Alles kann passieren

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 17. Januar 2019

Literatur & Vorträge

Schalansky, Stanisic, Würger, Nawrat, Bishop, Pehnt: Das neue Winterprogramm des Freiburger Literaturhauses.

"Nehmt Euch in Art": Dieser von Andreas Töpfer in eine Zeichnung umgesetzte Sprachwitz hat das Zeug dazu, ein Lieblingsspruch des Freiburger Literaturhauses zu werden. Da steckt viel drin: Kunst fordert heraus, kann sogar gefährlich werden – und man ist zugleich aufgefordert, sich in ihre Obhut zu begeben: Dann kann man neue Erfahrungen machen. Erfahrungen literarischer Art möchte das von Martin Bruch und Katharina Knüppel geleitete Haus auch in seinem dritten Winterprogramm vermitteln. Bis Ende März dauert die Saison. Und sie will möglichst viele Leserinnen und Leser, Schreiberinnen und Schreiber, Gestalterinnen und Gestalter ansprechen – wie immer auch mit einem reichen Angebot für Kinder und Heranwachsende zwischen fünf und vierzehn.

Ins Programm haben die Kuratoren erstmals ein Sachbuch aufgenommen. Die Architektin Ursula Muscheler hat sich nach ihrem Buch über das rote Bauhaus mit den Frauen um Walter Gropius beschäftigt. Ihre Lesung am 22. Januar ist die erste der Saison. Einer großartigen Dichterin hat der Lyriker Stephan Popp die Reverenz erwiesen, indem er ihre Gedichte übersetzt hat. Am 31. Januar präsentiert er Lyrik von Elizabeth Bishop. Zu den prominentesten Autorinnen, die in Freiburg zu Gast sind, zählt Judith Schalansky mit ihrem im Herbst erschienenen Buch "Verzeichnis einiger Verluste" – auch keine fiktive Literatur im klassischen Sinn. Schalansky berichtet von realen Begebenheiten aus mitunter entlegenen Weltgegenden. Ein sehr gern gesehener Gast in Freiburg ist der charmante Sasa Stanisic, der aus "Herkunft" liest: Geschichten über Abschied und Ankommen. Mit dem Spiegel-Redakteur Takis Würger ("Stella") kommt ein neuer Shootingstar nach Freiburg, während Matthias Nawrat, der in Freiburg die ersten literarischen Schritte getan hat, aus seinem dritten Roman "Der traurige Gast" liest.

Mit Annette Pehnt ist die prominenteste Freiburger Autorin auf dem Podium. Sie hat ihrer Liebe zu Amrum Ausdruck verliehen und liest in der Reihe "Andruck". Mit Freiburger Beteiligung geht auch ein neues Format über die Bühne: Die vor fünf Jahren in Dresden gegründete Reihe "Lyrik ist Happening" , die Dichtung und Klangkunst zusammenbringen will, findet erstmals an einem anderen Ort statt: Der Berliner Lyriker Max Czollek ("Desintegriert euch!") performt mit dem Dresdner Munka Klangkollektiv und dem hiesigen Südufer-Chor. Ein beliebtes Freiburger Format geht in eine weitere Runde. "The Art of Being" hat zum zweiten Mal das Betrunkensein im Visier.

Das Lesungsformat lassen viele Veranstaltungen hinter sich. Dazu gehört besonders das "Polittheater! "Alles kann passieren!" Nach einer Idee des Chefredakteurs der Wiener Wochenzeitung Falter hat der Schriftsteller Doron Rabinovici Statements von rechten Populisten in Europa zu einem "Stimmenorkan gegen die offene Gesellschaft" zusammengestellt. Nach einer szenischen Lesung mit Schauspielern des Theaters im Marienbad findet eine Diskussion mit dem Initiator Florian Klenk statt. Das Literaturhaus versteht sein Angebot als Reflex auf aktuelle politische Fragestellungen – etwa auch bei Jahn Wrays Roman "Gotteskind", der die Rekrutierung sinnsuchender Westler durch islamische Terroristen zum Thema hat.