Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. November 2012

Stephanie und ihre Trauer um den verlorenen Sohn

Im Solotheaterstück "Kaspar" nähert sich Yumika Eunike Engelkind im Café Fräulin dem tragischen Mythos des Kaspar Hauser.

  1. Mit ihrem Solotheaterstück „Kaspar“ kam Yumika Eunike Engelkind ins Kulturcafé Fräulin. Foto: Frey

ZELL IM WIESENTAL. Das Schicksal des geheimnisumwitterten Findlings Kaspar Hauser bewegt die Menschen nach wie vor stark. Dies zeigte sich am großen Interesse an dem Theaterstück "Kaspar" von und mit Yumika Eunike Engelkind, das im Zeller Kulturcafé Fräulin viele Zuschauer nachhaltig beeindruckte.

Die junge Schauspielerin und Autorin aus Stuttgart nähert sich in ihrem Soloschauspiel aus besonderer Sichtweise dem tragischen Mythos des Kaspar Hauser, von dem vermutet wird, er sei der Erbprinz von Baden gewesen.

Yumika Engelkind spielt in ihrem Stück Stéphanie de Beauharnais, die spätere Großherzogin von Baden. Sie reflektiert deren Leben, die dramatischen Geschehnisse nach der Geburt des Thronerben und die abgrundtiefe Trauer um den verlorenen Sohn "Gaspard". Mit lebhafter Gestik, ausdrucksvoll in der Mienen- und Gebärdensprache und mit wunderbarer Sprechkunst verkörpert Yumika Engelkind die Gefühle und Seelenbewegungen der etwas launischen Stéphanie. In Haltung, Bewegung und Sprechweise macht sie den Charakter dieses Mädchens glaubhaft, das Napoleon "aus der Mitte ihres Herzens" verehrt und bei seiner Krönung zum Kaiser in Notre-Dame dabei ist. Sie fühlt sich als "Tochter Frankreichs" und nimmt den Prinzen Carl von Baden, den sie heiraten soll, kritisch unter die Lupe: die Figur "von wenig Vorteil", aber ein höflicher Mensch von Charakter und Freundlichkeit. "Glücklich, nein, glücklich war ich nicht", lässt Yumika Engelkind ihre Stéphanie sagen, die in der Ehe nur Knechtschaft sah.

Werbung


Sehr intensiv und emotional bewegend wird das Solo in den Szenen, in denen Engelkind die Visionen der Stéphanie, die Geburt des lang ersehnten Erbprinzen und den Schmerz der Mutter über den Verlust des Sohnes schildert.

In ihrem dichten, sehr poetischen und literarischen Text hat sich die Künstlerin von Tagebuch-Aufzeichnungen der Stéphanie und vor allem von Schillers "Demetrius" und "Johanna von Orleans" inspirieren lassen. Sie hat auch originale Schiller-Zitate eingebaut, die zum Kaspar-Thema passen: "Ich hab um ihn getrauert 16 Jahr, doch seine Asche sah ich nie. Ich glaubte der allgemeinen Stimme seinen Tod. Und meinem Schmerz". Verwoben mit dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund jener Zeit, gelingt Yumika Engelkind ein einfühlsames Porträt der Stéphanie von Baden, deren Gedanken, Empfindungen und Lebensstationen sie lebhaft und ergreifend darstellt.

In einer Szene lässt sie Stéphanie ihr "tiefstes Geheimnis" verraten: Dass sie sich an Pfingsten 1832 selbst ins Frankenland aufmachte, um insgeheim den Findling zu sehen, und in ihm ein Ebenbild ihres Mannes erkannte.

Wie intensiv sie sich auf die Spuren des Kaspar Hauser begeben hat, verriet Yumika Engelkind auch im Gespräch mit dem Publikum nach dem beeindruckenden Theatersolo.

Autor: Roswitha Frey