Atemlos durch die Nacht

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 19. Mai 2018

Klassik

Man kann ein Konzert auch in der Nachspielzeit gewinnen: Rudolf Buchbinders heterogener Freiburger Albert-Klavierabend.

Rudolf Buchbinder liebt’s dunkel. Nur Pianist und Instrument sind bei seinem Albert-Klavierabend im gut besuchten Freiburger Konzerthaus in einen warmen, an Kerzenschein erinnernden Lichtkegel gehüllt – Hommage an die Aufführungsrealität der alten Meister. Schade nur, dass das Spiel des 71-jährigen Österreichers zunächst so gar nichts zur Erhellung beitragen will. Bachs Englische Suite Nr. 3 g-Moll gerät ihm zur Pflichtübung, nicht mehr. Als bestehe die Tastenmusik des Barockmeisters aus unendlichen Linien in Gleichfluss. In der Sarabande lässt Buchbinder Spuren von architektonischer Durchdringung erkennen, etwas differenzierter die beiden Gavottes.

Auch Beethovens Appassionata findet bei aller technischen Meisterschaft (besonders Buchbinders linke Hand wirkt oft sehr strukturierend, Beispiel synkopische Bässe im Andante) zu keinem wirklichen Profil. Als vergesse der Interpret oft das Atmen, rauscht er durch das Allegro assai – atemlos durch die Nacht. Auf Wirkung versteht sich Buchbinder gleichwohl: Im abschließenden Presto lässt er dem meisterlichen Virtuosen freien Lauf und punktet so beim Publikum.

Natürlich ist Buchbinder weit mehr als nur ein "Einspringer" für den erkrankten Murray Perahia, dessen Abend es ursprünglich hätte sein sollen. Der Bruno-Seidlhofer-Schüler ist der Wiener Klaviertradition besonders verbunden, und so richtet sich der Blick mit Spannung auf seine Interpretation von Schuberts finaler B-Dur-Sonate Nr. 21. Buchbinder ist Pragmatiker, er sucht in Schuberts solitärer Musik nicht nach einem philosophischen Traktat – obwohl er ihn finden könnte. So wirkt das Grummeln im Bass nach dem achttaktigen Hauptthema zu direkt, fast geschäftsmäßig. Mit den Schubert’schen himmlischen Längen versteht der Interpret gleichwohl umzugehen, und so spiegelt dieser erste Satz in seiner bewussten Lakonie doch das wider, was Schubert damit gemeint haben könnte: einen Versuch über die Vergeblichkeit alles Irdischen. Der Pianist als Spiegelbild des Sisyphos. Buchbinder spielt alle vier Sätze attacca, um so die Kohärenz dieser gigantischen Klavierfantasie noch stärker zu betonen. Eine respektable, ästhetisch in sich schlüssige Interpretation.

Und dann drei Zugaben, mit denen der Routinier die Turbotaste drückt. Ein rasender, phänomenaler Ritt durch das Finale von Beethovens Sturm-Sonate Nr. 17 – technisch vom feinsten; eine filigran strukturierte, quirlige Gigue aus Bachs B-Dur-Partita; und Alfred Grünfelds salonesk-elegant-virtuose Strauß-Walzer-Paraphrase auf "Fledermaus", "Cagliostro" & Co. Sportlich ausgedrückt: Man kann ein Konzert auch in der Nachspielzeit gewinnen.