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07. Juni 2017

Zeller diskutieren Landärztemangel

Rainer Stickelberger kommt bei SPD-Veranstaltung in Zell mit den Bürgern ins Gespräch und präsentiert Zehn-Punkte-Programm.

  1. Rainer Stickelberger (stehend) stellte sich in Zell der Diskussion über den Landärztemangel. Foto: Heiner Fabry

ZELL. Die ärztliche Versorgung in der Region – und besonders im ländlichen Raum – ist ein Thema, das viele Menschen bewegt. Die SPD Zell hatte daher zu einer Veranstaltung eingeladen, bei der der Landtagsabgeordnete und ehemalige Landesjustizminister Rainer Stickelberger das "Zehn-Punkte-Programm" der Landes-SPD für mehr Landärzte vorstellte.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung von David Kaiser vom SPD-Ortsverein Zell, der die ärztliche Versorgung anhand von offiziellem Zahlenmaterial vorstellte. An die Präsentationen schloss sich eine lebhafte Diskussion mit zahlreichen Teilnehmern an. In seinem Referat unter dem Titel "Der Bergdoktor im Jammertal?" stellte David Kaiser die derzeitige Situation im ländlichen Raum dar. Die Organisation der Zulassung für Ärzte und Psychotherapeuten obliegt der Kassenärztlichen Vereinigung, die in der Bedarfsplanung mit den Organen der Krankenkassen zusammenarbeitet. Während es in 2000 noch 6229 niedergelassene Hausärzte in Baden-Württemberg gab, sank diese Zahl bis 2015 um zwölf Prozent auf 5473 Ärzte. Das entsprach 2015 einem Arzt für 1998 Patienten.

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Im Planungsbereich Schopfheim, zu dem auch das Obere Wiesental gehört, sind nach den Worten von David Kaiser derzeit 31 Allgemeinmediziner in Praxen niedergelassen oder angestellt. Das entspricht einer Planungs-Soll-Erfüllung von 109,5 Prozent (1698 Patienten pro Arzt). Bei einer Quote von 110 Prozent gilt ein Bereich als ausreichend versorgt. Das bedeutet, es werden keine Neuzulassungen von Ärzten mehr erteilt. Aber der demografische Wandel mache auch vor den Ärzten nicht halt. 73 Prozent der Hausärzte im Land seien älter als 50 Jahre, 35 Prozent gar älter als 60 Jahre. Konkrete Zahlen für den Planungsbereich Schopfheim seien aus Datenschutzgründen nicht zu erhalten gewesen.

Rainer Stickelberger stellte fest, dass diese Problematik nicht kurzfristig geändert werden kann. Die Landes-SPD habe aber in ihr Wahlprogramm einen "Zehn-Punkte-Plan" aufgenommen, nach dem die ärztliche Versorgung grundsätzlich überprüft werden solle. Für die SPD beginne die Arbeit mit den Ausbildungsbedingungen für angehende Ärzte. Es gebe heute zu wenig Studienplätze oder wegen des geltenden Numerus Clausus zu hohe Einstiegshürden. Grundsätzlich müssten, so Stickelberger, die "institutionellen Strukturen verändert" werden. "Für den Numerus Clausus und die Neuzulassung von Ärzten sind die Kassenärztlichen Vereinigungen zuständig", erklärte Rainer Stickelberger. "Aber das sind Ärzte, die über diese Regelungen maßgeblichen Einfluss auf die Zahl der zusätzlich benötigten Ärzte nehmen." Hier wie in der Besoldungsordnung für Hausärzte müssen Anpassungen erreicht werden, forderte Rainer Stickelberger. Generell plädierte Stickelberger dafür, die Kommunen sollten sich stärker als Partner der Ärzte profilieren und nach Möglichkeit günstige Ausgangsbedingungen für junge Ärzte schaffen. Das kann im Angebot von Wohn- und Arbeitsräumen bestehen, in der Schaffung einer guten Infrastruktur (Kindergarten, Schule, Internet und ÖPNV) oder in der Bereitstellung von Räumen für Gemeinschaftspraxen. "Das ist eine lohnende Aufgabe für Bürgermeister", betonte Rainer Stickelberger.



Debatte: In der Diskussion wurden viele der angesprochenen Punkte, von den Bürgern aufgegriffen. SPD-Gemeinderat Karl Argast aus Zell monierte, die Förderung des ländlichen Raumes komme grundsätzlich zu kurz. Er vermisse, dass sich die Kommunen stärker mit einer positiven Werbung für den ländlichen Raum einsetzen. Bildung und Ausbildung angehender Ärzte waren ein starkes Anliegen der Bürger. Eine Bürgerin schlug mit Nachdruck vor, den Numerus Clausus abzuschaffen. Hier werde nur nach Noten geurteilt, aber soziale Kompetenzen blieben unbeachtet. Weiter wurde kritisiert, dass sowohl die Besoldungspraxis wie auch der Handlungsspielraum der Hausärzte dringend verbesserungsbedürftig seien. Und es sei nicht nachvollziehbar, dass Allgemeinmediziner, die gut ausgebildet sind, vieles gar nicht selbst tun dürfen, sondern Patienten an einen Facharzt überweisen müssen.

Autor: Heiner Fabry