Wo de Boddesurri än rechte Chaib sii cha

Susanne Filz

Von Susanne Filz

Do, 20. Juli 2017

Titisee-Neustadt

Max Steurenthaler aus Titisee wirbt im Hochschwarzwald für den Erhalt der heimischen Mundart, denn die Sprechergemeinschaft wird immer kleiner.

TITISEE-NEUSTADT. Max Steurenthaler ist gebürtiger Seemer. Für die, die das Alemannisch des Hochschwarzwalds nicht können: Ein "Seemer" ist einer, der in Titisee wohnt. Außerdem ist er Gästeführer und Mitglied der Muettersproch-Gsellschaft, die viel dafür tut, damit die heimischen Dialekte lebendiges Kulturgut b

leiben. Doch alle Anstrengungen können nicht verhindern, dass die alemannischfeste Sprechergemeinschaft immer kleiner wird.

Die "Gsellschaft" organisiert Vorträge, Autorenlesungen oder Konzerte mit alemannischkundigen Künstlern. Steurenthaler selbst wird in Kindergärten und Schulen eingeladen, um den Kindern die alemannische Mundart zu vermitteln, die viele in ihren Familien nicht mehr mitbekommen haben. "Bis vor 50, 60 Jahren war es im Hochschwarzwald eigentlich normal, ,Alemannisch zu schwätze‘, zumindest unter Einheimischen", sagt er.

Dass das inzwischen ganz und gar nicht mehr so ist, bekommt er immer öfter zu spüren. Etwa als er im vergangenen Jahr in der Hansjakob-Grundschule in Neustadt zu einem Alemannischkurs im Rahmen des Fachs "Mensch – Natur – Kultur" eingeladen war. An die zweihundert Kinder hatten Gelegenheit, an seinem Dialektunterricht teilzunehmen. Nur ein sehr kleiner Teil von ihnen habe Alemannisch sprechen und verstehen können. So schöne alte Ausdrücke wie "Wunderfitz", "Brägele" oder "Epfelschnitz" hatten die Kinder noch nie gehört und beim Raten, was das alles denn wohl bedeuten soll, oft weit danebengetippt. Spaß an dem ungewöhnlichen Unterricht hätten aber alle gehabt, ja, auch die Migrantenkinder.

Wenn es um die Hochschwarzwälder Mundart geht, ist Max Steurenthaler in seinem Element und stellt dabei auch die Reporterin auf die Probe. "Wissen Sie, was ein ,Chaib‘ ist?" Die Journalistin hat keine Ahnung, aber immerhin eine minimale Ratechance. Könnte das vielleicht eine Scheibe sein im Sinn von einer Scheibe Brot? Das war nun völlig daneben. "Das ist so leicht auch nicht zu erklären", gibt Steurenthaler zu. "Chaib" sei eine charakterisierende Bezeichnung für einen Menschen. Man könne den Begriff im Sinne eines Kompliments verwenden, aber auch im Sinne eines Tadels, da komme es auf den Tonfall an.

"Im Guten ist einer, der knifflige Aufgaben klug und kreativ löst. Im Schlechten ein listiger oder durchtriebener Mensch, der seine Schläue auch mal dazu nutzt, um andere übers Ohr zu hauen." Aha. Abgeleitet davon sei eine "Chaiberei" eine Aufgabe, für die man sich anstrengen muss. Keine Routinearbeit, sondern ein Problem, das gelöst werden muss, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte.

Im Kindergarten Sternschnuppe in Neustadt hat Steurenthalers Besuch bleibende Spuren hinterlassen, nachdem er den Kindern und deren Erzieherinnen beigebracht hat, wie man auf Alemannisch "Hallo" sagt. "Das heißt bei uns ,Salü‘", hatte er erklärt. "Salü" mit Betonung auf der ersten Silbe. Das französischstämmige Wort sei bei den Kindern dann so gut angekommen, dass es im Kindergarten seitdem das bis dahin gebräuchliche "Hallo" ersetzt habe, erzählt er.

Der Dialekt gibt so manchem Wort, so manchem Satz eine besondere Färbung und Bedeutung, findet er. "Wenn ich sage: ,Sie sind aber neugierig‘, drückt das eine andere Stimmung aus, als wenn ich sage: ,Sie sind ganz schön wunderfitzig‘." Dieselbe Mundart zu sprechen, schaffe Gemeinschaft, stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch eben diese Sprechergemeinschaft sieht er in Gefahr. Dabei fürchtet er um mehr als den Verlust der schönen alemannischen Wörter. "Wenn es die Dialektsprecher nicht mehr gibt, dann geht etwas Wesentliches vom alemannischen Naturell verloren." Dazu gehöre auch das langsame Sprechen, das sehr gut zum hiesigen Naturell passe.

Gleichwohl ist Max Steurenthaler ein vehementer Verfechter der Zweisprachigkeit. "Wenn Sie heute nur Dialekt können, ist das für Sie ein erheblicher Nachteil." Hochdeutsch sei die gemeinsame Sprache, mit der man sich im gesamten deutschen Sprachraum verständigen könne. Max Steurenthaler selbst spricht ein lupenreiches Hochdeutsch. So gut, dass man nicht auf die Idee käme, dass er ein Hochschwarzwälder sein könnte, ja nicht mal einer aus dem Süden Deutschlands. Aber er kann eben auch "ganz anderscht".