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29. November 2009 19:44 Uhr

Archäologie

Ausbau der Rheintalbahn gefährdet historische Schätze

Seit mehr als 3000 Jahren siedeln Menschen am Ober- und Hochrhein. Deshalb gibt der Erdboden in dieser Region immer wieder Überraschendes frei. Der Ausbau der Rheintalbahn lässt bei Experten sämtliche Alarmglocken schrillen.

  1. „Wir arbeiten ohne jeden Eingriff in den Boden“, sagt GeologeChristian Hübner, der an der Burg Hohengeroldseck stattdessen mit geomagnetischen und geoelektrischen Messgeräten unterwegs ist. Foto: Christoph Breithaupt

FREIBURG. Pfosten bronzezeitlicher Holzbauten, keltische Wälle, römische Villen, Merowingergräber, romanische Kirchenfundamente – in der Region kommen die Archäologen kaum hinterher. Ihr Bemühen, durch systematische Bodenerkundungen Klarheit zu gewinnen, ist auf kleine Flächen begrenzt.

Derzeit sind wieder die Mitarbeiter einer Freiburger Firma für geopysikalische Bodenuntersuchungen in Südbaden unterwegs. In Bad Krozingen forschen sie in einem Neubaugebiet nach römischen Spuren. In St. Blasien wiesen sie nach, dass die romanische Vorgängerkirche des heutigen Doms wohl genau dort gestanden hat, wo sie in alten Plänen eingezeichnet ist. Im Badenweiler Kurpark machten ihre Geräte Fundamente eines weiteren römischen Bauwerks aus. Und an der Burg Hohengeroldseck suchen sie nach Grundmauern.

Den Römern mit Radar auf der Spur

Dazu graben sie den Boden nicht auf, sondern fahren die Fläche oberirdisch mit ihrem Radar ab. Äcker und Felder müssen dazu brachliegen. Deshalb bieten sich Herbst und Frühjahr für solche Kampagnen an. Die Fachleute setzen auf Radar, oder magnetische und elektrische Signale. Mit ihren Geräten spüren sie sogenannte Störungen im oberflächennahen Erdreich auf. Dabei kann es sich bloß um moderne Abwasserkanäle oder Stromleitungen handeln, aber eben auch um Fundament der Römerzeit. Diese Unterschiede lassen sich anhand der Pläne in den Gemeindeverwaltungen überprüfen oder durch gezielte archäologische Grabung. Alle Befunde werden kartiert und von den Archäologen analysiert.

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Die Untersuchungen finden im Auftrag der archäologischen Denkmalpflege im Regierungspräsidium Freiburg in ausgesuchten Bereichen statt. Aufgrund früherer Scherbenfunde auf den Äckern kann man nämlich archäologisch aussichtsreiche Flächen bestimmen. Wunschtraum der Archäologen wäre es freilich, wie Andrea Bräuning, die Leiterin der Abteilung, durchblicken lässt, wenn man richtig großflächig erforschen könnte, was in Südbaden an historischen Relikten im Boden steckt. Dann nämlich wüsste man, wo man bei Neubauten oder Aufgrabungen gleich "Vorsicht" rufen müsste.

Für Notgrabungen gerüstet

Doch auch die gezielten Erkundungen, meist aus Geldgründen auf wenige Hektar begrenzt, dienen unter anderem der archäologischen Schadensvorbeugung: Wenn amtlicherseits bekannt ist, dass an dieser Stelle etwas im Boden zu finden ist, dann kann sie je nach Bedeutung unter Schutz gestellt werden. Handelt es sich freilich um Bauland und um weniger bedeutsame Fundstellen, können mit Notgrabungen die historischen Relikte dokumentiert werden, ehe sie der Bagger endgültig zerstört.

Das gilt natürlich erst recht für den Ausbau der Rheintalbahn zwischen Offenburg und Weil am Rhein, die aus archäologischer Sicht mitten durch ein "Altsiedelland" führt. Die Denkmalpflege ist zwar zu den Plänen der Bahn gehört worden – aber die neuen Gleise haben wohl überall Vorrang für den historischen Funden. In Friesenheim oder in Mengen südlich von Freiburg werden bekannte Fundstellen angeschnitten – aber die Erfahrung lehrt die Archäologen, dass sie auf mehr unbekannte Fundstellen stoßen werden während des Bahnausbaus. Und so richtet man sich auf viele Notgrabungen ein – und auf viele Verluste.

Für Grabungen fehlt das Geld

Im und rund um den Kurpark in Badenweiler ist dagegen seit langem bekannt, dass man überall auf römischer Reste stoßen wird, wenn man nur ein wenig tiefer gräbt. Denn das Bad stand gewiss nicht alleine am Talhang. So hat ein umstürzender Baum im Park Mauerreste freigelegt, deren Umfeld jetzt geopysikalisch untersucht worden ist. Was man heute schon – wenn nicht ausgegraben, so doch im Boden – weiß, deutet auf einen lebendigen, gehobenen Kurort hin mit all der heute noch üblichen Infrastruktur mit Hotels, Tavernen und Läden.

Um all das auszugraben, fehlt das Geld – zumal vieles auf Privatgrund liegt. Aber die archäologische Denkmalpflege ist durchaus schon zufrieden, wenn sie die Relikte sicher im Schutz des Erdreichs weiß. Zumal dies den Staat nichts kostet – im Gegensatz zur Erhaltung freigelegter Ruinen.

Autor: Wulf Rüskamp