Zuhörer sind mitten im Geschehen

Bernhard Kleine

Von Bernhard Kleine

Do, 12. Juli 2018

Lenzkirch

Freiburger Bachchor und Ma’ayan Chor aus Tel Aviv in Lenzkirch.

LENZKIRCH. Beim Konzert des Bachchores aus Freiburg mit dem Partnerschaftschor Ma’ayan Chor aus Tel Aviv in der St. Nikolauskirche in Lenzkirch haben fast 140 Sängerinnen und Sänger ihre Klanggewalt demonstriert. Das hat es in Lenzkirch, wenn überhaupt, lange nicht gegeben. Schon der Anfang war grandios: Ein zwölfstimmiges "Gloria" von Giovanni Gabrieli. Von vorne und von beiden Seiten wurden die Zuhörer besungen, alle Hörer waren mitten im Geschehen.

Unter der Leitung von Theodor Egel und dann von Hans Michael Beuerle und jetzt unter Hannes Reich ist der Bachchor seit der unmittelbaren Nachkriegszeit eine stabile Größe des Freiburger Musiklebens. Anders der Ma'ayan Chor aus Tel Aviv: Offiziell gefördert von Ministerien in Israel hat er seit seiner Gründung 1974 sowohl dort als auch im Ausland zahlreiche Konzerte gegeben, auch mit renommierten Orchestern.

Unter der sehr subtilen Leitung von Anat Moragh sang der Ma’ayan-Chor von Misha Segal das rezitative "Vogel der Seele", danach von Felix Mendelssohn-Bartholdy das "Sanctus" aus dem Oratorium Elias mit ziemlich engelsgleichem Sopran, was spontanen Beifall hervorrief, danach mit Dary Nof als Sopransolistin ein "Ave Maria" des Esten Urmas Sisask. Nach einem "Schild für unsere Väter" von Yehezkel Braun sang der Chor "Goldenes Jerusalem" von Naomi Shemer, das für den Autor unteilbar mit dem Sechstage-Krieg 1967 verbunden ist und in Israel wie eine zweite Nationalhymne verehrt wird. Auch bei diesem Stück ragen die wunderschön klaren Sopranistinnen hervor.

Danach sang der Bachchor das doppelchörige "Ehre sei Gott" (WoO 26) von Mendelssohn-Bartholdy, und danach von Benjamin Britten den "Hymnus an die Jungfrau", auch doppelchörig, wobei ein Chor englisch, der andere lateinisch singt. Diese beiden Gesänge werden wunderbar klar und durchsichtig vorgetragen. Der Bachchor sang ohne Orgelbegleitung. Bei der Ouverture des Mendelssohn’schen Oratoriums Paulus, das zu einer Choralbearbeitung des "Wachet auf uns, ruft und die Stimme" wird, konnte die junge Organistin Annette Drengk ihr Können aufblitzen lassen. Sie hatte schon eingangs aus einer Orgelsonate von Mendelssohn vorgetragen und den Ma'ayan-Chor begleitet. So schön hat man lange nicht mehr die Lenzkircher Orgel gehört. Drengk ist Studentin an der Freiburger Musikhochschule und mehrfache Preisträgerin, unter anderem bei Jugend musiziert. Danach sangen beide Chöre gemeinsam wieder von Mendelssohn den 43. Psalm "Richte mich Gott" zu acht Stimmen. Es folgten zwei Fest- und Gedenksprüche von Johannes Brahms aus Op. 109: "Unsere Väter hofften auf dich" und "Wo ist ein so herrlich Volk", die Brahms kurz nach der Einigung Deutschlands als Kaiserreich komponierte. Im Anschluss sang der Ma’ayan-Chor ein Piyut "Der Herr, unser Fels", ein traditionelles Lied, mit dem Juden ihre Freude ausdrücken, dass sie das Schabbat-Fest feiern dürfen. Ein weiteres Lied von Naomi Shemer "Die weiße Stadt" folgte, begleitet von der Orgel. Dann sang der Chor mit Noa Oved als Solistin den Song "Turteltaube" von Ralph Vaughan Williams. Danach brachte er ein ziemlich rhythmisches "Salve Regina" des Esten Sisask. Jetzt wieder beide Chöre gemeinsam: Erst Mendelssohns "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen", danach eine achtstimmige Bearbeitung von Robert Schumanns "Schlafe nun und ruhe" im Vorgriff auf die Aufführung des Oratoriums "Das Paradies und die Peri".

Annette Drengk ließ danach auf der Orgel zwei Studien von Schumann aus Op. 56 erklingen, die die Zuhörer zu spontanem Beifall nach der ersten und anhaltendem Applaus nach der zweiten Studie animierten. Im Anschluss sangen beide Chöre unter der Leitung von Anat Moragh das achtstimmige "Denn er hat seinen Engel befohlen" aus Psalm 91 von Mendelssohn. Ein wunderschönes romantisches Werk. Die schönsten Momente waren dann, wenn der Chor nur mit halber Lautstärke sang. Zum Abschluss erklang Josef Rheinbergers "Abendlied" aus Op.69 (Drei geistliche Gesänge), ein bekanntes Werk, auch hier bremste Anat Moragh gekonnt die Masse der Sänger in einen angenehmen Wohlklang.

So viele Sänger und acht- und zwölfstimmige Chormusik wird man in der St.Nikolaus-Kirche auf absehbare Zeit nicht mehr erleben. Man kann Pfarrer Buchmüller nur dankbar sein, dass er den Deal "Proben in der Kirche in Schluchsee" gegen "Konzert in Lenzkirch" ausgehandelt hatte. Zum Schluss gab es lang anhaltenden Beifall für Chor, die Dirigenten und die Organistin.