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07. November 2017 09:21 Uhr

Zehnter Prozesstag

Altersgutachterin: Hussein K. ist mindestens 22 Jahre alt

Hussein K. ist zwischen 22 und 26 Jahren alt – zu diesem Schluss kommt eine Altersgutachterin im Mordprozess im Fall Maria L. Folgt das Gericht ihrer Einschätzung, droht K. eine lebenslange Freiheitsstrafe.

  1. Ursula Wittwer-Backofen, Gutachterin für Forensische Anthropologie der Uni Freiburg, sagte am Dienstag über einen Zahn des Angeklagten aus. Foto: dpa

  2. Ursula Wittwer-Backofen Foto: dpa

  3. Sabine Lutz-Bonengel, rechtsmedizinische Gutachterin aus Freiburg, war die erste Zeugin am Dienstag. Foto: dpa

  4. Andreas Schmeling, Gutachter des Instituts für Rechtsmedizin in Münster Foto: dpa

Fazit

17.30 Uhr Ein wichtiger Verhandlungstag im Mordprozess gegen Hussein K. ist beendet. Zwei Gutachter kommen zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat älter als 21 Jahre alt war. Gutachterin Ursula Wittwer-Backofen geht von einem Alter zwischen 22 und 26 Jahren aus, Gutachter Andreas Schmeling von einem wahrscheinlichen Alter von 22 bis 23 und einem Mindestalter von 19 Jahren.

Gutachter Schmeling hält K. für wahrscheinlich 22 bis 23 Jahre alt

17.15 Uhr Jetzt wird der nächste Sachverständige gehört. Es handelt sich um Professor Andreas Schmeling, stellvertretender Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Münster. Sein Spezialgebiet ist die forensische Altersdiagnostik bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er hat mehr als 1000 Altersbegutachtungen vorgenommen und gilt als Koryphäe in seinem Bereich.

Schmeling hat keine persönliche Untersuchung von Hussein K. vorgenommen. Er hat sein Gutachten anhand diverser ärztlicher Dokumente und anhand von Röntgenbilder der Hand und des Gebisses sowie Computertomographie-Aufnahmen von Brust- und Schlüsselbein erstellt.

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Begutachtet wurden auch K.s Weisheitszähne: Beide Unterkiefer-Weisheitszähne hatten die vorletzte Stufe ihrer Entwicklung erreicht. Er habe auch mehrere Röntgenaufnahmen der Hand ausgewertet. Dabei habe er festgestellt, dass die Entwicklung des Handskeletts bei K. vollständig abgeschlossen gewesen sei, so Schmeling. Beim linken Schlüsselbein habe das Verknöcherungsstadium 3c vorgelegen.
"Das ist hier der erste Fall, der mir bekannt ist, in dem ein extrahierter Zahn zur Analyse vorgelegen hat." Gutachter Andreas Schmeling
Sein Resümee: Alle Untersuchungen zusammengenommen, liege das absolute Mindestalter des Angeklagten zum Zeitpunkt der Festnahme bei 19 Jahren. Das ist für ihn der unterste mögliche Wert. Das wahrscheinliche Lebensalter bezifferte er auf 22 bis 23 Jahre.

Die Zahnzementanalyse spielt im Repertoire von Professor Schmelings Methoden zur Altersbestimmung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Rolle, wie er auf Nachfrage von Nebenklagevertreter Bernhard Kramer erklärt. Das liege schlicht daran, dass es sehr selten sei, dass ein Zahn eines zu Begutachtenden untersucht werden könne. Schmeling: "Das ist hier der erste Fall, der mir bekannt ist, in dem ein extrahierter Zahn zur Analyse vorgelegen hat."

Das Fazit der Gutachterin

"Wenn man alle Merkmale zusammennimmt, dann ergibt sich ein wahrscheinliches Alter, das im Bereich von 22 bis 26 Jahren liegt." Ursula Wittwer-Backofen
16 Uhr Professorin Wittwer-Backofen zieht nun ein Fazit ihrer gesamten Untersuchungen: Gravierende Entwicklungsstörungen lägen beim Angeklagten nicht vor, bilanziert sie. Nichts deute daraufhin, dass es einen Einfluss auf seine Skelettreife gegeben habe. "Wenn man alle Merkmale zusammennimmt, dann ergibt sich ein wahrscheinliches Alter, das im Bereich von 22 bis 26 Jahren liegt."

