrannt werden – könne man die rund 2000 Tonnen Windradschrott aus Stahl und Beton komplett wiederverwenden.

Autor: Julius Steckmeister