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03. April 2010

Augustinermuseum: Das Kreuz zu Ostern

Wie sich in einem gekreuzigten Christus im Freiburger Augustinermuseum schon der Sieger über den Tod darstellt.

  1. Kristallschnitt mit der Kreuzigung unter Sonne, Mond und Sternen, Trier, um 900 Foto: museum

  2. Der leidende Christus: Crucifixus dolorosus, West- oder Süddeutschland, um 1325/1350 Foto: museum

  3. Der erhabene Gekreuzigte, Südwestdeutschland, um 1100/1150 Foto: museum

Er ist ohne Kreuz, dieser Christus. Das ihm noch gegeben war, war aus späterer Zeit. Es ist entfernt. Und es will so scheinen, als bräuchte er es nicht zwingend. Es ist ein Gekreuzigter, den wir an der Wand im neuen Augustinermuseum sehen, – und ist es doch nicht. Er verkörpert das Kreuz-Zeichen selbst mit seinen ausgebreiteten Armen. Seine Füße sind von Nägeln durchbohrt, die Hände weisen die nämlichen Bohrlöcher auf. Aber es wird nicht die Geschichte eines grausamen Todes erzählt. Das Kreuz, das fehlt, war hier nicht Leidenswerkzeug und Schandpfahl. Dieser Gekreuzigte transzendiert das Leiden.

Kein Körper,

keine Qual

In Hamburg war er zuletzt, beim Gastspiel des Museums im Bucerius-Kunst-Forum. Die Erinnerung ließ ihn offenbar wachsen. Es wundert nun fast beim Wiedersehn, dass er kaum über einen Meter misst. Schmal ist er, grazil sind seine Glieder. Seine Haltung aber lässt ihn groß erscheinen. Man kann sagen, er sei monumental gedacht. Ein erhabener Christus. Da im ersten Kabinett rechts im eben eröffneten Kirchensaal des Museums ist dieser herrscherliche Gekreuzigte unter den ältesten Bildwerken das älteste: eine Figur im romanischen Stil, aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Sie wird für einen Platz hoch in einem Chorbogen gedacht gewesen sein oder an einer Chorschranke. Die Kapelle, aus der sie kommt, bei Oberwittstadt nah Bad Mergentheim war nicht ihr ursprünglicher Ort.

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Dass man zur Zeit ihrer Entstehung sehr wohl schon das Bild des leidenden Christus kannte, in der griechisch-orthodoxen Welt zumal, sagt Detlef Zinke im Museumsführer. Aber auch, dass die Romanik Christus in seiner Qual viel weniger sehen wollte denn als Triumphator. So sieht man ihn hier. Diese Kreuzigung ist sozusagen durchsichtig gemacht auf ihren heilsgeschichtlichen Sinn hin.

Das Gesicht des Heilands wirkt ruhig. Seine Augen schauen groß. Doch leibfern ist er gesehen. Sein nackter Oberkörper wenig ausgebildet: Brust, Rippen und Nabel sind dem Weidenholz nur gerade eingezeichnet. Die Füße stehen auf einer Platte, dem "Suppedaneum". Ja, dieser Erlöser hängt nicht am Kreuz. Er repräsentiert das Kreuz – das Sinnzeichen der Einheit und Mitte. Dieser Christus ist diese Mitte.

Ein kostbarer Kristallschnitt aus der Zeit um 900 – später wird er in der Schatzkammer des Museums wieder zu sehen sein – zeigt die Kreuzigung mit den Figuren von Sonne und Mond in einer kosmischen Dimension. Da aber ist es ein Christus, dem das heilige Blut der Eucharistie aus der Seitenwunde spritzt – dem "Lebensquell", von dem der romanische Christus nichts sagt. Selbst auch von seinem großplastischen Vorgänger, dem Kölner Gerokreuz, hebt er sich ab. Es gibt einen menschlich Leidenden wieder.

