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21. August 2012

Kino

Das One-Minute-Festival: Kurzfilme in Aarau

Ein Kinofilm auf eine Minute komprimiert: Das One-Minute-Festival Aarau zeigte, wie das geht.

  1. One Minute Festival Foto: One Minute Festival

  2. One Minute Festival Foto: Benedikt Müller

AARAU. "Warum in anderthalb Stunden eine Geschichte in Hollywood-Manier ansehen, wenn ich mir in der gleichen Zeit 90 kleine, aber feine Geschichten erzählen lassen kann?" Frei nach diesem Motto des Schweizer Hörfunkjournalisten Patrick Vogt trafen sich am Wochenende etwa 1 500 Freunde des besonders kurzen Films in Aarau. Doch beim One-Minute-Festival war nicht nur Zuschauen, sondern auch Abstimmen und Mitmachen angesagt.

Es dürfte für jeden Künstler schmerzhaft sein, um Applaus betteln zu müssen. Dustin Rees tut das in seinem Kurzfilm auf amüsante Art und Weise: Sobald die vier Buchstaben "Clap" auf der Leinwand aufleuchten, klatscht das Aarauer Publikum artig in die Hände. Dadurch verhilft es unter anderem der Protagonistin im Film, eine nervige Fliege zu töten. Und es klatscht dem Piloten eines Spielzeugflugzeuges nach butterweicher Landung reichen Beifall. 60 Sekunden dauert der Spaß, dann bekommt auch der Schweizer Filmemacher seinen Applaus.

Dustin Rees gehört zur Stammbesetzung des One-Minute-Festivals. "Ich freue mich immer wieder auf Aarau", verrät der Produzent diverser Trailer und Trickfilme, der im vergangenen Jahr den hiesigen Publikumspreis gewonnen hatte. Diesmal zeigt Rees in einem Workshop, wie man die Handlung eines Trickfilms entwirft, und in seiner Werkschau, was er in den vergangenen Jahren alles animiert und produziert hat. Ein Highlight sind Rees’ "Vier Jahreszeiten im Dschungel": Im Herbst findet die verzweifelte Giraffe keine Blätter auf den Bäumen, reißt sich deshalb einen ihrer braunen Flecken heraus und verspeist ihn missmutig. Das Publikum im klimatisierten Oval genießt die vielen witzigen Ideen, die es in einer knappen Stunde Werkschau geboten bekommt.

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"Ich bin extra aus Köln hierher gekommen", erzählt Myrite Herden, die unter dem Namen Wilda WahnWitz seit mehreren Jahren Kurzfilme in Aarau einreicht. "Dieses Jahr passte es gerade, vorbeizukommen." Ein Spitzenfestival sei das One Minute, lobt Herden vor allem die praktischen Workshops und den Instant-Wettbewerb.

Zu diesem schwärmen am Samstagmittag neun Filmemacher-Teams aus. Sie haben drei Stunden Zeit, einen Hollywood-Klassiker in nur einer Minute nachzuspielen – ohne Schnitt oder Nachbearbeitung. "Das ist natürlich extrem schwierig, aber die Resultate sind interessant", berichtet Festivalchef Stephan Filati, kleine Parodien seien entstanden. Das Publikum wählt Dylan Penevs 60-Sekunden-Version von "Indiana Jones" zum Instant-Sieger.

In der Kategorie Spiel- und Dokumentarfilm gewinnt Thaïs Odermatt den mit 500 Franken dotierten One Minute Award. Ihr Einminüter "Die Schafmacher" nimmt wie einst "Die Schweizermacher" die schweizerische Integrationspolitik aufs Korn. In Anspielung auf die Schweizerische Volkspartei erklärt ein Schafhirte im Film: "Jede Rasse hat ihren Vorteil." Schwarze Schafe gälten beispielsweise als die zahmeren Schafe.

Doch auch der regionale Filmnachwuchs steht mit drei eigenen Kategorien im Mittelpunkt. "Es war cool, meinen Film auf so einer großen Leinwand zeigen zu dürfen", sagt Noah Horlacher. Sonst präsentiert der 14-Jährige seine Werke im Internet, jetzt habe er die vielen Leute und die Atmosphäre genossen.

Als Stephan Filati vor neun Jahren das erste One Minute in Aarau organisiert hatte, hatten die Filmemacher noch kein Publikum per Mausklick. "Wir wollten eine Plattform schaffen", erinnert sich der Festivalchef. Von Jahr zu Jahr fanden mehr Kurzfilme und deren Fans den Weg zum komplett ehrenamtlich organisierten Festival. Nur dieses Jahr verzeichnen die Veranstalter einen deutlichen Rückgang – wohl wetterbedingter Natur: "Man merkt, dass die Leute eher ins Schwimmbad gehen bei dieser Hitze", stellt Filati fest.

Einige sonnige Spazierminuten vom Festivalzentrum entfernt versteckt sich das Nischenkino Freier Film Aarau, bis vor drei Jahren noch einziger Spielort des One-Minute-Festivals. Wer die Tür der ehemaligen Druckerei vorsichtig öffnet, bekommt nicht erst Popcorn angeboten, sondern steht direkt vor dem schwarzen Vorhang. Lugt man hindurch, fährt auf der Leinwand gerade ein kleiner Junge einen Einkaufswagen immer wieder gegen einen Mann, der an der Kasse ansteht. Bis sich dieser die Milchtüte des Jungen schnappt, sie öffnet und über das schockierte Kind schüttet. Der finale Hinweis "Nach einer wahren Begebenheit" bringt das Publikum zum Schmunzeln. Nach 45 Kurzfilmen dieser Art am Stück wundert man sich, wie schnell die knappe Stunde doch vergangen ist.

Autor: Benedikt Müller