Indonesien

Wohl über 1000 Tote nach Tsunami

dpa

Von dpa

So, 30. September 2018 um 23:07 Uhr

Panorama

Das wahre Ausmaß der Katastrophe auf der indonesischen Insel Sulawesi ist noch nicht absehbar. Nur eines ist bereits jetzt klar: Die Zahl der Todesopfer wird noch deutlich steigen.

PALU (dpa). Mehr als 800 Tote zählen die Behörden bereits an diesem Sonntag. Aber vermutlich ist das Ausmaß der Tsunami-Katastrophe in Indonesien noch viel größer. Schon jetzt drängt sich die Frage auf, ob die Behörden die Bewohner ausreichend gewarnt haben.

Auf dem Parkdeck der Grand Mall, des großen Einkaufszentrums von Palu, oberhalb des Strands, fühlen sich die Menschen anfangs noch sicher. Einige filmen mit dem Handy aufs Meer. Zu sehen ist, wie eine mächtige Welle auf sie zurollt. Langsam zwar, aber mit großer Kraft. Als sie auf die Küste trifft, ist es mit dem Gefühl der Sicherheit vorbei. Das Bild verwackelt. Eine Frau ruft: "Gott, steh mir bei." Dann ist alles schwarz.

Es war der Moment, in dem am Freitagabend nach einer Serie von Erdbeben ein Tsunami auf die Westküste der indonesischen Insel Sulawesi traf. Die vorläufige Bilanz, allein aus Palu, einer Stadt mit rund 350 000 Einwohnern: mindestens 821 Tote und mehr als 540 Schwerverletzte. Doch niemand glaubt, dass es bei den Opferzahlen bleibt.

Ähnlich sieht es an vielen anderen Orten entlang der Westküste von Indonesiens viertgrößter Insel aus. Weil die Beben die Straßen aufgerissen haben, konnte sich kaum jemand in Sicherheit bringen. Übers Wochenende gab es auch immer wieder Nachbeben. Befürchtet wird, dass die Zahl der Toten tatsächlich in die Tausende geht. Alles in allem sind etwa 300 Kilometer Küste mit mehr als 1,5 Millionen Menschen betroffen. Viele dort leben von der Fischerei – in Donggala zum Beispiel, einer Gemeinde im Norden der Insel. Ausländische Touristen sind dort kaum unterwegs. Nach Angaben des Auswärtigen Amts gibt es keine Hinweise, dass Deutsche unter den Opfern sind.

Auch die Behörden gehen davon aus, dass das wahre Ausmaß der Katastrophe noch größer ist: "Wir erwarten, dass die Zahlen noch steigen", sagt Sutopo Nugroho, der Sprecher der indonesischen Katastrophenschutzbehörde.

In dem Riesenland mit seinen 17 000 Inseln, die alle auf dem Pazifischen Feuerring liegen, der geologisch aktivsten Zone der Erde, haben sie mit solchen Naturkatastrophen Erfahrung. Hier bebt die Erde immer wieder. Erst kürzlich starben auf Lombok, der Nachbarinsel von Bali, mehr als 500 Menschen bei einem Beben. Auch Vulkanausbrüche sind keine Seltenheit. Und alle erinnern sich jetzt natürlich auch wieder an den verheerenden Tsunami an Weihnachten 2004. Von allen Ländern in der Region hatte Indonesien damals die meisten Toten zu beklagen: mehr als 160 000. Seither sind die Menschen besser vorbereitet, wissen, dass sie landeinwärts flüchten sollen, auf höher gelegene Gebäude oder Straßen. Nicht allen hat das jetzt geholfen. Am Sonntag begannen sie damit, die Toten in Massengräbern beizusetzen.

Vor dem Tsunami hatte auf Sulawesi mehrmals die Erde gebebt. Am Freitagabend, als es schon dunkel wurde, gegen 18.00 Uhr Ortszeit, kam dann das schlimmste Beben: Stärke 7,4. Die dadurch ausgelösten Wellen waren bis zu sechs Meter hoch. Eine der Handy-Aufnahmen, die jetzt übers Internet um die Welt gingen, ist von einem Mann draußen auf dem Meer, auf einem Boot. Er sagt: "Betet für mich, dass ich überlebe." Nach allem, was man weiß, hat er es geschafft.

Besonders schlimm hat es Palu getroffen, die größte Stadt an der Westküste, in einer engen Bucht gelegen, was den Tsunami wohl noch schlimmer gemacht hat. Auf Videos ist zu sehen, wie die Wassermassen ganze Häuser mit sich reißen und Menschen, Autos, Mopeds, Bäume dazu. Auch die große Moschee mit ihrer grünen Kuppel ist schwer beschädigt. Und die Grand Mall, auf deren Parkdeck die Leute die herannahende Welle filmten.
Erklär’s mir: Was ist ein Tsunami?

Aus den Trümmern des Einkaufszentrums sind auch am Sonntag noch Rufe zu hören. Vermutet wird, dass noch mehr als ein Dutzend Menschen dort eingeschlossen sind. "Im dritten Stock gibt es einen kleinen Durchgang. Wir geben alles. Aber wir kriegen die Leute nicht raus", sagt einer der Retter, ein Mann namens Novri, dem Sender Metro TV. Aus den Geschäften im Erdgeschoss besorgen sich die Leute trotz der Einsturzgefahr etwas zu essen. Der Hunger ist größer als die Angst.

Ganz in der Nähe ist das siebenstöckige Hotel Roa-Roa zusammengebrochen. Dort werden sogar noch 50 Gäste in den Trümmern vermutet. Auch hier fehlt es an Geräten und an Strom. Ein paar Hundert Meter weiter, vor der Undata-Klinik, werden die weniger schlimm Verletzten im Freien behandelt. Direktor Komang Adi Sujendra fleht: "Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können."

So einfach ist das nicht. Durch das Beben sind zahlreiche Kommunikationsleitungen zerstört. Zumindest Palus Flughafen ist wieder in Betrieb, trotz der Schäden auf der Landebahn. Mit Transportflugzeugen fliegt Indonesiens Militär nun Hilfsgüter ein. Auch andere Regierungen haben Hilfe zugesagt.

Inmitten all des Leids hat aber auch schon die Diskussion begonnen, ob alles getan wurde, um die Auswirkungen des Tsunamis so gering zu halten wie möglich. Die Behörden lösten zwar Tsunami-Alarm aus, hoben ihn nach nur 34 Minuten aber wieder auf – aus Sicht von Kritikern viel zu früh. Am Strand von Palu, wo viele auf den Beginn eines Festivals warteten, wurde überhaupt nicht gewarnt. Katastrophenschutz-Sprecher Sutopo bestätigt: "Es gab keine Sirene. Viele waren sich der Gefahr nicht bewusst."

Spendenkonten: Aktion Deutschland hilft: IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30, Stichwort: Erdbeben Tsunami Indonesien; Aktionsbündnis Katastrophenhilfe, IBAN: DE65 100 400 600 100 400 600
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