Wo Freunde und Mitschüler die Familie ersetzen

Caroline Bingenheimer

Von Caroline Bingenheimer

Mo, 24. September 2018

Freiburg

Am Tag der offenen Tür des United World College im ehemaligen Kartäuserkloster zeigten Schülerinnen und Schüler aus 100 Nationen die Kulturen ihres Landes.

FREIBURG-WALDSEE. "Die Idee der United World Colleges kam nach dem Kalten Krieg auf. Das Ziel war es, Völkerverständigung zwischen Ländern zu fördern", berichtet Tanja Lewandowitz, Projektmanagerin im Deutschen Stiftungsbüro der United World Colleges (UWC) in Berlin. Wie diese Verständigung zwischen verschiedenen Nationen und Kulturen funktionieren kann, zeigten am Samstag die Schüler des Robert Bosch College (RBC) bei einem Tag der offenen Tür.

Es ist zur Tradition geworden, dass das RBC in Freiburg als deutschlandweit einziges United World College Ende September seine Türen für Besucher öffnet. Auch diesmal nutzten viele die Chance, das ehemalige Kloster des Kartäuserordens zu erkunden. Dies konnten Interessierte auf eigene Faust tun oder, indem sie an einer der Campus-Touren teilnehmen, die RBC-Schüler stündlich anboten. Daneben wurde in verschiedenen Ausstellungen, Präsentationen und Diskussionsrunden das Konzept des Robert Bosch Colleges vorgestellt. Höhepunkt des Tages war sowohl für die Gäste als auch für die Schüler selbst die Open Stage (offene Bühne).

So war im Auditorium jeder Platz belegt, als Tänze und Lieder aus aller Welt aufgeführt wurden. Neben einem traditionellen Blumentanz aus Kambodscha, einer Choreographie mit asiatischen Fächern, leisen Klängen aus Georgien oder rhythmischen Tänzen aus Lateinamerika, wurden auch nachdenkliche Gedichte aus Afrika und Afghanistan vorgetragen. "Wenn in der Welt etwas Schlimmes passiert, geht uns das hier schnell nahe. Schließlich sind wir insgesamt 200 Schüler aus über 100 Nationen. Man kennt also oft jemanden, in dessen Heimatland gerade etwas Erschütterndes vorgefallen ist", berichtete RBC-Schüler Henri Cornec, einer der Moderatoren. Dennoch verbreiteten die Jugendlichen am Samstagnachmittag ausschließlich gute Laune, rissen das Publikum wortwörtlich mit und forderten es immer wieder auf, selbst mitzutanzen. Neben den traditionellen Vorführungen brachen die Schüler mit ihrer Show auch Stereotype: Sie trugen anstatt Gewändern aus ihren Heimatländern auch mal Jeans und schwarze Sonnenbrillen, vermischten besinnliche chinesische Klänge mit Pop und Hip-Hop.

"Das alles begeistert meine Tochter Clary. Sie hat mit elf Jahren in der Kinderzeitschrift des Spiegel vom UWC gelesen, seitdem war es ihr großer Traum auf eine solche Schule zu kommen", sagte Kirsten Becker aus der Nähe von Mainz. Mit 16 bewarb sich ihre Tochter schließlich um einen Platz an einem United World College, wurde auserwählt und kam schließlich auf das Freiburger RBC. Um Lehrer und Schule besser kennenzulernen, reiste Kirsten Becker gemeinsam mit der Patentante und dem Patenonkel von Clary extra zum Tag der offenen Tür nach Freiburg. Für die Familie von Rami Hassan wäre die Anreise etwas zu weit gewesen, seine Familie lebt im Libanon. "Doch hier werden einfach die Freunde, die Mitschüler irgendwann zu deiner Familie", so der 17-Jährige. Insgesamt sind die 200 Schüler in Vierer-Zimmer auf acht Häuser verteilt und leben zwei Jahre zusammen, bis sie ein international anerkanntes Abitur absolvieren. "Da sich in der Regel vier Nationalitäten gemeinsam ein Zimmer teilen, ist ein kultureller Austausch unabdingbar. Diese außergewöhnliche Vielfalt wollen wir am Tag der offenen Tür präsentieren", betonte Henri Cornec.