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15. Juni 2012

Am Bloomsday mit den Ohren in Dublin

Eine Großtat: SWR2 räumt sein Programm für eine 22-stündige Hörspielfassung des "Ulysses" von James Joyce.

  1. nach dem gleichnamigen Roman von James Joyce in 18 Kapiteln Foto: SWR

  2. James Joyce Foto: dpa

In der Geschichte des noch jungen SWR ist das Unternehmen beispiellos. Aber auch beim Vorgängersender SWF muss man lange suchen – und findet vermutlich dann doch nichts Vergleichbares. 22 Stunden hörbar gemachte Literatur am Stück: Ab morgen um 8 bis Sonntag früh um 6 Uhr sendet SWR 2 die Hörfassung von James Joyces Jahrhundertroman "Ulysses": Die Hörfassung, denn noch eine solche wird es wahrscheinlich nie mehr geben. Es ist Bloomsday, natürlich: Und so wird Klaus Buhlerts Mammutproduktion in Echtzeit über den Äther gehen. Der Hörer, der sich – wenn er Joyce-Fan ist – da und dort zum kollektiven "Ulysses"-Erlebnis rüstet, folgt Leopold Bloom und Stephen Dedalus, dem Anzeigenvertreter und dem Lehrer, Vater und (Zieh-)Sohn, Odysseus und Telemach synchron mit der Romanzeit auf ihrem Weg durch die irische Hauptstadt Dublin: Heimat des Schriftstellers, der hier am 16. Juni 1904 zum ersten Mal seine spätere Frau Nora Barnacle zum Essen ausführte.

In seiner grandiosen Vielstimmigkeit eignet sich der Roman wie kaum ein anderes Stück Großliteratur für eine Vertonung: Warum sie bisher noch nicht unternommen wurde, kann man im Nachhinein fast nicht verstehen. SWR-Hörspielchef Ekkehard Skoruppa hatte die Idee, und der Komponist und Regisseur Klaus Buhlert, bekannt für seinen so furchtlosen wie ingeniösen Umgang mit großen Textmengen, hat hier zu seinem Opus Magnum gefunden. 37 Schauspieler versammelt der "Ulysses" in seiner Hörspielversion. Und was für welche! Die Besetzungsliste liest sich fast wie das Who is Who der besten deutschen Schauspieler: Manfred Zapatka ist über weite Strecken der Erzähler, assistiert von Jürgen Holtz, Thomas Thieme, Rufus Beck und Corinna Harfouch. Jens Harzer – der zuletzt in der Uraufführung von Handkes "Immer noch Sturm" Triumphe gefeiert hat – ist ein wunderbar scheu-zynischer Stephen Dedalus, Dietmar Bär, der nicht nur den Kölner "Tatort"-Kommissar Freddy Schenk kann, leiht dem Protagonisten Leopold Bloom seine sonore Stimme, die grandiose Birgit Minichmayr, um die sich zuletzt die großen Bühnen in Wien und München gerissen haben, spricht den berühmten Monolog der Molly Bloom, der das achtzehnte und letzte Kapitel des Romans bildet. Ach ja: Dabei sind noch Josef Bierbichler, Werner Wölbern, Anna Thalbach, Felix von Manteuffel, Lars Rudolph, Margit Bendokat, Bibiana Beglau und und und.

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Es muss eine logistische Meisterleistung gewesen sein, diese nicht eben unbeschäftigten Größen für das sich über 17 Monate Planungs- und Produktionszeit ziehende Projekt verfügbar zu halten; man hat es, wie Buhlert es formuliert hat, um die Schauspieler und ihre Zeitfenster herum inszeniert. Ob sich der Aufwand gelohnt hat? Die Frage erübrigt sich beim ersten Hineinhören in Buhlerts "Ulysses": Auf Grundlage der 1979 erschienenen Referenzübersetzung von Hans Wollschläger, die in allergrößter Worttreue sehr behutsam gekürzt wurde, erweckt der Regisseur und Musiker mit seinem Dramaturgen Manfred Hess den Roman, der den inneren Monolog erfunden hat, zum überbordenden Leben: Und wer sich verliert in den der "Odyssee" nachgebildeten Kapiteln, denen der Autor in seinem sogenannten Gilbert-Schema je eine Figur und einen Gesang aus dem Epos sowie eine Uhrzeit, einen Ort in Dublin, eine Kunstrichtung, eine Farbe, ein Symbol und eine Erzähltechnik (uff!) zugeordnet hat, der muss das einfach hinnehmen und sich fortreißen lassen in diesen sehr katholischen Kosmos aus Sinnenlust und Sündenlast, aus derben Anzüglichkeiten und überaus gelehrten Anspielungen, aus hellwacher Wahrnehmung und subkutanem Bewusstseinsstrom, muss eintauchen in diese aus dem Reichtum einer Sprache und ihrer Geschichte – der exzentrische Marthaler-Schauspieler Graham Valentine hat als native speaker einen eindrucksvollen Auftritt – gebaute Welt.

Mit der nach Überblick suchenden Logik kommt man beim "Ulysses" jedenfalls nicht weiter: Ein handlicher Hörplan mit einer kurzen Zusammenfassung der 18 Kapitel und der jeweiligen Besetzungsliste, den der SWR herausgegeben hat und den man sich vom Internetportal des Senders auch herunterladen kann, ist für eine erste Orientierung im Dschungel der heterogenen Perspektiven und Stimmen schon sehr hilfreich. Und dann geht es ans Genießen: ach, diese Stimmen, diese grandiose Sprache! Und wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch einen kulturellen Auftrag hat, ist er hiermit mehr als erfüllt: Niemand sonst könnte eine solche Aufgabe schultern. Man darf dem SWR und seinem Kooperationspartner Deutschlandfunk für diese Großtat danken.
– "Ulysses": morgen ab 8 Uhr durchgehend in SWR 2. Die ersten 7 Episoden sendet DLF am 16. 6. ab 20.05 Uhr.
– Zeitgleich erscheint beim Hörverlag die CD-Ausgabe (22 CD für 99,99 Euro) und die mp3-Ausgabe (4 CD für 79,99 Euro). Ab Dezember wird das Hörspiel in Einzelepisoden wiederholt.
– Weitere Informationen und Hörplan: http://www.swr2.de/ulysses

Autor: Bettina Schulte


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