Zitronenpresse? Moschee?

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 17. August 2018

Theater

"Die Säulen der Hoffnung": Die Domfestspiele St. Blasien erzählen von der Geburt der Kuppelkirche.

St. Blasien, die kleine Stadt im Südschwarzwald, hat 4000 Einwohner. 200 davon stehen zurzeit auf der Bühne. Was heißt Bühne? Das Portal des Doms, einst drittgrößte Kuppelkirche in Europa, ist die grandioseste Kulisse, die sich vorstellen lässt. Der Bau, Schauplatz der Domfestspiele, raubt einem ob seiner Dimensionen jedes Mal aufs Neue den Atem. Was für ein kühner Visionär war hier am Werk! Es liegt nahe, dass sich die Festspiele zum 25jährigen Bestehen der überragenden Persönlichkeit des Fürstabts Martin Gerbert widmen, der als Franz Dominik Bernhard und Sohn eines angesehenen Bürgers in Horb geboren wurde und als Fünfjähriger Zeuge einer verheerenden Brandkatastrophe in dem Städtchen am Neckar wurde. Dieses Ereignis, so die Lesart von Wolfgang Endres, Spiritus Rector der Domfestspiele und zum fünften Mal ihr Regisseur, hat den Bub für sein Leben geprägt.

Deshalb beginnt Endres’ in elf Bildern erzähltes Stationendrama "Die Säulen der Hoffnung" mit dieser traumatischen Erfahrung: Auf das Portal des Doms wird – erstmals eingesetzte moderne Technik macht es möglich – ein Flammenmeer projiziert, aus dem Innern der Kirche dringt Rauch: Und vorn liegt der kleine Franz im Bettchen und betet inbrünstig: Lieber Gott, mach, dass das Feuer ausgeht. Die flehende Bitte wird zum Leitmotiv der fast dreistündigen Inszenierung. Immer wieder wird der Heranwachsende mit dem zerstörerischen Element konfrontiert: Die tief sitzende Angst lässt ihn weltliche Liebe verschmähen und ins Kloster eintreten. Die Damenwelt ist nicht amüsiert: Wie kann, fragt ein prächtig ausstaffiertes Quartett von Bürgerinnen, ein junger Mann sich der Keuschheit verschreiben, ohne zu wissen, was ihm entgeht? Das wäre ja so, als würde sich die Raupe dem Fliegen verweigern, ohne zu wissen, dass sie ein Schmetterling wird.

An dieser Stelle muss ein Lob den wahren Heldinnen dieses grandiosen Spektakels vor 1600 Premierenzuschauern auf der kirchenbreiten Tribüne ausgesprochen werden: Drei Jahre lang hat ein Team von Schneiderinnen an den historischen Kostümen der Mitwirkenden gearbeitet. Man möchte sich nicht vorstellen, wie viele Meter Stoff durch die Hände dieser Frauen gegangen sind. Das Ergebnis ist fulminant: Das 18. Jahrhundert, die Epoche der Aufklärung, ersteht buchstäblich leibhaftig vor den Augen des staunenden Publikums: Mönche, Nonnen, Bauern, Bürger, Soldaten, das ganze Spektrum. Und als fantastisches Element die mit Vogelköpfen und schwarzen Flattergewändern maskierten Pestvögel des Nostradamus: Sie künden Unheil und Verderben, zuletzt skandieren sie: "Lügenpresse". Sie sind das dunkle, zerstörerische Element der Inszenierung.

Damit es nicht überhand gewinnt, steht ihm die heilige Hildegard von Bingen mit ihren Schwestern gegenüber. Hildegard leugnet das Leid der Welt nicht, aber verspricht Linderung und Heilung. Das Gute und das Böse: Beide Figuren werden meterhoch auf die Portalflügel des Doms projiziert – wo sie auch von einer Gruppe von Smartphone-Jugendlichen entdeckt werden. Die Heranwachsenden treten immer wieder als Beobachter des Geschehens auf und kommentieren es: Wie kann es sein, dass Gott das Leid in der Welt zulässt, Kriege, Seuchen, Katastrophen, Genozid? Es ist die alte Frage der Theodizee, die erstmals nachhaltig durch das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 erschüttert wurde, bei dem 60 000 Menschen ums Leben kamen. Ihm räumt auch die Aufführung den ihm gebührenden Platz ein.

Es wird überhaupt viel aufklärerisches Gedankengut verhandelt. Besonders nach der Pause: Da schreitet der Abt, verkörpert von Pater Klaus Mertes, dem Leiter des Kollegs St. Blasien, nach der Zerstörung der barocken Klosterkirche durch den zweiten Brand, den er erlebt, zur Großtat: Diverse bedeutende Männer seiner Epoche versammeln sich zwecks Planung der Kuppelkirche – darunter auch ein Freund des Dramatikers Lessing. Er bringt der versammelten Zuhörerschaft die berühmte Ringparabel aus "Nathan der Weise" nahe. Sie hat in diesen islamophoben und zunehmend antisemitischen Zeiten ungeahnte Aktualität gewonnen.

Damals bedurfte es womöglich einer philosophischen Legimation: Denn die innovativen Pläne des Abtes stießen bei seinen Mönchen auf Ablehnung. Was das denn sein solle, lässt der Regisseur zwei Fratres lästern: Eine riesige Zitronenpresse? Eine Moschee im Schwarzwald? Den St. Blasiern hat Martin Gerbert auf jeden Fall ein großes, übergroßes Erbe überlassen. Er selbst sah in seinen letzten Tagen wieder Unheil über dem Dom heraufziehen: "Hass macht die Menschen zu Tieren", lässt ihn Endres sagen. Das wichtigste Wort für ihn sei: Barmherzigkeit. Aber da marschieren sie schon ein, die Truppen des Napoléon Bonaparte …

"Die Säulen der Hoffnung" sind ein überaus ambitioniertes Unterfangen. Manchmal geht der Gedanken Schwere zu Lasten der Dynamik. Doch die lebenden Bilder aus Menschen und Projektionen sind überaus eindrucksvoll. Nur den Moderator mit seinem grausigen Verschnitt des Monologs von Kleists Prinz von Homburg hätte man sich sparen können.

Weitere Vorstellungen am 18. und 19. August, 21 Uhr.