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28. August 2012
Drogenkrieg
Kartelle in Mexiko: Ist die Legalisierung von Drogen die Lösung?
Sein Sohn fiel dem Kampf gegen Mexikos Drogenbarone zum Opfer – nun kämpft Javier Sicilia für ein Ende des Gemetzels.
Es ist weniger sein eigenes Leben, um das Javier Sicilia fürchtet, als das seiner Landsleute. Keinem anderen soll es so ergehen wie seinem Sohn Juan. Ermordet, misshandelt, mit Klebestreifen über dem Mund, wurde der 24-jährige Medizinstudent im vergangenen Jahr zusammen mit sechs seiner Freunde am Stadtrand von Sicilias Heimatstadt Cuernavaca gefunden. Ein weiteres Opfer der absurden Wirren des eskalierenden Drogenkrieges im Land. Er starb, weil er die gestohlene Kamera eines Freundes eingefordert hatte und dabei in die Fänge von Mitgliedern eines Drogenkartells geraten war.
50 000 Menschen mussten in Mexiko ihr Leben lassen, seitdem der frühere Präsident Felipe Calderón vor sechs Jahren den Drogen und der Drogenmafia den Krieg erklärt hatte. Die Armee sollte im Landesinneren mit den Kartellen aufräumen – und gab den Startschuss zu einem Blutbad. Eine Politik, die Sicilia für "gescheitert, mit furchtbaren Konsequenzen für meine Heimat", bezeichnet.
Das persönliche Schicksal und ein kollektives Verantwortungsgefühl machten aus dem introvertierten katholischen Dichter Javier Sicilia einen Polit-Aktivisten. Einem Mann, der angetrieben von Schmerz und Glauben, "anderen Eltern in Mexiko die Qualen des Verlusts, den ich erlitten habe, ersparen will".
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Am letzten Sonntag erreichte Javier Sicilias "Friedensbewegung für Gerechtigkeit & Würde" die USA. Mit einem Buskonvoi überquerten er und seine Mitstreiter die mexikanische Grenze in Tijuana, San Diego in Kalifornien war die erste Station. "Was wollen Sie bei uns?" fragt ihn die US-Journalistin Amy Goodman in einem Interview. "Die Verantwortung teilen", sagt Sicilia
Ungefähr siebzig mexikanische Aktivisten, viele davon Angehörige von Opfern des Drogenkrieges in ihrer Heimat, und ungefähr dreißig Amerikaner begleiten Sicilia auf ihrer Reise quer durch das Land. Von der Westküste durch den tiefen Süden, mit Endstation in Washington D.C., sechs Wochen vor den US-Präsidentschaftswahlen im November.
Sicilias politische Ambitionen sind klar formuliert: "Ich setze mich unter anderem für die Legalisierung und damit eine Regulierung des Drogenmarktes ein. Insbesondere gilt das für Marihuana." Ungefähr sechzig Prozent der Gewinne, die jährlich in die Kassen der mexikanischen Drogenkartelle fließen, stammen vom illegalen Cannabishandel.
den Konflikt erst an
Spätestens seitdem kann sich Mexiko zumindest der militärischen Unterstützung durch die USA sicher sein. So werden mexikanische Marinesoldaten nicht nur von amerikanischen Militärfunktionären trainiert, der mächtige Nachbar liefert auch Kriegsgerät wie Black-Hawk-Hubschrauber und modernste Drohnen für die Luftraumüberwachung.
Sicilia wünscht sich jedoch eine amerikanisch-mexikanische Zusammenarbeit der anderen Art: "Die Gewalt in Mexiko eskaliert, der Krieg hat großes Leid über mein Land gebracht, deshalb fordern wir die Aufhebung der militärischen Unterstützung Mexikos durch die Vereinigten Staaten", erklärt Sicilia leise, monoton, immer bescheiden, fast entschuldigend.
Nicht nur die offiziellen Waffenlieferungen heizen den Konflikt weiter an, auch auf illegalem Weg strömen Gewehre und Handschusswaffen über die Grenze. "Der illegale Handel, insbesondere in Texas und Arizona, muss gestoppt werden", sagt Sicilia. Einem Bericht der mexikanischen Regierung zufolge gelangen bis zu 90 Prozent der Schusswaffen und Munition, die von den Kartellen gegen ihre eigenen Landsleute eingesetzt werden, heimlich nach Mexiko.