Diese Aussage bezieht sich etwa auf den Zeitpunkt der Festnahme Hussein K.s Anfang Dezember 2016, als die Untersuchung gemacht wurde.

Weitere Aussage zur Altersbestimmung des Angeklagten

15:30 Uhr Nach der Mittagspause wird weiter die Sachverständige Ursula Wittwer-Backofen gehört. Neben der Zahnanalyse hat sie noch ein weiteres Teilgutachten zur Alterseinschätzung getätigt, indem sie körperliche Merkmalen des Angeklagten anhand von Fotos begutachtet hat. Die Fotos stammen unter anderem aus den erkennungsdienstlichen Behandlungen in Griechenland und Deutschland.

Bewertet wurden Bartwuchs, Aussehen der Brustwarzen oder auch die Entwicklung der Schambehaarung. Genaue Einschätzungen sind anhand dieser Merkmale nicht möglich - nur die allgemeine Aussage, dass der Angeklagte das Erwachsenenalter erreicht hat. Die Schambehaarung habe sich, so Wittwer-Backofen, auf den Oberschenkel ausgeweitet und zwar in der Art, wie sie laut Literatur bei Menschen ab Mitte 20 auftrete.

Auch die Entwicklung von Handskelett, Brustbein- und Schlüsselbeingelenk sowie die Schädelbasis wurde untersucht; hier insbesondere die sogenannte "Wachstumsfuge". Eine Verschlussnarbe für diese Fuge sei auf den Röntgenbildern nicht mehr sichtbar, so die Sachverständige. Oft sei diese Narbe bis zum Alter von 25 Jahren sichtbar - dies sei jedoch nicht immer so.

Ausführliche Diskussion des Gutachtens

13 Uhr Wahrscheinlich ist noch niemals zuvor in einem Prozess so viele Stunden über einen einzelnen Eckzahn gesprochen worden. Für das Urteil könnte das Zahngutachten am Ende eine besondere Bedeutung haben, deswegen diskutiert das Gericht eingehend über das Zahngutachten mit der Sachverständigen Ursula Wittwer-Backofen. Es geht um mögliche Fehlerspannweiten und statistische Wahrscheinlichkeiten.

Verteidiger Sebastian Glathe hakt noch einmal nach, ob eine Stoffwechselerkrankung oder die Einnahme von Cortison den Zahnzement verändern könnten. "Da passiert nichts, was die Quantität der Ringe betrifft", so die Antwort der Expertin, die in Deutschland zu den führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet zählt.

Das Gericht verabschiedet sich in die Mittagspause. Zwischenfazit: Für den Angeklagten könnte es am Ende schwere Folgen haben, dass er nach dem Zahnarztbesuch den gezogenen Eckzahn aufbewahrt hat.

Das Ergebnis der Zahnanalyse

11.45 Uhr Nach dem langen Vorlauf zur Frage, wie die Zahnanalyse funktioniert, wird es nun konkreter. Was hat die Untersuchung des Asservates mit der Nummer 14.2.2.2.25.48 ergeben? Dabei handelt es sich um einen Eckzahn aus dem Oberkiefer des Angeklagten. Er wurde von einem Zahnarzt gezogen, weil es eine vollständige Überlagerung mit einem anderen Zahn gegeben hatte. Relevant für die Untersuchung sei der obere Anteil der Zahnwurzel gewesen, so Wittwer-Backofen. Die Zahnkrone ging an die Rechtsmedizin für den DNA-Test.

Die Zahnwurzel wurde im Labor in zehn Schnitte von 70 bis 80 Mikrometern Stärke unterteilt. Diese Schnitte wurden dann unters Mikroskop gelegt. Die für die Altersbestimmung entscheidenden "Hell-Dunkel-Banden" wurden von Professorin Wittwer-Backofen selbst und einer erfahrenen Mitarbeiterin ausgezählt.

Laut Zahnzementanalyse von Professorin Wittwer-Backofen ist Hussein K. 25,8 Jahre alt. Der Zahn wurde Hussein K. nach Angabe von Staatsanwalt Eckart Berger am 11. Februar 2016 gezogen – acht Monate vor der Tat. Damit wäre der Angeklagte bei der Tat – im mittleren Wert - 26 Jahre alt gewesen. Die Altersspannweite zur Tatzeit reicht allerdings von 23 bis 30 Jahren. K. wäre damit auf jeden Fall deutlich über 21 Jahre alt.

