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09. Juli 2015

Deutsche Truppen ließen Zehntausende verdursten

Bundestagspräsident Lammert spricht erstmals von Völkermord an Herero und Nama / Bundesregierung vermeidet den Begriff.

  1. Herero-Flüchtlinge Foto: BERNARD & GRAEFE

Die Truppen von Kaiser Wilhelm II. sollten ihre Munition nicht vergeuden. Nicht für aufständische Schwarze. Also trieben deutsche Soldaten in den Jahren 1904/05 im heutigen Namibia Zehntausende Männer, Frauen und Kinder der Völker der Herero und der Nama einfach in die Wüste. Sie schütteten Gift in die wenigen Wasserquellen, schnitten die Fluchtwege ab und ließen die Leute elend verdursten. Experten gehen davon aus, dass 65 000 von 80 000 Herero und mindestens 10 000 von 20 000 Nama getötet wurden.

Das Stammesoberhaupt der Herero, Chief Vekuii Rukoro, nennt das Verbrechen den "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts". Die meisten Historiker sehen das genauso. Nach 1945 war Deutschland allerdings so mit der Verarbeitung der Nazi-Verbrechen beschäftigt, dass die Kolonialzeit verdrängt wurde. "Die extreme Brutalität des deutschen Kolonialismus wurde vergessen", sagt Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg.

Die Bundesregierung vermeidet das Wort Völkermord bis heute. Sie spricht stattdessen vage von Deutschlands "besonderer Verantwortung" gegenüber Namibia. Doch jetzt, 100 Jahre nach dem Ende der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, werden neue Forderungen laut, den Genozid an den Herero und Nama anzuerkennen und Wiedergutmachung zu leisten. Bestärkt wird dies durch die Tatsache, dass die deutsche Politik einen anderen Völkermord – den der Türken an den Armeniern 1915 – zum 100. Jahrestag im April nach langen Debatten beim Namen nannte. Bundesweit werden jetzt Stimmen für einen Appell "Völkermord ist Völkermord!" gesammelt. Die Opposition aus Linkspartei und Grünen will das Thema auf die Tagesordnung des Bundestags setzen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nannte nun in einem Beitrag für Die Zeit die Kolonialverbrechen in Namibia einen Völkermord. Aber auch so gibt es inzwischen Bewegung. Gespräche zwischen Auswärtigem Amt und Namibia laufen – wegen möglicher Entschädigungen, aber auch, um eine "gemeinsame Sprache" zu finden.

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Die Sache ist eigentlich auch klar. In seinem Schießbefehl vom 2. Oktober 1904 machte der damalige Generalleutnant Lothar von Trotha keinen Hehl aus den Absichten der deutschen "Schutztruppe": "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen." Noch in der gleichen Woche schrieb Trotha nach Berlin: "Ich glaube, dass die Nation (der Herero) als solche vernichtet werden muss." Die Deutschen machten die Sache gründlich. "Die Vernichtung der aufständischen Stämme wurde in Deutschland offen propagiert", sagt Historiker Reinhart Kössler, der Leiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg. "Dieser Völkermord war öffentlich angekündigt."

Den heutigen Stammesoberhäuptern, Vekuii Rukoro und Chief Dawid Fredericks von den Nama, sind Gespräche auf Regierungsebene nicht genug. Sie fordern, dass sie in die Verhandlungen einbezogen werden. Die Nama und Herero misstrauen der vom Ovambo-Stamm dominierten Regierung. Finanziell wird es für das reiche Deutschland wohl nicht um große Beträge gehen. Es gibt heute schätzungsweise 300 000 Herero und Nama. Sie wollen das Geld in die Entwicklung ihrer Regionen stecken.

Autor: Jürgen Bätz und Christoph Sator (dpa)