Auch in anderer Hinsicht dürfen die Kartelle mit ausländischer Rückendeckung rechnen. Die Profite, die sie erwirtschaften, werden oft mit der Hilfe von fremden Geldinstituten gewaschen. "Internationale Banken müssen für die Geldwäsche von Drogengeldern in die Verantwortung genommen werden und die mexikanischen Flüchtlinge, die aufgrund der andauernden Gewalt in unserem Land in die USA fliehen, benötigen einen sicheren Aufenthaltsstatus", erklärt Sicilia.
Auch wenn die Forderungen des Aktivisten naheliegend und oft angebracht klingen, ob sie in den USA und insbesondere in Washington D.C. inmitten des Präsidentschaftswahlkampfes Gehör finden werden, ist ungewiss. "Ich hoffe, dass die internationalen Medien über unsere Karawane berichten werden, vielleicht wird dann ein Dialog mit der US-Regierung möglich", sagt Sicilia. Zum Vorteil gereichen könnte ihm zudem die Angst einiger amerikanischer Politiker vor dem Sicherheitsproblem vor ihrer Haustür.
Rückendeckung erfährt der Aktivist zudem von zahlreichen südamerikanischen Staatsoberhäuptern. Bei einem regionalen Treffen in Kolumbien im April, zu dem auch US-Präsident Barack Obama geladen war, kritisierten die Präsidenten von Guatemala, Kolumbien, Costa Rica, Argentinien, Brasilien und Ecuador zum ersten Mal in ihrer Geschichte offen den von den USA initiierten mittlerweile vierzig Jahre andauernden Drogenkrieg.
Sicilias Schicksal lässt seinen Schritt in den politischen Aktivismus wie eine logische Konsequenz erscheinen. "Ein Kind zu verlieren, ist etwas sehr Unnatürliches", sagt er. Nach der Ermordung seines Sohnes führte er einen Protestzug in die Hauptstadt, 150 000 Menschen versammelten sich auf Mexiko Citys Hauptplatz. "Mit den Menschen kommt die Verantwortung", sagt der vom Time Magazine zur "Person des Jahres 2011" Gekürte.
Dem ersten Protestmarsch von Cuernavaca nach Mexiko City folgte ein Treffen mit dem mexikanischen Präsidenten. "Im Schloss Chapúltepec beobachtete ich eine anrührende Szene. Präsident Calderón traf auf eine Frau mit dem Namen María Elena Herrera, deren vier Söhne von Gangstern entführt worden waren. Der Präsident umarmte sie und ich konnte sehen, dass er zutiefst erschüttert war. Ich konnte erkennen, dass er versteht, dass diese Menschen Opfer sind, keine Statistiken. Ich sah den Schmerz in seinem Gesicht und in dieser Situation erschien mir selbst dieser Präsident menschlicher."
Die spirituelle Poesie hat Sicilia nach der Ermordung seines Sohnes zugunsten von politischen Artikeln aufgegeben. Am Wochenende schreibt er für die Huffington Post: "Wir werden auf unserer Reise zu Bürger-Diplomaten, um euch in den Vereinigten Staaten zu erreichen, und wir bitten euch um eure Hilfe, eine wahre, binationale Friedensbewegung aufzubauen. Lasst uns gemeinsam den Drogenkrieg beenden. Wartet nicht, bis der Schmerz euer Leben erreicht, wartet nicht, bis die sinnlosen Tode euer Leben erreichen. Wir müssen jetzt zusammen aus der Politik des Krieges eine Politik für den Frieden, das Leben und die Demokratie schaffen."
Die US-amerikanischen Medien reagieren und berichten mit zahlreichen Beiträgen, denn Sicilia wird in San Diego mit offenen Armen empfangen. Vielleicht ist das der Beginn eines Dialoges, dem sich dann auch US-Präsident Barack Obama nur schwer entziehen kann.
Autor: Lia Petridis Maiello