Würde das Gericht am Ende dieser Einschätzung folgen, könnte Hussein K. bei einem Schuldspruch nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Das heißt: Ihm würde dann lebenslange Haft und möglicherweise auch noch anschließende Sicherungsverwahrung drohen.

Wie funktioniert die Zahnanalyse?

"Jahresringe bei Bäumen sehen ähnlich aus." Ursula Wittwer-Backofen über die Altersbestimmung mit Zähnen
11 Uhr Jetzt wird dem wohl wichtigsten Beweismittel der Staatsanwaltschaft auf den Zahn gefühlt. Die bekannte Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen hat den Zahn des Angeklagten untersucht - anhand einer Analyse des Zahnzements.

Zunächst erklärt die Expertin, wie die Methode funktioniert. Im Zahnzement gibt es Ablagerungen, in denen sich die Jahreszeiten wie Sommer und Winter ablesen und zählen lassen: "Jahresringe bei Bäumen sehen ähnlich aus." Die Professorin selbst hat die maßgebliche Studie zu dieser Art der Analyse verantwortet; dabei wurden rund 400 Zähne untersucht. Die Variationsbreite - das heißt die mögliche Abweichung - liege bei 2,5 Jahren.

Die Methode der Zahnzementanalyse stammt aus der Wildbiologie und wurde erst Ende der 1980er-Jahre erstmals auch bei Menschen angewandt. Ihr Vorteil: Umweltbedingungen können das Ergebnis nicht verfälschen - anders als etwa bei Haaren, weil man einen klaren saisonalen Rhythmus sieht.

Richterin Kathrin Schenk hat sich sehr gut vorbereitet und fragt umfassend nach. So gebe es eine Arbeitsgruppe in Berlin, die zu größeren Abweichungen als 2,5 Jahre kommt. Und es gibt eine litauische Studie, die bei Menschen unter 50 Jahren zu einer Abweichung von 3,71 Jahren kommt. Für diese Studie in Litauen seien aber nur 227 Zähnen untersucht worden. "Je geringer die Zahl, desto höher die Standardabweichung", so Anthropologin Wittwer-Backofen.

Bei Zähnen von jüngeren Menschen sei es einfacher, die "Jahresringe" zu zählen, als bei älteren. Weil dort eben mehr gezählt werden müsse, könne es mehr Abweichungen geben, so die Sachverständige auf Nachfrage von Staatsanwalt Eckart Berger.

Mithilfe der Zahnanalyse lasse sich ein Alter besser feststellen als etwa durch Wachstumsmerkmale, die Beurteilung von Schädel- oder anderen Knochen oder durch Reifungsmerkmale. "Das Gebiss ist am Besten alterskorreliert", so Wittwer-Backofen auf weitere Nachfrage des Staatsanwaltes.

Aussage der Zahn-DNA-Gutachterin

"Es gibt keine Zweifel daran, dass es sich um den Zahn des Angeklagten handelt." Sabine Lutz-Bonengel
9.30 Uhr Als erste Expertin am zehnten Verhandlungstag kommt die Diplom-Biologin Sabine Lutz-Bonengel von der Freiburger Rechtsmedizin in den Zeugenstand. Sie hat den Zahn des Angeklagten untersucht, den Ermittler in dessen Wohnung gefunden haben. Das DNA-Muster hätte erfolgreich identifiziert werden können, so Lutz-Bonengel.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Zahn zu einem anderen Menschen als Hussein K. gehöre, liege bei 1 zu 423 Trillionen. "Es gibt keine Zweifel daran, dass es sich um den Zahn des Angeklagten handelt", so die Professorin. Damit ist ihre Aussage beendet. Die nächsten Sachverständigen sind erst für 10 Uhr geladen. Bis dahin ist erst einmal Sitzungspause.
Was wird am zehnten Verhandlungstag passieren?

Am zehnten Verhandlungstag im Prozess gegen Hussein K. geht es um das Alter des Angeklagten. Drei Sachverständige haben Gutachten angefertigt und sollen nun von der Jugendkammer des Landgerichts gehört werden. Eine Rolle wird auch ein Eckzahn des Angeklagten spielen, der von den Ermittlern bei der Durchsuchung der Wohnung von Hussein K. gefunden wurde.


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Autor: Joachim Röderer