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19. Februar 2003

Wo die Macht des medizinischen Wissens geteilt wird

Hilfe zur Selbsthilfe: Der Freiburger Gynäkologe Michael Runge bildet in vietnamesischen Unifrauenkliniken Ärzte weiter.

"Auch medizinisches Wissen ist Macht, und die muss geteilt werden." Für Professor Michael Runge, Oberarzt an der Frauenklinik der Universität Freiburg, ist dieser Satz keine Theorie. Seit den 70er-Jahren hilft er Frauen und Kindern in Krisengebieten und Entwicklungsländern - neben seiner Arbeit in Freiburg. Er arbeitete im Komitee Notärzte für die Kap Anamur mit, jenem Rettungsschiff, das in den 80er-Jahren zahllose geflohene Vietnamesen im Südchinesischen Meer vor dem Tod gerettet hat. Und 1996 in Vietnam begann Runge seine Macht zu teilen, indem er sein Wissen an die dortigen, unzureichend ausgebildeten Ärzte weitergab.

Jetzt hat Runge mit Kollegen der Freiburger Universitätsfrauenklinik sowie Gynäkologen der Universitätsfrauenkliniken Heidelberg, Bonn und der Charité in Berlin ein Projekt entwickelt, das den Namen "Ausbildung und Forschung in Gynäkologie und Geburtshilfe in Südostasien" trägt und das die gynäkologische Ausbildung nicht nur in Vietnam, sondern auch in den Nachbarstaaten Laos, Kambodscha und Myanmar (ehemals Birma) verändern soll.

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Die vier Staaten gehören zu den 20 ärmsten Ländern der Erde. Hier liegt die mütterliche Sterblichkeit um das 20- bis 90fache höher als in Deutschland. Die Neugeborenensterblichkeit ist siebenmal höher und jedes vierte Kind erreicht nicht einmal das fünfte Lebensjahr. Frauen- und Kinderärzte hätten mehr als genug zu tun - wenn es denn genug gäbe. In Laos, in einem Land mit sieben Millionen Menschen praktizieren aber gerade mal 14 Frauenärzte.

In den vergangenen 20 Jahre hat die internationale Entwicklungshilfe kaum Geld in Universitäten oder die medizinische Ausbildung investiert. Damit folgte sie einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation aus den 70er-Jahren, die die universitäre Medizin als "teure und für Entwicklungsländer unangebrachte Medizin" eingestuft hatte. Dies hat sich inzwischen als Fehleinschätzung entpuppt, wie Runge sagt: Denn wer soll den Gesundheitshelfern oder Hebammen in den Dörfern gute, Erfolg versprechende Behandlungsmethoden beibringen, wenn - wie in Vietnam - die gesamte Ärzteschaft seit 25 Jahren unzureichend ausgebildet ist?

Von 1996 bis 2001 war der Gynäkologe Gastprofessor in Ho Chi Minh Stadt, dem früheren Saigon. Seine Aufgabe war es vor allem, vietnamesische Kollegen weiterzubilden. Ob diese nun aus Ho Chi Minh Stadt, aus Hanoi oder aus dem zentralvietnamesischen Hue, wo die Partnerfakultät der Universitätsklinik Freiburg sitzt, stammten: Die Lücken in Ausbildung und Wissen waren bestürzend. Das einzige gynäkologische Fachbuch, das den Studierenden und den Facharztanwärtern zur Verfügung stand, stammte aus den 70er-Jahren.

Die Ärzte hatten nichts über Krebserkrankungen gelernt, weshalb sie sie auch nicht behandelten. Sie erfuhren nichts über die hormonelle Situation von Frauen, folglich wissen diese auch nichts oder nur wenig über Empfängnisverhütung. Allein am Hung-Vuong-Lehrkrankenhaus in Ho Chi Minh Stadt werden pro Tag zwischen 150 bis 200 ambulante Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Auch die Betreuung von Risikoschwangerschaften stand weder im Studium noch in der Facharztausbildung auf dem Unterrichtsplan. Weder in Ho Chi Minh Stadt noch in Hue gab es im Jahr 2000 einen einzigen Professor für Gynäkologie. Die meisten Hochschullehrer hatten selbst nur eine zweijährige Facharztausbildung absolviert.

Das neue Projekt, in das die vietnamesischen Nachbarstaaten eingebunden sind und das vom baden-württembergischen Wissenschaftsministerium und der Mercator-Stiftung gefördert wird, ist geprägt von den Erfahrungen, die Runge während seiner vorangegangenen fünfjährigen Gastprofessur gesammelt hat. Seine Mitstreiter und er setzen auf die Aus- und Weiterbildung von Hochschullehrern (Training of Trainers). Sie sollen Multiplikatoren sein, die das neue Wissen an viele andere weitergeben.

Das Team bildet zudem Fachärzte auf Spezialgebieten wie Krebsbehandlung aus, es vermittelt Wissen über Hormone und unterrichtet in spezieller Geburtshilfe sowie der Perinatologie (Management von Risikoschwangerschaften und Geburten). Die Deutschen haben die Ausbildungsordnung für Studierende und Fachärzte überarbeitet oder wie in Laos ein ganz neues Curriculum erarbeitet. Zudem werden sie im Lauf des Projekts 15 moderne, didaktisch ansprechende Lehrbücher für ihre Kollegen schreiben, die in Englisch und teilweise in der Landessprache aufgelegt werden. Einige der Bücher sind bereits fertig.

Von Universitätskliniken in die Provinzkrankenhäuser

Mit den neuen Lehrmaterialien reisen die Ärzte zu einwöchigen Kursen nach Südostasien. Die Unterrichtseinheiten werden später an kleineren medizinischen Fakultäten und in den Provinzkrankenhäusern wiederholt, teilweise schon heute von geschulten einheimischen Dozenten. Später soll deren Lehreinsatz in der Provinz zur Regel werden.

Die Kinder- und Müttersterblichkeit ist an der Freiburger Partnerfakultät in Hue in den sieben Jahren, in denen vietnamesische Ärzte am Wissen ihrer deutschen Kollegen teilhaben konnten, bereits gesunken. Für Runge der Beweis: "Ausbildung ist die nachhaltigste Form der Hilfe zur Selbsthilfe."

Autor: Karin Bundschuh