Zwei Männer und ihr Gespür für Schnee

Stefan Zahler

Von Stefan Zahler

Sa, 27. Januar 2018

Reise

Von Obereggen in die weite Welt hinaus: Die Kunst des Schneemachens wurde in den 1980er Jahren in einem kleinen Dorf in Südtirol perfektioniert.

Die ersten Nörgler ließen nicht lange auf sich warten – überraschen konnten sie die Verantwortlichen mit ihrer Kritik gleichwohl nicht. Zum einen kennen sie das Problem, zum anderen waren sie unschuldig. Wenn "Höhere Gewalt" wörtlich genommen werden kann, traf der Begriff in diesem Fall nämlich zu. Frau Holle war es, die den einen oder anderen Pistenskifahrer aus dem Tritt, vielleicht auch ins Fallen gebracht hatte. Die hatte es seit vielen Jahren mal wieder gewagt, ihr Bett im Frühwinter so richtig auszuschütteln. Das Ergebnis im Südtiroler Obereggen war ein Winterwunderland mit einer Schneepracht, die sich sanft auf Häuser, Bäume, Sträucher, Wiesen und Felsen legte. Und auf die Pisten und damit offensichtlich manchen Hobbyskifahrer überforderte, der nur auf perfekten Pisten zurechtkommt.

Das Skigebiet am Fuß der mächtigen Latemar-Gruppe ist preisgekrönt für seine bestens präparierten Pisten. Die Natur setzt aber Grenzen – wenn es sehr viel schneit oder der Schneefall nach der Präparierung in den frühen Morgenstunden einsetzt.

So ereilt Obereggen hin und wieder der Fluch der guten Tat. Und des technischen Fortschritts. Der an diesem beschaulichen Ort, der eine knappe halbe Stunde von Bozen entfernt auf einer Hochebene liegt, seinen Ursprung hat.

1970 ist Obereggen wie viele andere Bergdörfer im Alpenraum eine strukturschwache Gemeinde. Von der Gründung einer Liftgesellschaft und dem Bau der ersten Liftanlagen 1972 erhofft sich das Dorf einen wirtschaftlichen Aufschwung mit neuen Arbeitsplätzen.

Der Einstieg in die Welt des Skisports verlief in Obereggen durchwachsen. Nach einigen schneearmen Wintern Anfang der 80er Jahre wurde ein Schneeerzeuger aus den USA angeschafft. Für teures Geld und untauglich für die Temperaturen auf der Alpensüdseite. Walter Rieder und Georg Eisath, Betriebsleiter der Obereggen AG und passionierte Bastler, nahmen sich der technischen Herausforderung an. "Damals haben wir noch nicht daran gedacht, dass wir damit erfolgreich sein könnten", erinnert sich Rieder, "wir wollten eigentlich nur Maschinen bauen und ein Problem unseres Skigebiets lösen." Nach und nach allerdings hätten die Skigebiete der Umgebung Interesse bekundet. Es war wohl die Geburtsstunde der modernen Schneeproduktion.

"Die Liftgesellschaft hat sich damals finanziell beteiligt", sagt Erich Thaler, Hotelier in Obereggen und Vorsitzender des Tourismusverbands, "sie hat an die Idee und an die Leute geglaubt."

Rieder, Eisath, die beiden Techniker, wurden gemeinsam mit dem Kaufmann Erich Gummerer mit der Gründung der Firma Techno-Alpin zum Glücksfall und Wirtschaftsmotor für den alpinen Wintersport in Südtirol – und vieler Skiregionen rund um den Globus. Das Unternehmen mit Sitz in Bozen ist nach Angaben von Tourismuschef Thaler Weltmarktführer im Bereich Kunstschneeerzeuger mit einem Jahresumsatz zwischen 150 und 180 Millionen Euro.

Vier Tage braucht es heute bei entsprechenden Kältegraden, um das komplette Skigebiet in Obereggen zu 100 Prozent zu beschneien. Kostenpunkt inklusive Amortisationskosten: rund 400 000 Euro. "Heutzutage brauchen Skigebiete diese Sicherheit. Wenn man die nicht bieten kann, wirkt sich das auf das Buchungsverhalten der Urlauber aus", sagt Thaler und ergänzt: "Die mechanische Beschneiung hat den Tourismus am Leben erhalten."

Obereggen ist ein Familienskigebiet. Breite Pisten, nicht allzu steiles Gelände, eine gute Gastronomie und das alles in einer der schönsten Landschaften des ohnehin verwöhnten Südtirol. Bis zu 13 Angestellte der Liftgesellschaft kümmern sich um die optimale Präparierung der Pisten. Die Kunst der "Schneemacher" ist, den richtigen Zeitpunkt der künstlichen Beschneiung zu erwischen. Die Außentemperatur muss dabei genauso stimmen wie die Menge und die Temperatur des Wassers sowie die Luftfeuchtigkeit, damit das zerstäubte Wasser sich in perfekte Eiskristalle verwandelt. Zudem gilt es zu klären: Wo wird zuerst beschneit? An welchen exponierten Stellen muss die Grasnarbe besonders geschützt werden? Wie stark muss die Kunstschneedecke sein? Wie wirkt sich Naturschnee auf die Beschaffenheit der Piste aus?

Es ist eine Wissenschaft für sich. Ohne die die Zukunft des Wintertourismus düster aussähe. Das mag ein Grund dafür sein, warum das Thema Beschneiung Umweltschützern längst nicht mehr die Zornesröte ins Gesicht steigen lässt. "Man kann keinen Tourismus gegen die Umwelt betreiben", ist Erich Thaler sicher und zählt die Vorteile der künstlichen Beschneiung auf: Dem Gras schade sie nicht, der Almwirtschaft genauso wenig. Das Wasser werde in drei Speicherseen vorgehalten, der Strom für die Lift- und Beschneiungsanlagen werde mit erneuerbaren Energieträgern erzeugt.

Die Gemeinde Deutschnofen, zu der auch Obereggen zählt, hat rund 4000 Einwohner, 500 Arbeitsplätze hängen nach den Worten von Erich Thaler vom Tourismus ab. Sie alle tragen ihren Teil zum Erfolg bei – nur Frau Holle tanzt trotz des nicht zu übersehenden Klimawandels zumindest hin und wieder mal noch aus der Reihe. Erich Thaler und Co. können damit allerdings gut leben – besser jedenfalls als mancher Skitourist.