Unterschiedlich, ja direkt widersprüchlich erscheint das Bild des Erlösers am Kreuz zu verschiedenen Zeiten. Spuren von Holzstiften am Kopf des Oberwittstädters deuten an – Detlef Zinke wies darauf hin –, dass ihm womöglich später eine Dornenkrone aufgesetzt war. Dies hätte dann einem gewandelten Glaubensbedürfnis entsprochen, doch nicht diesem Bild des 12. Jahrhunderts. Eine andere, beinahe lebensgroße Holzskulptur des 14. gleich daneben an der selben Museumswand zeigt aber nun das Leiden mit expressiver Gewalt hervorgekehrt und den Gekreuzigten nicht anders als mit einer solchen Spottkrone, erniedrigt und geschunden. Die hervortretenden Rippen lassen ihn wie skelettiert aussehen. In der Seite klafft das Loch der Lanzenwunde. Der Kopf mit den geschlossenen Augen hängt kraftlos. Wirklich ans Kreuz genagelt ist der Mensch. Die Füße sind von einem Nagel in eins durchschlagen. Dieser "Drei-Nagel-Typus" ist ein Grundmuster des neuen Leidensbildes.

Die nach oben gereckten Arme der gotischen Skulptur lassen zweifelsfrei darauf schließen, dass das auch hier verlorene Kreuz ein Y-förmiges Gabelkreuz war. Es war, anders als das lateinische Kreuz des älteren Christus, ein Folterinstrument; förmlich aufgespannt war ihm der Körper. Als gewachsenes Holz hat es aber auch – im schroffen Gegensinn – als Lebensbaum gegolten. Das Erlösungswerk ist in diesem veristischen "Crucifixus dolorosus" in seiner äußersten Spannung zum Bild geworden. Dies ist der "Menschensohn", dem die Worte über die Lippen kommen: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen." Den Heiland so zu sehen, ist eine Zumutung des Glaubens. Und doch auch glaubenspraktische Methode. Was passiert ist, will im Andachtsbild hier tatsächlich mitfühlend erfahren sein. Die Frömmigkeit sucht Vergewisserung auf dem Weg der Identifikation.

Eine frühere Zeit wollte Christi Opfer sich so nicht vergegenwärtigen. Der Kreuztod kommt am Beginn der Geschichte der christlichen Bilder gar nicht vor. Dagegen steht das spätantike Motiv des jungen Gottes als Hirt – der Gute Hirte mit dem geschulterten Lamm. Der herrscherlich thronende Christus daneben auch, der sich aus der Bildwelt des römischen Kaiserreichs herleitet. In Symbolen ist Christus gegenwärtig: Fisch oder Lamm. Lamm und Kreuz werden zusammen gesehen. Das Kreuz als ein Siegeszeichen des neuen Glaubens.

Keine Spur von

Finsternis

Frühchristliche Sarkophage zeigen die Passionsgeschichte, doch im Zentrum nicht die Kreuzigung als ein Geschehen, sondern das Kreuz-Zeichen mit dem Monogramm Christi. Und auch ganz anders als später dann ist die Passion geschildert. Nicht als Leidensgeschichte. Der frühe Christus trägt da gar nicht schwer an seinem Kreuz. Er hält den Kreuzstab als Symbol seiner Bestimmung. Eine der ersten Darstellungen der Kreuzigung, an der Holztür des frühen 5. Jahrhunderts in der römischen Kirche Santa Sabina, zeigt Christus stehend mit ausgebreiteten Armen. Keineswegs an das Kreuz der Richtstätte geheftet.
Der romanische Triumphator aus dem Freiburger Museum, dem das Kreuz abhanden kam, steht ja auch, auf seinem schmalen Sockel, und lässt seine Geschichte im Vorschein ihrer Erfüllung verstehen. Sichtbar der Gekreuzigte nun zwar, ist er doch Sinnbild des Auferstandenen – Überwinder des Todes ganz offenbar schon. In diesem Christus, dessen Arme zu einer Segen spendenden Geste ausgebreitet sind, ist von der Finsternis von Golgatha keine Spur. Im Bild vom Karfreitag ist das von Ostern zugleich. Und dieser Gekreuzigte ist nichts anderes als das Bildnis der Heilsgewissheit.
– Augustinermuseum Freiburg, Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr. Geöffnet auch am Ostermontag.

Autor: Volker Bauermeister